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Das Aussterben der (Natur-) Erfahrung

| Redaktion

Die Verbindung der Menschen zur Natur ist seit dem Jahr 1800 um mehr als 60 % zurückgegangen.

Dies spiegelt fast exakt das Verschwinden von Naturbegriffen wie Fluss, Moos und Blüte aus Büchern wider, so das Ergebnis einer Studie.

Computermodelle sagen voraus, dass die Verbundenheit mit der Natur weiter abnehmen wird, sofern es keine weitreichenden politischen und gesellschaftlichen Veränderungen gibt. Als effektivste Maßnahmen gelten dabei, Kinder bereits in jungem Alter an die Natur heranzuführen und städtische Umgebungen radikal zu begrünen.

Ursachen des Rückgangs

Die Studie von Miles Richardson, Professor für Human Factors and Nature Connectedness an der Universität Derby, verfolgt den Verlust der Natur im Leben der Menschen über 220 Jahre hinweg. Er nutzt dafür Daten zur:

  • Urbanisierung
  • Dem Verlust von Wildtieren in Wohngebieten
  • Dem Umstand, dass Eltern die Beschäftigung mit der Natur nicht mehr an ihre Kinder weitergeben.

Die in der Fachzeitschrift Earth (https://doi.org/10.3390/earth7020049) veröffentlichte Forschung prognostiziert ein fortschreitendes "Aussterben der Erfahrung". Künftige Generationen verlieren das Bewusstsein für die Natur, da diese in zunehmend bebauten Vierteln nicht mehr präsent ist und Eltern keine "Orientierung" zur natürlichen Welt mehr vermitteln.

Richardson zeigte sich überrascht vom Ausmaß der erforderlichen Änderungen. Eine Erhöhung der biodiversen Grünflächen in Städten um 30 % reiche nicht aus; das Modell lege nahe, dass eine Stadt zehnmal grüner sein müsste, um den Abwärtstrend umzukehren.

Während kurzfristige Aktionen (wie "#30DaysWild") gut für die psychische Gesundheit seien, halten sie den generationenübergreifenden Verlust nicht auf. Effektiver seien:

  • Waldkindergärten und ähnliche Ansätze für junge Familien.
  • Eine konsequente Umsetzung dieser Maßnahmen über die nächsten 25 Jahre, damit die Naturverbundenheit wieder zum "Selbstläufer" wird.

Interessanterweise gibt es Anzeichen für einen kulturellen Wandel: Seit 1990 nimmt die Häufigkeit von Naturbegriffen in Büchern wieder leicht zu (der Rückgang sank von 60,6 % auf 52,4 %). Ob dies an einem echten Umweltbewusstsein, dem Trend zum "Nature Writing" oder einem gesteigerten Interesse an Spiritualität liegt, bleibt laut Richardson noch offen.

Sein Fazit: "Ein neugeborenes Kind ist heute im Grunde dasselbe wie ein Kind im Jahr 1800. Kinder sind von der Natur fasziniert. Es ist entscheidend, diese Faszination während der Kindheit und Schulzeit zu erhalten."

Die Sheffield-Zahlen: Naturkontakt im Alltag

Die Studie hebt eine alarmierende Statistik aus Sheffield (Großbritannien) hervor, um das Ausmaß der Entfremdung zu verdeutlichen:

  • Der Ist-Zustand: Menschen verbringen dort durchschnittlich nur 4 Minuten und 36 Sekunden pro Tag in natürlichen Räumen (p. 2).
  • Die Zielsetzung: Richardson schlägt vor, diesen Wert um den Faktor 10 auf etwa 40 Minuten täglich zu steigern.
  • Wenn Menschen die Natur nicht mehr im Alltag erleben, sinkt auch ihr psychisches Wohlbefinden und ihr Bewusstsein für ökologische Belange. 

Waldkindergärten: Der Schlüssel zur Umkehr

Laut dem Forschungsmodell sind Waldkindergärten (oder "Forest School Nurseries") eine der effektivsten Interventionen, um den intergenerationalen Verlust der Naturverbindung zu stoppen:

  • Emotionale Bindung: Im Gegensatz zu rein wissensbasiertem Unterricht fördern Waldkindergärten die emotionale und sinnliche Verbindung zur Natur (über die Erfahrung wie Schönheit, Mitgefühl und Sinnhaftigkeit).
  • Langfristige Effekte: Kinder, die Naturkindergärten besuchen, zeigen eine messbar höhere Naturverbundenheit sowie ein stärkeres Verantwortungsgefühl für die Umwelt als Kinder in traditionellen Einrichtungen. 
  • Ganzheitliche Entwicklung: Neben der Naturverbindung profitieren Kinder von:
    • Physischer Gesundheit: Stärkung des Immunsystems und der motorischen Fähigkeiten durch Bewegung im freien Gelände.
    • Psychosozialen Kompetenzen: Förderung von Kreativität, Selbstvertrauen und sozialem Miteinander durch freies Spiel mit Naturmaterialien.
    • Bildungsvorteilen: Studien deuten darauf hin, dass "Waldkinder" oft eine höhere Motivation, Ausdauer und Konzentrationsfähigkeit im späteren Schulunterricht zeigen.

Während kurzfristige Kampagnen die Stimmung heben können, sind es die tägliche Routine und die frühkindliche Prägung in Waldkindergärten, die eine dauerhafte Rückkehr zur Natur ermöglichen.

The Guardian