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Ein Ausstieg für den Einstieg

| Beat Richert

KerbHolz28 begleitet Kinder und Jugendliche nach Schulunterrichtsausschluss mit einem naturpädagogischen Angebot zurück in die Klasse.

Frau Zbinden, Sie haben mit KerbHolz28, einer Soforthilfeeinrichtung in Bollingen (Schweiz), einen besonderen Lern- und Lebensraum geschaffen, in dem Kinder, die im Regelschulsystem nicht mehr tragbar waren, neue Chancen bekommen. Was hat Sie dazu veranlasst, diese Waldschule zu gründen?

 

Nichts fällt vom Himmel, auch Ideen nicht. Viktor Hugo sagte: Nichts ist so mächtig wie die Idee, deren Zeit gekommen ist. Alles kommt aus einer Reihe von Ereignissen, Verkettungen, Umständen und Umsetzen von langen Vorbereitungen. Um die Jahrtausendwende kamen die ersten Kinder einer neuen Generation in die Schulen. Das elektronische Zeitalter kündigte sich an und die alten Schulstrukturen bekamen sichtbare Risse. Querschläger in den Schulen gab es schon immer. Manchmal konnten die Lehrer sie auffangen; manchmal gab man sie auf; manche warteten das Ende der Schulzeit ab, um dann selbst durchzustarten. Doch die Schwierigkeiten mehrten sich. 2001 zog das Kantonale Parlament des Kantons Bern, der Große Rat, die Reißleine und beschloss mit dem Gesetzesartikel 28 im Volksschulgesetz, dass Kinder und Jugendliche, die mit ihrem Verhalten den Unterricht stören oder behindern, für 12 Wochen von der Schule verwiesen werden können. In dieser Zeit müssen sie sich "bessern" und dann zurück in die alten Strukturen finden.

Zu der Zeit war ich in der Umschulung zur Pädagogin, ich hatte Zeit, einen Plan, eine Vision und fand Menschen, die dies alles mittragen wollten. Meine eigene Schulzeit war eine Leidenszeit und meine Töchter litten ebenfalls. Die Frage nach einer guten, glücklichen Kindheit war also auch nicht vom Himmel gefallen.

Als Bauernmädchen in einer kleinen Landschule wurde mein Lernhunger als Faulheit auf dem Hof gesehen. Mobbing in der Schule hatte noch keinen Namen, es wurde weggesehen. Ich musste erst auf Geheiß der Familie ein Bauernlehrjahr absolvieren. Frauen müssen Kochen und Haushalten können, das war die allgemeingültige Sicht der damaligen Gesellschaft. Ich kam aus der Schule als das Frauenstimmrecht sechs Jahre alt war. Dann wurde eine Gärtnerinnenlehre für mich bestimmt. Als Zwischenjahr durfte ich eine Ausbildung zur landwirtschaftlichen Kauffrau machen. Als ich dann ausbrach und, wie Unkenrufe es vorausgesagt hatten, schwanger wurde, duckte ich mich nicht, sondern gründete eine Gartenbaufirma. Erst machte ich nur Unterhaltsarbeiten, nach und nach fing ich an, Gärten zu gestalten. Hier kam mein Berufswunsch, künstlerisch zu arbeiten, zum Tragen. Nach und nach stellte ich Personal ein, bis ich dann elf Mitarbeiter hatte und auch Tiefbauarbeiten wie auch Renaturierungen ausführte. Nach 15 Jahren musste ich aufgeben. Zum einen, weil es familiär schwierig wurde und zum anderen, weil ich in diesem rauen Berufsfeld nicht mehr weitermachen wollte.

Ich jobbte als Alleinerziehende mit  Kindern, wo es etwas zu tun gab. Bis ich mich erholt hatte und mich für die Ausbildung zur Lehrperson an der Rudolf-Steiner-Schule entschloss. In dieser Zeit arbeitete ich in einer Drogen-Reha im Gartenbau. Nach dieser intensiven Zeit und dem Abschluss zur Waldorf-Pädagogin wollte ich nicht in den gewöhnlichen Unterricht. Mich interessierten die jungen Menschen, denen der Weg versperrt wurde, durch Auflagen, Ausgrenzung, Überforderung, Mobbing und alles, was ich auch erlebt hatte.

Allein die Startzeit war ein Lehrgang wie ein Studium. Das Kind brauchte einen Namen: Viele Begriffe waren schon belegt, wie Terra Nova oder Kontiki, und Time Out Camp durfte nicht genutzt werden Mit dem Kerbholz, einem mittelalterlichen (oder noch älteren) Zahlungsmittel, fand ich eine gute Metapher: ein verziertes Holzstück, das in zwei Teile geschnitten und bei erbrachten Leistungen oder Aufnahme einer Schuld vom Geber und Nehmer zusammengefügt wurde und so eine Kerbe bekam. Bei Bezahlung wurden die Kerben gelöscht oder ein neues Kerbholz erstellt.

Am 24. April 2004 gründeten wir zu dritt den Verein KerbHolz. Diese Geschäftsform ermöglicht als NGO frei von anderen Einflüssen öffentliche Gelder oder Spenden entgegenzunehmen.

 

 

Zu Ihnen kommen oft Kinder, die vom regulären Unterricht ausgeschlossen wurden oder für die noch kein Sonderschulplatz gefunden werden konnte. Wie wirkt sich das Timeout auf die Kinder aus?

 

Kinder, die in dieser Welt geboren werden und keinen Bezug zu den Ängsten ihrer Vorfahren haben, sind in einer völlig anderen Denkwelt und fordern völlig andere Grundlagen. Sie sind Gestalter und nicht Erhalter. Werden sie in ihrem gestaltenden Willen gehindert, kann das zu schwierigen Situationen für sie und ihr Umfeld führen.

Wird ein Schüler vom Unterricht ausgeschlossen – man spricht explizit von einem Schulunterrichtsausschluss, die Schüler sind nach wie vor in ihrer Stammschule eingeschrieben – ist das für die betreffende junge Person ein massiver Eingriff, oft auch ein Schock. Es ist als strafende Maßnahme gedacht und kommt auch so bei den meisten Beteiligten an. Die jungen Menschen sind dann auch zu Beginn völlig aus der Bahn geworfen. Sie fühlen sich durchs Band unfair behandelt, nicht gesehen und nicht gehört, minderwertig und ohnmächtig.

Sonderschulen im Kanton Bern heißen seit 2024 die Besonderen Volkschulen. Aus diesen Schulen kommen die meisten Schüler, sie wissen nicht, was geschehen ist und sind durch die Umfeldstörung sogar traumatisiert. Eine Reflektion ihres Verhaltens ist nur bedingt möglich.

Das grundlegende Problem ist bereits in den Volksschulen entstanden, wo Lehrerpersonen und Schüler dermaßen unter Druck stehen, dass diejenigen, die einen größeren Aufwand verursachen, in die Besonderen Volkschulen abgeschoben werden.

Diejenigen mit ernsthaften Diagnosen, für die eigentlich diese Einrichtungen gedacht sind, können nicht mehr adäquat betreut oder beschult werden. Sie reagieren auf die Durchmischung mit massiven Ausfällen und werden somit hinten wieder ausgespült. Diese Schüler bleiben in der Regel mindestens ein Jahr bei uns. Bereits vorher hat sich in den Sonderschulen diese Tendenz abgezeichnet und wir betreuen unterdessen mehrere Schüler durchgehend seit vier Jahren.

Insgesamt gilt, was wir heute als krankhafte Deformationen bezeichnen, sind nichts anderes als zurückgehaltene, verhinderte Zukunftskräfte.

Dies fordert viel von uns: Vor allem fordert es uns heraus, und das ist ebenfalls eine Zukunftskraft.

 

Wenn die Kinder zu Ihnen kommen, haben sie meist schon viele negative Erfahrungen in Schule und Elternhaus gemacht. Welche Verhaltensdefizite, Probleme, Sorgen oder Ängste beobachten Sie an ihnen?

 

Seit 2004 haben wir im KerbHolz28 etwa 325 Schüler betreut. Es gibt genauso viele Variationen von Hilferufen, wie es junge Menschen gibt, die bei uns waren.

Ich beobachte, dass sich in diesen 21 Jahren die Schüler verändert haben. Früher hatten wir noch renitente, lernbehinderte, aufmüpfige und faule Schüler – jedenfalls aus der Sicht derjenigen, die sie zu uns geschickt haben.

Die gesamte Gesellschaft hat sich verändert und die Schüler sind das sichtbare Resultat davon. Vermehrt sind es Kriegstrauma, Generationentrauma – meistens als Autismus-Spektrum-Störung (ASS) oder Posttraumatische Belastungsstörung – , seltener als Aufmerksamkeitsdefizit- / Hyperaktivitätsstörung (ADHS) diagnostiziert – oder Dissoziative Störungen. Kinder ohne Diagnosen gibt es nur noch wenige.

Die medizinischen Stellen sind nicht in der Lage, die Menge der Schüler, die abgeklärt werden sollten, aufzunehmen. Dringende Abklärungen werden verschoben oder vergessen, kommen oft zu spät. Andere werden zu schnell oder zu ungenau ausgestellt.

Die sogenannten Minderleister – die häufigste Auffälligkeit bei uns – werden als lerneingeschränkt oder ADS angesehen, dabei sind sie schlicht und einfach unterfordert. Meist sind sie an der Grenze zu hochbegabt und werden als typisch teilhochbegabt wieder ins ASS-Lager eingeteilt.

 

Die Kinder im Camp müssen richtig zupacken: Holz hacken, kochen, bauen, Wasser holen usw. Wie wirkt sich der körperliche Einsatz auf die Kinder aus? Nehmen Sie Verhaltensänderungen wahr?

 

Grundsätzlich müssen die Kinder gar nichts, sie dürfen, und zwar alles. Einige schuften richtig gehend körperlich, andere frönen das Nichtstun nach Lao Tse und liegen auf der Waldwiese. Wobei sie eben da auch viel tun, innerlich, und es zeigt sich dann, ob was geschieht oder nur Blödsinn entsteht.

Grundsätzlich: Im KerbHolz28 fällt der reguläre Schulunterricht weg. Das Konzept ist darauf ausgerichtet, dass die Schüler im Schulunterrichtsausschluss genug von der Schule haben oder eine große Reizüberflutung verarbeiten müssen. Sie erhalten Raum und Zeit, ihre Ressourcen zu entdecken, um wieder Vertrauen in sich und die Welt zu gewinnen.

Durch investigatives und im Verlauf des Programmes durch immersives Lernen, lernen die Schüler weiter ohne den gewohnten Unterrichtsstress. Sie erkennen im Verlauf der Zeit, dass sie ihr vorhandenes Wissen täglich anwenden und wofür sie bis jetzt in der Schule gelernt haben. Dies ist eine Erkenntnis, die sie erwachen und den Sinn der Schule im neuen Licht sehen lässt und den Wunsch nach weiterem Lernen weckt. Sie bauen, kochen, kaufen ein, und alles ist eine Frage der Masse, der Verhältnisse, der Kräfte und des Denkens. Geschult wird die Naturwahrnehmung, das kleine Ökosystem Wald, das mit dem globalen verbunden ist. Es braucht die Schulung des Zusammenhangs, soziales Gespür sowie das Erleben einer Gemeinschaft, die aufeinander angewiesen ist.

Bewegungen, äussere wie innere, werden angeregt und verschiedene Spielplätze im Wald sind dafür geeignet, sich durch äußere Bewegungen kognitive Fähigkeiten anzueignen, die den regulären Schulunterricht wieder tragbar machen.

Die Spielanlagen im Wald sind aus neuropsychologischen und pädagogischen Gesichtspunkten angelegt. Es wird im Alltag eine Vielfalt von therapeutisch wirkenden Aktivitäten angeboten: Gewaltprävention, Gestaltungstherapie, haptische und taktile Erfahrungen, den Gehörsinn stabilisierende Tätigkeiten usw.

Es wird ressourcenorientiert gearbeitet und jedes Kind erhält das auf ihn zugeschnittene Programm.

Das Konzept und die Umsetzung entsprechen dem Lehrplan 21 und die Kinder sind in der Regel mit dem Stoff auf gleicher Höhe wie ihre Schulklasse.

 

 

Sie sagen: "Die Schüler bekommen bei uns die Chance, das Geschehene zu verarbeiten, sich damit zu versöhnen und ihre Stärken zu erkennen." Können Sie beschreiben, welche pädagogischen Prinzipien Sie und Ihr Team anwenden, um Kindern, die vielleicht wütend, traurig oder verschlossen sind, neue Lern- und Lebensperspektiven zu eröffnen?

 

"Mein Leben ist gelaufen!" – Eine Aussage eines elfjährigen Schülers. Das tut weh. Bei Nachfrage, wie er darauf kommt, ging es um eine Drohung der Lehrperson: Wenn du jetzt nicht spurst, dann wirst du nie eine Arbeit finden …

Zuhören, Beziehung aufbauen und das Wichtigste: ernst nehmen. Die Schüler, die zu uns kommen, sind alle durchgeschüttelt. Ein Ausschluss aus einer Gruppe, in die sie hineingesteckt wurden – nichts war wählbar, weder Gruppe, Lehrperson noch Zeiten oder Stoff – mit der Botschaft, du bist nicht willkommen, du bist fehlerhaft, geh weg – bedeutet ein Abschneiden von sämtlichen sozialen Lebensfäden. Die Einzigen, die noch sichtbar sind vom System, sind wir – im Wald in der Pampa!

Einige kooperieren, andere gehen in den Widerstand, einige verschließen sich. Auch das ist individuell. Wichtig ist in dieser Phase, dass sie zur Ruhe kommen. Wir lassen sie, sie müssen nichts. Sie dürfen erzählen, müssen aber nicht. Auch wenn die Erzählungen oftmals auch Räuberpistolen sind, wird das nicht in Frage gestellt. Eingeschliffene Verhaltensmuster zeigen sich sehr schnell, wenn sie merken, dass es uns Ernst ist. Wer reden will, findet jederzeit einen Ansprechpartner; es gibt kein Falsch oder Richtig, nur eine Situation, mit der man arbeiten kann.

Sich Zeit nehmen in den Gesprächen gehört zum Konzept, auch schweigen, Augenkontakt und die klare Ansage: Deine Ziele sind auch meine Ziele. Wir gehen den Weg mit dir. Fragen von uns an die Schüler müssen nicht beantwortet werden, sie dürfen sich auf den Weg ins Innere machen und werden wieder auftauchen, entweder als Nachfrage oder philosophische Aussage.

Braucht es eine Maxime oder eine Philosophie für die Umsetzung einer pädagogischen Idee? Alle große Pädagogen wie Pestalozzi, Rousseau, Fröbel, Montessori, Steiner oder Dewey waren Kinder ihrer Zeit. Unser Schulsystem ist – leider weltweit – immer noch das der preußischen, viktorianischen, kolonialen Welt. Bildung diente nur dazu, den Bedarf an Beamten, Ingenieuren und Verwaltern zu decken. Es ging nie um die Kinder. Erst später wurden ihre Bedürfnisse erkannt, aber auch nur, um sie besser zu "fördern", im Sinne der Wirtschaft leistungsfähiger zu machen.

Noch heute ist es die Wirtschaft, die den Maßstab der Bildung vorgibt. Die Bildungsziele der PISA-Studien zum Beispiel werden von der OECD definiert.

Wir müssen aber in eine neue Pädagogik investieren. Mit KerbHolz28 liegen wir quer in der Schullandschaft. Kinder und Jugendliche sich frei entwickeln lassen, bedingt die Gelassenheit der Erwachsenen um sie herum. Die Schüler merken selbst, was erledigt werden muss. Sie entscheiden selbst, ob sie das in Gruppen, in Modulen, in welchem Tempo und in welcher Art sie diese Aufgabe lösen. Oft reichen schon Beobachtungen im Alltag, woraus eine Fragestellung entsteht:

  • Einkaufen – Was steht alles auf den Produkten und wieso?
  • Totes Tier im Wald – Was ist das, warum, was ist zu tun?
  • Ausflüge – Vorbereiten, planen, durchführen, Budget erstellen, Fahrplan lesen. Was nehme ich mit?
  • Waldhütte bauen – Planen, berechnen, Materialkunde, Werkzeugkunde, Statik, Umsetzung
  • Holzen – Sicherheitsvorkehrungen, Holzarten, Werkzeuge, spezifisches Gewicht
  • Kochen – Menüplan, einkaufen, mise en place, zubereiten, metrische Einheiten, Gewürze, Herkunft der Lebensmittel, Tagesbedarf, Schritte in der Umsetzung
  • Kunst – Schnitzen, malen, Musik, Steinhauen, Lehmbauten, Töpfern

Dies nur einige wenige Themen.

Es geht es im KerbHolz nicht darum, das optimale Wissen zu vermitteln, sondern um das Menschwerden, um dann als erwachsener Mensch partizipieren und diese Welt gestalten zu können.

 

Ein besonderer Aspekt von KerbHolz28 ist, dass Sie den Kindern Freiräume lassen, ihre Tätigkeiten selbst zu bestimmen. Wie erleben Sie diesen Ansatz im Hinblick auf die psychische und physische Gesundheit der Kinder? Inwiefern stärkt es sie, wenn sie spüren, dass ihre Entscheidungen und Fähigkeiten im Alltag zählen?

 

Dazu eine Geschichte:

Lorenz wollte nichts wissen vom Wald, auch nicht von der Schule, vom Müssen schon gar nicht, und uns fand er nur alt und blöd. Seine Mitschüler durften wir nicht als seine Schulkollegen bezeichnen, denn es war ja gar keine Schule. Man würde hier nichts lernen. So zog er mit dem kleinen Spaltbeil los, einen Baum zu fällen. Nun, wir dürfen das nicht einfach so machen. Der Wald gehört dem Kanton. Mit der großen Axt ging ich ihm nach. Von einem Baum wusste ich, dass er weg musste, weil oben schon abgedorrt, und er stand so am Hang, dass er beim nächsten Sturm in den Bach knicken würde.

Dass er nicht alle Bäume anhauen durfte mit dem Beil, hatte Lorenz nun begriffen. Ich zeigte ihm den Baum, den er fällen konnte. Was er damit wollte? Unten auf dem Platz eine richtige Hütte bauen, nicht so ein Schrott, wie jetzt dort stand. Na, dann nur zu! Ich zeigte ihm noch, wie die Axt zu handhaben war. Dies schaute er sich widerwillig an, und dann ließ ich ihn allein.

Die Distanz zur Forsthütte betrug etwa 20 Meter, aber Lorenz war nicht zu überhören, bis wir nach Hause mussten. Dass der Baum nicht beim ersten und zweiten Schlag hinfiel, gab Lorenz zu denken und spornte ihn an, am nächsten Tag Kleinholz daraus zu machen. Es dauerte eine Woche, bis der Baum fiel. Mit stolz geschwellter Brust verkündete er seine Heldentat. Nun musste er den Baum noch ins Lager schleppen. Der Stamm war ungefähr 20 Zentimeter dick. Als wir ihn begutachteten, stellt Lorenz stolz seinen Fuss darauf und verkündete: "So, nun nehme ich ihn mit!"

Aber oh Wunder! Der Stamm war zu schwer zum Anheben. Also müssen erst die Äste weg, die sind alle schon dürr, das geht schnell, aber der Stamm ist immer noch zu schwer. Wir beratschlagten, wie wir ihn bewegen könnten. Mein Rat, erst einmal zu berechnen, wie schwer er war, wird tatsächlich gehört. Erst einen Kreis berechnen, dann einen Zylinder, dann das spezifische Gewicht. Wir sassen mit Block und Stift auf den Stamm und suchten die Formeln zusammen. Auch das gelang. Aber wie konnten wir fast 1000 Kilogramm 20 Meter weit schleppen?

Ich erklärte ihm das Prinzip der Umlenkrollen. Jede Rolle halbiert das Gewicht. Die Rolle selbst muss nur stark genug sein. Dann ab in den Baumarkt! Lorenz ließ sich von einem Fachmann alles erklären und rechnete nach, wie viele Rollen er brauchte, dass er nicht mehr als fünf Kilo ziehen musste. Bei der Installation ließ er sich noch helfen, dann war er für sich beschäftigt. Es ging jedoch nur im Zick-Zack durch den Wald, und so musste er immer wieder seine Umlenkrollen umhängen. Ab und zu hörten wir ihn singen. Die anderen Jungs wunderten sich, respektierten jedoch seinen Wunsch, allein zu sein, wurden allerdings immer neugieriger, was er denn da hinter der Forsthütte anstellte.

Nach zwei Wochen Werkeln lag der Stamm auf dem Platz vor der Forsthütte. Geduldig wickelte er die Seile auf, trug die Umlenkrollen in den Werkraum. Wir standen alle staunend vor dem Stamm auf dem Platz. Lorenz hatte aber das Interesse an ihm verloren; vielmehr ist er mit den Umlenkrollen beschäftigt.

Stolz erklärt er: "Das ist ja Minuspotenzieren! Ich hätte nie gedacht – das hatten wir in der Schule –, dass ich das jemals brauchen würde!"

 

 

In der öffentlichen Diskussion wird oft betont, wie wichtig es ist, dass Schule fürs Leben bildet. Welche Erfahrungen von KerbHolz28 könnten Lehrkräfte inspirieren, dass Schulen gesündere und lebensnähere Lernorte werden?

 

Öffentliche Diskussion und Schule ist schon etwas kafkaesk: Ein großes Bla. Worum geht es in diesen Diskussionen wirklich? Fragt man Politiker, dann geht es ums Sparen. Fragt man Lehrpersonen, da geht es um den Stoff und die optimale Didaktik. Fragt man Eltern, da geht es um die besten Zukunftsaussichten. Fragt man die Schüler, geht es darum zu genügen. Aber eigentlich geht es um Bedürfnisse. Bei allen. Wobei die der Kinder und Jugendlichen meist nicht berücksichtigt werden.

Bedürfnisse schälen sich aus den gegebenen Entwicklungsschritten vom Säugling bis zum Adoleszenten heraus. Bevor kein Zahnwechsel war, sind keine logischen Denkvorgänge, die zum Lesen, Schreiben, Rechnen gehören, möglich. Es wird trotzdem angewandt und wird für viele Kinder zum Murks. Da können die Lernorte noch so bunt, so ausgeklügelt sein, wenn die Entwicklungsgrundlage nicht vorhanden ist, wird das mit dem Lernen nichts.

Durch selbstbestimmtes Lernen werden die Bedürfnisse nur zum Teil abgedeckt, da Erlebnisse und Urteile vom Umfeld hemmend oder als Profilierungsplattform wirken. Es braucht von den Pädagogen ein Verständnis, wo das Kind in seiner Entwicklung steht und einen demensprechenden Zugang zum Lernstoff. Dies wird in den Waldorfschulen, Montessorischulen wie auch bei Summerhill mehr oder weniger konsequent angewendet. Wobei diese Schulformen unter enormen Druck stehen und sich den PISA-Standards annähern müssen.

Was Lehrpersonen brauchen? Mehr Selbstermächtigung, sich den Schülern so zu widmen, dass Beziehungen entstehen können, der Stoff darf dabei auch mal in den Hintergrund rücken. Wenn gute Beziehungen und Vertrauen als Grundlage da sind, ist bei den Schülern alles möglich.

Die Entwicklungslehre kommt bei der pädagogischen Ausbildung leider zu kurz. Wie man Stoffwechselprobleme, die ebenfalls zu Störungen führen können, oder Mobbing frühzeitig erkennen kann, wird nicht ausführlich bearbeitet. Diagnostik muss in Zukunft in die Ausbildung einfließen.

 

Rund 90 % der Kinder kehren nach ihrer Zeit bei KerbHolz28 wieder erfolgreich in ihre Ursprungsklasse zurück. Was glauben Sie, macht diesen Erfolg möglich?

 

Leider wird so lange gewartet, bis alle voneinander genug haben. Dann ist eine Rückkehr fast nicht mehr möglich. In diesen Situationen helfen wir mit, ein neues Setting zu finden. Wenn wir genügend Zeit bekommen, ist es aber immer möglich, die Schüler zu reintegrieren.

Wichtig ist zu erkennen, dass ein Schulunterrichtsaussschluss immer ein Gesamtwerk ist. Nicht das eines einzelnen. Es braucht Zeit, sich wieder aufeinander einlassen zu können. Wir arbeiten mit den Schulklassen und den Lehrkräften zusammen, um ein neues Miteinander zu finden.

Die Schulklasse wird gefragt, was sie brauchen, damit ein Schüler zurückkehren kann und was sie anbieten, damit es gelingt. Was haben sie aus dieser Situation gelernt? Es sind meistens Lebensthemen und so früh im Leben damit umgehen zu lernen, ist eine Chance, das beinhaltet ein Dankeschön an die vermeintlichen Verursacher. In der letzten Woche ist ein Besuch der Klasse im Wald vorgesehen. Dario Fo sagte einmal: Wenn ein Idiot auf eine Reise geht, kommt in den Augen derjenigen, die ihn verabschiedet haben, ein Idiot von einer Reise zurück. – Es geht darum, den Blick auf den Rückkehrer zu verändern. Gelingt dies, gelingt auch die Reintegration.

 

Wie könnte das Verständnis für eine solche Art von Schule wachsen, damit andere Schulen, Eltern und Behörden den Mut haben, ähnliche Konzepte umzusetzen?

 

Um es in Einsteins Worte zu fassen: Man kann kein Problem mit derselben Methode lösen, mit dem man es geschaffen hat. Verständnis reicht nicht mehr aus. Diese Schüler müssen nicht nur wieder integriert werden, sondern Grundlage für ein neues Denken werden. Alles andere ist Kleinpflasterpolitik.

Die Pädagogen hängen den Schülern ein Schild um den Hals, auf dem steht: Der Mensch im Mittelpunkt. Die Systemgebenden tun das auch, aber verstehen darunter: Der Mensch als Mittel. Punkt.

Geht man jedoch auf die Bedürfnisse und Entwicklungsschritte der Schüler ein, dann wird es als Kuschelpädagogik verunglimpft. Wenn Schüler nicht klarkommen mit der Schule sind sie Versager und müssen mit Maßnahmen wieder in die Spur gebracht werden. Genau dieses Denken muss weg.

Wie das gelingen soll? In dem wir nicht den Geld- und Geltungsgierigen nachfolgen, sondern selbst denkend uns für uns und unsere Kinder einsetzen. Das braucht Mut, aber auch die Gewissheit, dass dies machbar ist – und es ist machbar. Es reicht nicht, systemkritisch zu sein, es braucht auch den Willen dem System Grenzen zu setzen.

 

Wenn Sie in die Zukunft blicken: Welches Idealbild haben Sie von einer Schule oder einem Lernort, in dem die Entwicklungsförderung oberste Priorität hat?

 

Wir Pädagogen müssen lernen, dass nicht jedes Kind bis zu einem bestimmten Zeitpunkt lesen, schreiben und rechnen lernen kann und muss. Dies sind sehr junge Kulturtechniken. Lernen aus Hören, Sehen und Erleben ist alt und weit tiefer implementiert.

Wenn die Frage nach den sogenannten Kulturtechniken auftaucht, wird ein gesunder Mensch, sich diese aneignen wollen.

So liegt es nahe, dass die Zukunft der Schulen viel mehr auf Bildung und Bewusstsein für Entwicklungsprozesse weniger auf reines Wissen hinzielen muss.

 

Was brauchen Kinder heute besonders?

 

Bis jetzt habe ich die Naturerfahrungen nicht weiter thematisiert, weil sie immer dabei sind.

Nach Richard Louv (The last Child in the Woods) sollten wir nicht von Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, sondern von Naturdefizitsyndrom sprechen. Das ist evident.

Kindern werden Naturerfahrungen vorenthalten und dadurch gehen viele Resilienz fördernde Momente verloren.

Petra Jansen, Stefanie Richter haben in ihrer Studie (2016), die Frage gestellt: Macht Bewegung wirklich schlau? Enttäuschend fanden sie – nein. Jedoch haben sie die Schüler auf Sportgeräten und bei Indoor-Aktivitäten geprüft. Sieht man sich genauer um, gibt es sehr viele Studien darüber, wie Schüler sich besser konzentrieren können und ausgeglichener sind, wenn sie taktile, haptische, gleichgewichtsausgleichende Bewegungen in der freien Natur haben.

Nehmen wir das einfache Gehen. Bei uns im KerbHolz gehen wir jeden Tag mindestens eine Stunde. Im Gehen gleicht der Körper Geländeunebenheiten aus, wir nehmen Wurzeln, Erhebungen usw. wahr, ohne hinzusehen, wir können dabei sprechen, uns Gedanken machen und das Umfeld betrachten – alles im selben Augenblick. Das ist Multitasking in Reinform, wie wir sie sonst nie hinbekommen. Sämtliche Hirnareale sind aktiv. Bewegung wie auch Memorierung findet in der Hirnrinde statt und alles, was in diesen Momenten geschieht und besprochen wird, bleibt haften (vgl. Dorothea Beigel, Jean Ayres).

Die Naturerfahrungen bei uns im KerbHolz sind die Grundlage unserer Arbeit. Jeder Blick in die Natur eröffnet Unsummen von Fragen. Es kann nichts verhandelt werden, es regnet für alle gleich. Lässt man sich auf die Natur ein, gibt es auch Antworten und Staunenswertes wie der Aufbau von allem, das sich im Kosmos wiederholt. Jede der Fragen würde ein Buch ergeben.

 

Literatur

Jean Ayres (2013): Bausteine der kindlichen Entwicklung. Sensorische Integration verstehen und anwenden. Berlin, Heidelberg.

Dorothea Beigel (2023): Wurzel und Flügel. Dortmund.

Dario Fo (2011): Mamma hat den besten Shit. Frankfurt.

Petra Jansen, Stefanie Richter (2016) Macht Bewegung wirklich schlau? Bern.

Richard Louv (2013): Das letzte Kind im Wald: Geben wir unseren Kindern die Natur zurück!, Freiburg.