Eltern, entspannt euch
Das Gaisenhaus ist aus einer Elterninitiative entstanden. Mit ihrem Angebot wenden Sie sich vor allen Dingen an die Eltern des angrenzenden Kindergartens.
Ja, nicht nur an die Eltern der Kinder unseres Kindergartens, sondern an die Eltern und Kinder aus dem gesamten Stadtteil.

Welche Bedeutung sehen Sie in dem Konzept des Familienzentrums für die gesunde Entwicklung des Kindes?
Zum einen ist das Familienzentrum ein Ort, an dem Eltern gestärkt werden. Hauptsächlich kommen zu uns die Mütter – auch Väter –, aber meistens, gerade wenn die Kinder noch ganz klein sind, kommen die Mütter als Erstes über eine Krabbelgruppe zu uns. Ich selber komme aus der Eingliederungshilfe und habe früher mit Familien von Kindern mit Behinderung gearbeitet. Als ich hier angefangen habe, dachte ich: Na gut, das ist ja ganz nett, dann trinken sie hier ihren Kaffee, schön und gut, aber das ist ja nichts Besonderes. Und irgendwann sprach mich mal eine Mutter an, sie fing fast an zu weinen und sagte: "Ihr wisst gar nicht, wie wichtig das hier für uns ist! Das erste Jahr, als mein Kind geboren wurde, bin ich in ein großes Loch gefallen, war hilflos und wusste überhaupt nicht, wie mir geschieht. Das Gaisenhaus hat mir das Leben gerettet." So hat die Mutter berichtet, das hat mich richtig berührt. Es ist tatsächlich so: Wenn ein Kind geboren wird, ist das ein starker Einschnitt ins Leben, das Leben verändert sich dramatisch, man muss sich neu orientieren und schauen, wie man in dieser Lebenssituation zurechtkommt. Da bietet solch ein Ort, an dem man sich ganz unverbindlich treffen, austauschen, gegenseitig stärken kann, eine gute Möglichkeit. Es stärkt die emotionale Gesundheit der Eltern, vor allem der Mütter, und sie können sich natürlich dann auch besser um ihre Kinder kümmern. Es entlastet die Familie, Austausch entsteht: Wie ist es denn bei euch mit dem Stillen? Mit dem ersten Essen? Wie gestaltet ihr euren Tagesablauf? Welche Kurse gibt es noch, zu denen ich hingehen kann? Wenn das erste Kind geboren ist, bricht bei den Müttern ganz viel auf, sie schauen zurück in ihre eigene Kindheit, oft kommen Konflikte wieder hoch, die man eigentlich weggesteckt hat. Wenn das erste Kind geboren wird ist ganz viel im Umbruch.
Welche Kurse fangen Eltern an dieser Stelle auf?
Sehr beliebt ist alle zwei Wochen der Babybrunch oder der Willkommensbrunch. Es gibt ein Frühstücksbüffet, die Mütter müssen sich um nichts kümmern, sie werden versorgt und es gibt immer auch einen Input zu verschiedenen Themen. Manchmal kommt ein Referent von außerhalb. Aber auch was man hier in Stuttgart mit Babys alles erleben kann, welche Ausflugsmöglichkeiten es gibt. Letzte Woche waren zum Beispiel "Spielen mit allen Sinnen", Lieder und Kniereiter dran. So kommen viele Familien erst einmal in Kontakt miteinander, dann möchten sie an einer Krabbelgruppe teilnehmen, die sich regelmäßig einmal in der Woche trifft.
Welche Kurse werden besucht, wenn die Kinder älter werden?
Da haben wir zum einen den offenen Treff an zwei Vor- und an zwei Nachmittagen, zu dem die Familien kommen können. Und an Kursangebot haben wir aktuell Kinderyoga und die Musikzwerge, eine musikalische Früherziehung. Daneben gibt es immer mal Einzelangebote, z. B. an Fasching mit kleiner Kinderdisco. Wir sind vernetzt mit anderen Trägern und organisieren zum Beispiel eine Spielstraße oder Kinderkunsttour gemeinsam. Daneben gibt es Treffen am Wochenende, das Familiencafé alle zwei Wochen, wo die Familien sonntags bei Kaffee und Kuchen mit einem Bastelangebot zusammenkommen. Es gibt noch gezielt Angebote für Vater und Kind und das Café PuK, das auch gern besucht wird.
Können Sie beobachten, wie Ihre Angebote die Kinder in ihrer Entwicklung unterstützen?
Durch diese offenen Angebote haben wir natürlich keine so intensive Beziehung zu den einzelnen Kindern, dass ich jetzt sagen könnte: Ich sehe bei diesem Kind einen Entwicklungsschritt. Aber wenn ich zum Beispiel mit den Kindern singe und sehe, dass sie daran Spaß haben und die Eltern mir dann erzählen, dass sie fragen, wann sie wieder kommen dürfen, dann denke ich doch, das es einen positiven Einfluss auf sie hat – ob auch auf ihre Persönlichkeit oder Entwicklung, kann ich nicht beurteilen.
Ich versuche hier musikalische Angebote für Kinder, aber auch für Erwachsene, zu etablieren. Menschen mit und ohne Behinderung sollen zusammen Musik machen. Wir nennen es einfach Singen, es ist kein fester Chor, man kann sich wirklich am Tag entscheiden, ob man hingeht oder nicht. Das Singen ist auf jeden Fall gesundheitsfördernd und es ist eine gute Möglichkeit, um ganz unterschiedliche Menschen miteinander in Kontakt zu bringen und dadurch Gemeinschaft zu erleben. Dazu eignet sich das Singen. Gerade ältere Volkslieder können erwachsene Menschen mit Behinderung meistens sehr gut auswendig. Da entstehen ganz tolle Begegnungen zwischen den erwachsenen Menschen mit Behinderung und den Familien mit kleinen Kindern, die eben nicht unterscheiden, die das einfach toll finden, wenn da so viele Erwachsene ihre Aufmerksamkeit auf sie richten. Und es entstehen Gespräche. Zum Beispiel sagte eine Mutter: "Du, ich sehe dich doch immer im Park. Gehst du da immer spazieren? Schau, jetzt kennen wir uns ja, da können wir uns ja auch grüßen, wenn wir uns da sehen!" Es entstehen Beziehungen. Das ist richtig schön.

Spielen Medien im Familienzentrum eine Rolle? Werden Kurse dazu angeboten?
Wir haben letztes Jahr mit der Caritas zusammen eine Schulung für die Eltern gemacht, einen offenen Treff zum Thema angeboten. Oder es kommt zum Väterstammtisch ein Referent von der Stadt zum Thema Medien. Ich überlege jetzt, das in unser Kinderschutzkonzept mit aufzunehmen. Ich erlebe schon oft, dass Familien hierherkommen, die Kinder spielen dann schön und die Eltern sitzen am Rand und holen das Handy heraus. Ich versuche ich einen Weg zu finden die Aufmerksamkeit dahin zu lenken: Liebe Leute, lasst doch das Handy in der Tasche. Hier ist Kinder- und Familienzeit! Manchmal holen Eltern in meinem Musikkurs ihr Handy heraus und machen ein Foto davon, wie ihr Kind trommelt. Da denke ich dann schon: Okay, jetzt genießt doch den Moment! – Man muss das aber auch so kommunizieren, dass es auch gut angenommen und nicht als Bevormundung erlebt wird.
Wie erleben Sie die Haltung der Ehrenamtlichen oder der Menschen, die hier mitarbeiten?
Alle, die bei uns arbeiten oder uns besuchen, sind Menschen, die eigene Kinder oder Enkelkinder haben, die es einfach lieben, mit Kindern zusammen zu sein, sonst würden sie sich das nicht aussuchen. Wir zahlen natürlich keine Unmengen an Honorar. Alle, die sich hier engagieren, machen das vom Herzen aus, weil sie gern mit Kindern zusammen sind, weil sie den Ort hier gut finden.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft – für die Kinder und die Familien?
Ich wünsche mir Entspannung. Ich habe das Gefühl, dass die Familien sehr unter Druck stehen, dass alle ihren Rollen gerecht werden, mit den Veränderungen zurechtzukommen wollen, weil sich viele Sorgen machen. Ich erlebe auch, dass der Alltag doch oft sehr verplant ist. Manchmal entschuldigen sich die Eltern: Wir würden ja gern öfter kommen, es ist so schön bei euch, aber wir haben keine Zeit! Ich würde mir wünschen, dass Familien hier Entspannung finden.
Die Fragen stellte Susanne Vieser.