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Zunehmende Kurzsichtigkeit – ein fast globaler Trend

| Redaktion

In Ost- und Südostasien ist der Anteil der kurzsichtigen Jugendlichen und jungen Erwachsenen in 50 Jahren von einem Viertel auf über 80 Prozent gestiegen.

Sarah Zhang berichtete über diesen Trend bereits vor zwei Jahren in "The Atlantic". In China werde die Kurzsichtigkeit inzwischen als Problem für die nationale Sicherheit erkannt: Das Militär mache sich Sorgen, ob es unter den 1,4 Milliarden Menschen des Landes genügend scharfsichtige Piloten rekrutieren könne. Die Lockdowns in der Pandemiezeit hätten die Sehkraft chinesischer Kinder noch weiter verschlechtert.

Jahrelang hätten Experten die steigenden Kurzsichtigkeitsraten in Asien als Anomalie abgetan. Asiaten seien genetisch zur Kurzsichtigkeit veranlagt, die durchgeführten Studien methodisch mangelhaft. Doch schließlich hätten sich das Ausmaß des Problems und die Geschwindigkeit der Veränderung nicht mehr leugnen lassen.

Auch in den USA, so Zhang, nehme die Kurzsichtigkeit zu. In den frühen 2000er Jahren – als die letzte landesweite Erhebung durchgeführt wurde – waren 42 Prozent der 12- bis 54-Jährigen kurzsichtig, während es in den 1970er Jahren noch 25% gewesen seien. Zwar gebe es keine neueren groß angelegten Erhebungen, aber Augenärzte in den USA beantworteten die Frage, ob sie mehr kurzsichtige Kinder behandelten, mehrheitlich mit: "Auf jeden Fall." "Ja." "Keine Frage."

In Europa sei es ebenfalls wahrscheinlicher, dass junge Erwachsene eine Brille für die Ferne benötigten, als dies bei ihren Eltern oder Großeltern der Fall gewesen sei. Einige der niedrigsten Myopieraten fänden sich erstaunlicherweise in Entwicklungsländern in Afrika und Südamerika. Asien, das früher als Ausreißer gegolten habe, werde heute als Vorbote betrachtet. Wenn sich die derzeitigen Trends fortsetzten, so eine Studie, werde bis 2050 die Hälfte der Weltbevölkerung kurzsichtig sein.

Die Folgen dieses Trends: Kurzsichtige Augen werden im mittleren Alter anfälliger für ernste Probleme wie Glaukom und Netzhautablösung, die wiederum zu dauerhafter Erblindung führen können. Die Risiken sind anfangs gering, steigen aber mit höherer Sehstärke der Brille exponentiell an. Je jünger die Myopie beginne, desto schlechter die Aussichten.

Im Jahr 2019 habe die Vereinigung US-amerikanischer Augenärzte eine Arbeitsgruppe einberufen, um Myopie als dringendem globalen Gesundheitsproblem zur Anerkennung zu verhelfen. Michael Repka, Professor für Augenheilkunde an der Johns Hopkins Universität habe von einer bevorstehenden "Erblindungsepidemie" gesprochen.

Die Ursache für die Verschlechterung des Sehvermögens scheine offensichtlich: Man brauche sich nur umzuschauen, um unzählige Kinder zu sehen, die in Handys, Tablets und Laptops vertieft seien. Doch die intuitiv naheliegende Erklärung lasse sich überraschend schwer belegen, für jede Studie, die eine Auswirkung von Naharbeit auf die Kurzsichtigkeit zeige, gebe es eine andere, die das nicht tue. Die Summe der Stunden, die vor einem Buch oder einem Bildschirm verbracht würden, scheine den Beginn oder das Fortschreiten der Kurzsichtigkeit nicht zu erklären.

Irgendetwas am modernen Leben zerstöre unsere Fähigkeit, in die Ferne zu sehen, aber was, sei weiterhin unklar.

Artikel: The Myopia Generation. Why do so many kids need glasses now? The Atlantic, 13.9.2022