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Pandemie: 48% mehr Jugendliche wegen schwerer Essstörungen im Krankenhaus

| DGPM

Die Zahl der Krankenhauseinweisungen wegen schwerer Essstörungen hat während der Corona-Pandemie um 48 Prozent zugenommen.

Darauf weist die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM) zu Beginn ihres Jahreskongresses am 22. Juni in Berlin hin. "Schon jetzt konsistent und in verschiedenen Studien und Erhebungen nachgewiesen, zeigt sich, dass Jugendliche und junge Menschen psychisch stärker belastet waren als ältere, und Frauen mehr als Männer – beispielsweise stiegen die Krankenhauseinweisungen wegen Essstörungen in den Corona-Zeiten um 48 Prozent."

Die psychosomatischen Auswirkungen der Pandemie sind ein zentrales Thema des diesjährigen Kongresses für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie.

Eine Übersichtsarbeit von Daniel Devoe u.a., die Anfang April in der Zeitschrift "Eating Disorders" erschienen ist, analysierte 53 Studien mit 36.485 Betroffenen aus der Zeit zwischen November 2019 und Oktober 2021.

"Es gibt immer mehr Anhaltspunkte dafür, dass sich die Symptome von Menschen mit Essstörungen verschlechtern, die Isolation zunimmt und die Zahl der Krankenhauseinweisungen infolge der COVID-19-Pandemie steigt", schreiben die Autoren der Übersichtsarbeit.

"Grundsätzlich rufen belastende Ereignisse wie Angst vor Ansteckung und Tod, finanzielle Sorgen, soziale Isolation und Überforderung, zum Beispiel durch Parallelität von Beruf und Kinderbetreuung während der Schulschließungen, psychische Reaktionen hervor - das ist zunächst einmal normal und kein Zeichen einer psychischen Störung", kommentiert Stephan Herpertz, Präsident des Deutsches Kollegiums für Psychosomatische Medizin und Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des Universitätsklinikums Bochum die Ergebnisse. "So mehren sich aktuell die Hinweise, dass die Dynamik der psychischen Reaktionen unmittelbar dem infektionsepidemiologischen Geschehen zu folgen scheint - also mit abnehmenden Fallzahlen auch die psychischen Belastungen zurückgehen."

In der kanadischen Studie habe sich sowohl ein Anstieg von Angstzuständen und Depressionen als auch eine Verschlechterung bereits bestehender Essstörungen gezeigt. "Ausschlaggebend war dabei vor allem die Trias aus Verlust der Tagesstruktur, Rückgang sozialer Beziehungen und der häufig kompensatorisch gesteigerte Konsum von digitalen Medien", so Herpertz.

Junge Menschen und Frauen stärker belastet als Ältere

 

Relativ konsistent zeigt sich laut Hans-Christoph Friederich, dem Ärztlichen Direktor der Klinik für Allgemeine Innere Medizin und Psychosomatik am Universitätsklinikum Heidelberg, über verschiedene Studien und Erhebungen hinweg, dass junge Menschen in der Pandemie psychisch stärker belastet waren. "So haben sich beispielsweise mehr junge Menschen und mehr Frauen als Männer während der Lockdowns einsam gefühlt". Außerdem habe die Pandemie "noch einmal ein Schlaglicht auf bereits lange bestehende Problematiken geworfen: Die Unterversorgung und die Wartezeiten auf einen Therapieplatz etwa, aber auch kaum beachtete, jedoch sehr relevante gesamtgesellschaftliche Probleme wie Einsamkeit, die auf gesellschaftlicher, kommunaler und individueller Ebene besser angesprochen und auch in der Gesundheitsversorgung erfasst werden" müssten.

Pressemitteilung der DGPM

Daniel Devoe et al., The impact of the COVID-19 pandemic on eating disorders: A systematic review: https://doi.org/10.1002/eat.23704