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Die Entwicklung des Immunsystems

Eine medizinisch-pädagogische Herausforderung


Karin Michael | Februar 2022

Es ist mehr als nur eine Analogie, wenn wir in der Medizin die immunologischen Vorgänge gewöhnlich mit Worten beschreiben, die verschiedenen Schritten des Lernens, Reifens und Handelns entsprechen: "wahrnehmen und erkennen" von schädigenden Substanzen, "Abwehr" und "Auseinandersetzung" mit fremden Stoffen und Mikroben, unterscheiden von "selbst" und "nicht selbst", "immunologisches Gedächtnis", "Immunkompetenz" und vieles mehr.

"Da es sehr förderlich für die Gesundheit ist, habe ich beschlossen, glücklich zu sein."
Voltaire

Der Forschungszweig der Epigenetik hat in den letzten Jahrzehnten auch bestätigt, dass das genetische Potenzial eines Menschen ein offenes System ist, welches lebenslang lernfähig und prägbar bleibt. Es wird sowohl durch Umwelteinflüsse angeregt als auch durch innerpsychische Einflüsse – durch die Art, wie wir denken, fühlen und handeln. Auf dem Gebiet der Immunologie und Psychoneuroimmunologie wird besonders deutlich, wie körperliche, seelische und geistige Vorgänge sich gegenseitig positiv oder negativ beeinflussen können. Denn auf allen drei Ebenen gilt es, sich eine ausreichende Immunität und Autonomie zu erwerben. Das ist Voraussetzung für körperliche, seelische und geistige Belastbarkeit und Anpassungsfähigkeit ebenso wie für geistige Klarheit, Erkenntnisfähigkeit und innere Sicherheit.

Die Entwicklung des Immunsystems beginnt schon in der frühen Schwangerschaft, wenn sich im Rahmen der Blutbildung auch die ersten immunkompetenten Zellen bilden. Bei der Geburt besteht dann ein zwar von Zellreichtum (Granulozyten und Monozyten) geprägtes jedoch noch unreifes, ungeübtes und langsam reagierendes "angeborenes Immunsystem", was den besonderen Schutzbedarf von Früh- und Neugeborenen sowie in den ersten Lebensmonaten erklärt. Bis zur Mitte der Kindheit erfolgt dann die intensive Entwicklung, Übung und Reifung des "erworbenen Immunsystems". Beide Systeme zusammen bleiben als unser Immunsystem lernend, plastisch, entwicklungsfähig und prägsam wie kein anderer Bereich unseres menschlichen Organismus.

Entwicklungsfördernde und -beeinträchtigende Faktoren

Vor, während und nach der Geburt haben die Mutter und ihr Gesundheitszustand einen unmittelbaren und intensiven Einfluss auf die Entwicklung des kindlichen Immunsystems. Faktoren die von seiten der Mutter positiv auf die Entwicklung des Immunsystems und die Allergiedisposition wirken:

  • eine spontane vaginale Geburt
  • Stillen
  • eine gute Wärmeregulation
  • Zuwendung, positive Gefühle  
  • ein vielfältiges Mikrobiom (gesunde Darmflora) der Mutter, idealerweise geprägt vom Milieu eines Bauernhofes oder ländlichem Lebensstil mit häufigem unmittelbaren Kontakt zur Natur und frischen, biologisch angebauten Nahrungsmitteln.

Immunologisch ungünstige Einflüsse in der Schwangerschaft und Neugeborenenzeit, die auch zu erhöhtem Infektionsrisiko für das Kind führen:

  • Mangelernährung (häufiger in wirtschaftlich armen Ländern)
  • Bewegungsmangel
  • Mangelnde Bewegung am Licht, Vitamin D-Mangel
  • Alkohol
  • Rauchen
  • Immuntoxine (z. B. Schwermetalle)
  • Wurminfektionen
  • Frühgeburtlichkeit
  • Auskühlung, Untertemperatur

Mütterliche Einflussfaktoren in der Schwangerschaft, die zu erhöhtem Allergie- und Asthmarisiko für das Kind führen:

  • Stress
  • Angststörungen
  • Trauma
  • Rauchen
  • Kaiserschnitt
  • Antibiotika
  • Übertriebene Hygiene, unsachgemäßer Desinfektionsmittelgebrauch
     

Aspekte des kindlichen Immunsystems

Körperlich: In den ersten Jahren hängt das Kind auch in seinen immunologischen Funktionen und seiner Kraft noch besonders stark von seinen Bezugspersonen und seiner Umgebung ab. Erst allmählich kommt es durch die vielfältigen Begegnungen mit Menschen und Umwelt zu Erfahrung und funktionaler Reifung des Immunsystems. Es entsteht eine wachsende Autonomie und zugleich entsteht ein Zusammenleben mit dem nicht nur tolerierten, sondern sogar schützenden

Mikrobiom. Das aus B- und T-Lymphozyten bestehende adaptive (d. h. anpassungsfähige) Immunsystem entwickelt sich lernend bei der Auseinandersetzung mit den Mikroben in der Umwelt und im eigenen Darm. Ein Teil der B-Lymphozyten wird durch erlernten Kontakt zu sog. "Gedächtniszellen" und damit Teil des sogenannten immunologischen Gedächtnisses. Ein erneuter Kontakt mit einem Erreger führt dann entweder nur zu einer leichten Erkrankung oder zu gar keinen Symptomen mehr, weil man bereits "immunkompetent" geworden ist.

Seelisch: Es gibt auch seelisch so etwas wie eine wachsende "Immunität". Immer souveräner begegnet das Kind emotionalen "Übergriffen" auf seine Integrität. "Sich vor Angst in die Hose machen" sagt man im Volksmund zu den "Kleinen". Es zeigt, wie ungeschützt und intensiv die Seele in den ersten Jahren jeden Eindruck aufnimmt und unmittelbar in eine physiologische Reaktion umsetzt. Erst nach der Pubertät und einer regelrechten Krise der seelischen Immunität wächst eine immer größere emotionale Reife. Ein fehlendes Gleichgewicht und Schutzgefühl kann wie bei einer Allergie zu unangemessenen Überreaktionen führen. Moderne Allergologen sprechen bei Allergien auch von Angst- und Stress-getriggerten Erkrankungen. Seele, Immunsystem, Nervensystem und Hormone greifen real ineinander und prägen den individuellen Verlauf von Erkrankungen ebenso wie die Fähigkeit zur Gesunderhaltung und Resilienz. Freude und Positivität fördern und stabilisieren nachweislich das Immunsystem.

Die Psychoneuroimmunologie und Psychoendokrinologie – ein noch junges Forschungsgebiet – zeigen eindrücklich, wie konkret körperlich-physiologische und seelisch-geistige Prozesse in Wechselwirkung stehen. So findet der seelische Zustand des Erkrankten heute zum Glück in immer mehr Gebieten Beachtung. Menschen fühlen sich mehr wahr- und ernstgenommen, wenn man ihnen als Individuum und nicht als "der Blinddarm" oder "die Lungenentzündung" begegnet. Nur als Symptomträger abgehandelt zu werden, passt nicht zu einer zukünftigen Medizin und Forschung auf diesem Gebiet.

Auf der Ebene der Persönlichkeitsentwicklung gibt es vergleichbare Lernprozesse, die im Idealfall zu einem immer selbstbestimmteren autonomen Leben führen können. Auf der anderen Seite gehört zum Menschen als sozialem Wesen auch die Toleranzentwicklung. Eine Autoimmunerkrankung ist ein eindrückliches Bild dafür, wie schädlich es sein kann, wenn Abgrenzung und Toleranz aus der Balance geraten. Toleranz, Anpassung und Bindungsfähigkeit sind ebenso wichtige Lebensfunktionen wie Abgrenzung und Bekämpfung alles Fremden.

Geistige Aspekte: Es gehört zu den aktuellsten bahnbrechenden Forschungsergebnissen Rudolf Steiners, den Zusammenhang entdeckt zu haben, der zwischen den Kräften und Tätigkeiten besteht, die einerseits Wachstum, Immunkompetenz und Entwicklung bewirken und andererseits Grundlage der menschlichen Denk- und Erinnerungstätigkeit sind. In Ausschnitten beschäftigt sich heute das Forschungsgebiet der Psychoneuroimmunologie mit diesen Zusammenhängen – meist in Zusammenhang mit den Auswirkungen von Stress auf das Immunsystem. Ein anderes modernes Forschungsgebiet hierzu ist die Psychoneuroendokrinologie, die die Verbindung von psychischen und hormonellen Faktoren beforscht.

Das macht verständlicher, wieso die Leistungsfähigkeit des Immunsystems nicht nur von der Vererbung abhängig ist, sondern im weitesten Sinn auch von der individuellen Lernbereitschaft, der Anpassungsfähigkeit, vom positiven Denken und von der Begeisterungsfähigkeit. Andererseits ist bekannt, dass eine depressive und pessimistische Geisteshaltung zu erhöhter Krankheitsanfälligkeit führt.

Inzwischen basiert auch eine gute Therapie bei chronisch allergischen Krankheiten nicht mehr nur auf der Gabe von Medikamenten. Die Schulung und individuelle Begleitung bis hin zur Beratung bei Schulfragen – wie kann ein Kind mit Heuallergie z.B. an einem Ausflug oder Landwirtschaftspraktikum teilnehmen? – ist ein wesentlicher Teil geworden.
 

Die Wirkung des Kohärenzgefühl

Darüber hinaus kann die Entwicklung von Immunkompetenz auch dadurch gefördert werden, dass das Kind von Anfang an zu Hause im täglichen Umgang an den Erwachsenen erlebt, wie diese Freude am Leben und Lernen haben, problemlösungsfähig sind und sogar negative Erfahrungen möglichst konstruktiv verarbeiten. Nichts stärkt das Selbstbewusstsein der Kinder mehr, als ihm die Möglichkeit zu geben, aus eigenem Antrieb fröhlich tätig und lernbegierig zu sein. In der Vorschulzeit geschieht dies durch Nachahmung, später dann durch Motivation und Begeisterung.

Warum ist das so wichtig? Weil es identitätsstiftend wirkt, das Selbstbewusstsein des Kindes stärkt und ihm hilft zu verarbeiten, was auf es zukommt. Was Aaron Antonovsky (Begründer der Salutogenese)  "Kohärenzgefühl" nennt als Voraussetzung für die Gesunderhaltung bzw. Erlangung von stabiler Gesundheit, ist auch hier entscheidend: Das Kind möchte erleben, dass die Welt verstehbar, sinnhaft, handhabbar ist. Es wird dadurch weniger verletzlich, selbstbewusst, seelisch "immun" und geistig autonom.

Die Lebensstilforschung wird auf der Basis salutogenetischer Konzepte in den kommenden Jahren noch vieles zum Verständnis von zivilisationsbedingten Krankheiten wie der allergischen Reaktionsbereitschaft beitragen. Es kann uns aber auch schon die aufmerksame Selbstbeobachtung sagen, unter welchen Umständen es uns gut oder besser geht und wodurch sich gesunde Sensibilität in eine Überempfindlichkeit verwandelt oder eine selbstzerstörerische Verwundbarkeit zunimmt. Gegenwärtig stehen wir auch als Menschheit vor immensen Herausforderungen, die Lebensangst, Zweifel am Sinn menschlicher Existenz und Verunsicherungen schüren. All diese Sorgen und Fragen deprimieren und schwächen eine gesunde Immunreaktion. Gelingt es jedoch, "trotzdem Ja zum Leben zu sagen" (Viktor Frankl), positive Bewältigung zu üben und sich für sinnvolle kleine und große Ziele zu engagieren, so wirkt dies nachhaltig stärkend und stabilisierend auf unser Immunsystem.
 

Hygiene und Immunsystem

Hygiene im bakteriologischen oder virologischen Sinn umfasst die Isolierung von Patient:innen, die Krankheitskeime ausscheiden, das Desinfizieren von Händen und Unterarmen, Räumen und Gegenständen, das Tragen von Schutzkleidung sowie Wasser- und Nahrungsmittelvorschriften und -kontrollen. Ohne konsequenten Einsatz dieser Art Hygiene wären die Erfolge heutiger Chirurgie und Seuchenbekämpfung nicht möglich gewesen, und auch die Mütter- und Kindersterblichkeit in den Krankenhäusern hätte gegenüber den hohen Prozentzahlen des 19. Jahrhunderts nicht reduziert werden können. Dennoch weiß jede Mutter, dass eines Tages der Übergang von dem wohlbehüteten, auf dem Wickeltisch möglichst sauber behandelten Säugling zu dem Kind stattfindet, das auf dem Boden rutscht, über den andere mit Straßenschuhen laufen.

Das Immunsystem wird letztlich durch Belastungen gestärkt, nicht durch Schonung. Der Organismus muss lernen, mit Krankheitserregern fertig zu werden und gleichzeitig ein eigenes gesundes Erregermilieu, das Mikrobiom, aufzubauen. Landkinder sind gesünder als Stadtkinder, weil sie früher und nachhaltiger vielfältigen Einflüssen aus Natur und Umwelt ausgesetzt sind. Auch ist die Frage wichtig, ob jede bakterielle Krankheit antibiotisch zu behandeln ist oder nur die, bei der man befürchten muss, dass das Kind die Auseinandersetzung alleine nicht schafft (siehe hierzu auch den Beitrag "Antibiotika im Kindesalter"). Hier kann folgende Erfahrung helfen, eine beruhigende Antwort zu finden: Das erste Kind einer Familie ist in der Regel nicht oft krank, da es allein aufwächst. Allenfalls dann, wenn die Eltern selbst Infekte durchmachen, hat es auch seinen Schnupfen. Dann kommt es in den Kindergarten, und wir können erleben, dass für das Kind mindestens zwei infektreiche Winter hintereinander hereinbrechen. Es bringt sozusagen "jeden" Infekt heim und ist im Winter mehr zu Hause als im Kindergarten. Beim zweiten Kind geht es noch ähnlich zu, aber beim dritten wird es anders: Es wird schon als Säugling von seinen Geschwistern laufend angesteckt und macht tatsächlich Infekte sehr früh durch - hoffentlich jedoch durch die stillende Mutter gut unterstützt. Manchmal wird dann sogar dieses dritte Kind später das gesündeste und kräftigste von allen, auch im Kindergarten.

Zur häuslichen Hygiene gehört auch die Pflege der Böden, Möbel und Fenster mit umweltfreundlichen Reinigungsmitteln. Es ist gut, wenn Kinder schon früh lernen, dass es nicht gleichgültig ist, welche Wasch- und Pflegemittel verwendet werden und wie mit Abfällen umzugehen ist.

Zur Autorin:
Dr. med. Karin Michael ist Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin, Kindergarten- und Schulärztin und Co-Autorin der Kindersprechstunde.

Literatur:
Weiterführender Link zur Immunsystementwicklung in Schwangerschaft und erster Lebenszeit: https://www.pharmazeutische-zeitung.de/ausgabe-342016/zwischen-zwei-welten/ (abgerufen am 7.2.2022)

Thomas Hardtmuth, Mikrobiom und Mensch - Die Bedeutung der Mikroorganismen und Viren in Medizin, Evolution und Ökologie. Wege zu einer systemischen Perspektive, Salumed-Verlag 2021

Linda Thomas, Putzen!? Von der lästigen Notwendigkeit zu einer Liebeserklärung an die Gegenwart, Dornach 2012.

Informationen zu Resistenzentwicklungen, Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus/MRSA, Hygiene und Pflege: www.klinik-hygiene.de.
Merkblatt zum Mikrobiom der GAÄD: https://www.gaed.de/merkblaetter.html

Glöckler, M. Kita, Kindergarten und Schule als Orte gesunder Entwicklung, Stuttgart 2020,

Glöckler, M. Das Schulkind. Die gemeinsame Aufgabe von Arzt und Lehrer. Dornach 1998,

Jacques Lusseyran, Das wiedergefundene Licht, 17. Druckaufl. 2021, ISBN: 978-3-608-93115-0

Viktor E. Frankl: …trotzdem Ja zum Leben sagen: Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager. Kösel, München 2009, ISBN 978-3-466-36859-4 (3. Auflage 2012)

Ivan Illich, Von der Nemesis der Medizin.Von den Grenzen des Gesundheitswesens, Reinbek bei Hamburg1981

Glöckler, M., Goebel, W., Michael, K., Kindersprechstunde – Ein medizinisch-pädagogischer Ratgeber, Stuttgart 2018