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100 Jahre (Steiner-) Waldorfkindergarten und frühe Kindheit

| Philipp Reubke

Zart und hilfsbedürftig kommt das kleine Kind auf die Welt. In die Welt von heute, in der wir gerne unsere Stärke, Intelligenz und Unabhängigkeit zeigen.

Das Kind dagegen ist 100% abhängig, kann weder reflektieren noch planen, seine physische Existenz ist permanent bedroht.

Es kann aber etwas sehr gut, was viele Erwachsene nicht so gut können: Es ist bedingungslos an seine Umwelt hingegeben, es liebt uns so stark, dass es sich intensiv mit uns identifiziert. So stark, dass es unsere Art der Körperbeherrschung, der Kommunikation, der Reflektion einfach nach und nach übernimmt.

Dafür braucht es aber einige Jahre, und wir haben es nicht immer leicht, jemand in unserer Umgebung zu haben, der schwach, einfältig und abhängig ist. Wir lieben die Stärke, die Intelligenz und die Unabhängigkeit und sind immer weniger bereit, selber Kinder zu bekommen oder uns um Kinder zu kümmern. Die Geburtenrate sinkt in vielen Ländern, Erzieherinnen und Erzieher werden überall händeringend gesucht, ebenso wie Lehrpersonen.

Wenn uns das Kind zart anlächelt – sind wir dann bereit unsere raue Schale abzulegen? Unsere Tendenz, in unzähligen Konflikten unbedingt der oder die Stärkere sein zu wollen? Unsere Umwelt grob zu behandeln?  

Wenn das Kind schreit und tobt – sind wir dann bereit, wohlwollend zu bleiben? Tolerant, geduldig, aufrecht, auch wenn wir das Kind nicht immer verstehen?

Wenn das Kind uns dringend braucht – körperlich, seelisch oder geistig – sind wir dann bereit, in seiner Gegenwart so zu leben, zu arbeiten und zu sein, dass es sich allmählich in seinem Leib wohlfühlt und gesund und kräftig die Umgebung erkundet?

Das kleine Kind braucht unsere Güte, unsere innere Stärke und unsere Liebe. Je mehr wir sie kultivieren, je besser wird es auch dem Kind gelingen. Leben und arbeiten mit dem kleinen Kind kann eine riesige Herausforderung sein. Aber auch eine riesige Chance, uns diesen Qualitäten zuzuwenden, die in den heutigen Lebensbedingungen nicht einfach gedeihen.

100 Jahre Steiner/Waldorf Kindergarten und frühe Kindheit

Güte, Kraft und Liebe

Samen für eine gesunde Entfaltung

Der Council der IASWECE und die Pädagogische Sektion am Goetheanum bereiten anlässlich des 100. Geburtstages der Gründung des ersten Waldorfkindergartens durch Elisabeth von Grunelius eine internationale Tagung vor, die vom

8. bis 12. April 2026 am Goetheanum (Dornach/Schweiz)

stattfinden wird. Alle, die mit dem kleinen Kinde von Geburt bis sieben leben und arbeiten sind herzlich eingeladen. Merken Sie sich das Datum vor. Anregungen zur gemeinsamen Vorbereitung auf die Tagung werden folgen.

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So wie Blumen, Gemüse und Bäume bestimmte Entwicklungsbedingungen brauchen, um sich gut zu entwickeln, so auch die Kinder. So wenig Sinn es macht, Pflanzen künstlich zu zwingen, Blüten und Früchte zu bringen, die nicht in ihrer Natur angelegt sind, so wenig Sinn macht es, dem kleinen Kind durch Lernprogramme etwas beizubringen. Denn es will ja aus eigenem Antrieb so viel lernen und ausprobieren. Und das schafft es, wenn die Erwachsenen günstige Bedingungen hierfür geschaffen haben. "Kindergarten" – in diesem erstmals 1840 von Friedrich Fröbel eingeführten Namen für Vorschuleinrichtungen kommt diese Besonderheit des Kindes in den ersten sechs bis sieben Lebensjahren gut zum Ausdruck. Die Gärtnerin giesst, düngt und lockert den Boden, die Erzieherin kreiert einen Spielraum, strukturiert eine Spielzeit, gibt durch ihre Arbeit, ihre Sprache, ihre innere Haltung ein Vorbild – beide gestalten eine günstige Umgebung für freie Entfaltung und Aktivität.

Auch in der Selbsterziehung ist es wie im Garten und im Kindergarten. Durch Zwang und Vorschrift kann wenig bis nichts erreicht werden, alles kommt darauf an, dass ich selber bestimmte Qualitäten und Fähigkeiten so stark wünsche, dass ich sie tatsächlich entwickle. Auch hier sind bestimmte Bedingungen hilfreich, andere sind hinderlich, wer wüsste das nicht.

Hinderlich: Stress, Krankheit, Fanatismus, Konfliktsituationen, Schimpfen über andere, übertriebener Selbstbezug wie übertriebene Selbstvergessenheit, Stolz und Habgier …

Förderlich: Achtsamkeit auf die eigene Gesundheit, sich nicht in Konflikten verhärten, sich lieber selber ändern wollen als die anderen, die eigenen Gedanken und Gefühle so wichtig nehmen wie äusseres Verhalten, nicht den anderen die eigenen Gesichtspunkte aufdrängen, nicht die eigenen Gesichtspunkte und Intentionen vergessen, sich selbst treu sein und sich gleichzeitig für die Welt interessieren, dankbar sein und liebevoll.

Sind diese förderlichen Bedingungen für die Selbsterziehung nicht genau die Eigenschaften einer idealen Kindergärtnerin, von Mutter und Vater und Krippenerziehern? Sind nicht das auch die Eigenschaften, die wir durch Waldorf und Rudolf Steiner Pädagogik in den ersten Lebensjahren fördern wollen?

Das dachten jedenfalls die Kolleginnen und Kollegen im IASWECE Council und in der Vorbereitungsgruppe. Daher schlagen wir vor, zur Vorbereitung der Tagung "100 JahreWaldorfkindergarten und frühe Kindheit" ein Kapitel aus dem Buch "Wie erlangt man Erkenntnisseder höheren Welten? zu lesen, in dem diese Qualitäten beschrieben werden.[1] Bei der Tagung wollen wir dann genauer die folgenden Fragen bearbeiten …

  • Wie fördere ich konkret diese Eigenschaften bei mir selber?
  • Wie helfen wir uns dabei in der Einrichtung, unter Kolleginnen und Kollegen?
  • Was tun wir in unserer täglichen Erziehungspraxis, damit die Persönlichkeiten, die wir als Kinder um uns haben, später diese Eigenschaften entwickeln können?

Philipp Reubke

https://goetheanum.ch/de/veranstaltungen/internationale-kindergarten-tagung

https://100jahre.waldorfkindergarten.de/

Philipp Reubke ist ehemaliger Waldorfkindergärtner in Frankreich und Mitglied des IASWECE-Vorstands und -Councils. Seit Oktober 2020 ist er Mitglied der Leitung der Pädagogischen Sektion, ab 2022 zusammen mit Constanza Kaliks.


[1] Rudolf Steiner.- Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten (GA 10), S. 102 bis 110.