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Die Bedeutung der Bewegung für Körper und Psyche

| Mathias Maurer

Fachkolloquium des Tessin-Zentrums für Gesundheit und Pädagogik an der Freien Hochschule Stuttgart am 9. März 2026.

Mit den Referenten Jürg Bigler, langjähriger Sportlehrer und Ausbilder in der Schweiz, und Prof. Dr. med. Friedrich Edelhäuser von der Universität Witten-Herdecke, fand am 9. März ein Fachkolloquium an der Freien Hochschule Stuttgart statt. Teilgenommen haben Eurythmisten, Heileurythmisten, Ärzte, Klassen- und Sportlehrer sowie einige Studierende.

Friedrich Edelhäusers Doppelvortrag behandelte die Themen "Grundlagen einer allgemeinen Bewegungslehre – Zur gesundenden Wirkung von Bewegung auf den menschlichen Körper" und "Selbstbewegung als zentraler Schlüssel für die Wahrnehmung, Selbsterfahrung, die seelische Gesundheit und die Ich-Entwicklung". In seinem Grundlagenwerk "Wahrnehmen und Bewegen" zur Bewegungslehre (2022) hat er diesen Forschungsansatz ausführlich entwickelt.

Schon 2013 stellte die Bundesärztekammer fest: "Bewegung wirkt wie ein Medikament", sowohl bei Herz-Kreislauf- und Tumor-Erkrankungen als auch bei Adipositas und Demenz. Bewegung ist im lebenden Organismus allgegenwärtig und essentiell: Ohne sie keine Wahrnehmung, keine Gehirnreifung, keine Sinnesentwicklung. Zahlreiche wissenschaftliche Studien belegen inzwischen Rudolf Steiners Ansatz in der "Allgemeinen Menschenkunde", wie wichtig ein gesunder Rhythmus von Schlafen und Wachen und Atmung ist und wie eng Bewusstseins- und Bewegungsprozesse miteinander verflochten sind. Allerdings ist es eine unbedingte Voraussetzung, dass die menschlichen Systeme – das Nerven-Sinnes-System, das Gliedmaßen-Stoffwechsel-System und das Rhythmische System sowie ihr harmonisches und gesundes Zusammenspiel – tatsächlich auch in Aktivität sein müssen, damit sie nach dem Prinzip use it or lose it – gut funktionieren. Edelhäuser stellt hier dem Reiz-Reaktions-Modell ein zirkuläres Kausalitätsmodell entgegen, das allen menschlichen Lebensprozessen eignet. Nicht das Gehirn, sondern die Wahrnehmung steuert die Bewegung und über die Atmung wird die Gehirntätigkeit moduliert. Die autonome und intentionale Selbstbewegung in Raum und Zeit lässt uns als Ich begreifen, in dem über die Wahrnehmung und Bewegung eine Kohärenz zwischen Leib und Welt erfahren und im Einklang mit ihren Gesetzen erlebt wird. Ein tendenziell "bewegungsloser" Medienkonsum reduziert dagegen positive Selbstwirksamkeitserfahrungen.

Jürg Bigler, Mitverfasser des Grundlagenwerkes zum Sportunterricht an Waldorfschulen (2018, Neuauflage 2026), führte mit einer Ode auf die Bewegung in die Praxis der Bewegungslehre ein. Die Auswirkungen von Bewegung auf den Körper und die Psyche veranschaulichte er an zahlreichen Übungen, die die Teilnehmer selbst durchführten. Auch erlebten wir, wie Vorstellungen und Gefühle Bewegungen positiv oder negativ beeinflussen können. Generell unterstützt Bewegung die Ausbildung aller Sinne, insbesondere die sogenannten unteren und mittleren Sinne und die dann durch diese Primärerfahrung gestützten sogenannten oberen Sinne. Die unterschiedlichen Sportarten können gezielt eingesetzt werden, um spezifische Erlebnisse und Effekte zu ermöglichen, sei es Diskuswerfen gegen Depressionen, Teamspiele gegen Mobbing oder Eislaufen zum inneren Schwung holen. Spiele wirken oft direkter und effektiver als Worte – ein in der pädagogischen und erzieherischen Praxis hilfreicher Grundsatz.

In den Gesprächseinheiten fand ein intensiver Austausch über die referierten Inhalte, aber auch über deren pädagogischen Implikationen und Perspektiven statt.

Die Fachkolloquien des Tessin-Zentrums werden zu verschiedenen Themen fortgesetzt.