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Die Heilkraft der Bewegung

Tomáš Zdražil | Februar 2022

Die gesundheitliche Bedeutung von Turnen und Sport ist heute allgemein anerkannt und unumstritten. Regelmäßige sportliche Betätigung hat eine Reihe von signifikanten positiven biopsychosozialen Effekten, die unmittelbar oder längerfristig auftreten (Marti 1999). Durch die regelmäßige wiederholte sportliche Betätigung wird die Versorgung der Muskulatur mit Blut beträchtlich gesteigert. Während in Ruhe nur etwa drei bis fünf Prozent der Blutkapillare geöffnet sind, werden bei Ausdauerbelastungen steigt die Zahl der offenen Kapillaren auf das Dreißig- bis Fünfzigfache an. Regelmäßige Bewegung, z.B. durch Ausdauertraining, führt zu einer Erhöhung der Kapillardichte bzw. -oberfläche durch eine Verlängerung und Erweiterung vorhandener Kapillaren oder auch durch Kapillarneubildung. Die Durchblutung eines Muskels steigert sich um das Zwanzigfache, was den Sauerstoffverbrauch massiv erhöht. Mit der Erhöhung der Muskelmasse, des Muskelvolumens und der Muskelhärte kommt die Steigerung der physischen Kraft. Die Muskulatur wird gekräftigt und gefestigt, man arbeitet der weit verbreiteten Sarkoponie (Muskelschwund) entgegen. Die Festigkeit der Bänder in der Kreuzwirbelsäule und den Gelenken nimmt ebenfalls zu, was bestimmte Formen von rheumatischen Erkrankungen des Bewegungsapparates verhindert. Durch die Dynamisierung des Kreislaufes wird der Ablagerung von mineralischen Substanzen innerhalb von Adern (Arteriosklerose) entgegengewirkt.

Von einer intensiven Betätigung des Bewegungsorganismus gehen weitere Wirkungen aus, vor allem auf Herz, Blut und Lunge. Der Herzmuskel verstärkt und verdickt sich. Es erhöht sich sowohl das Schlagvolumen, wie auch das Herzminutenvolumen, die Größe des Herzinnenraumes kann sich verdoppeln (Sportlerherz). Gleichzeitig senkt sich der Ruhepuls bis auf die Hälfte der normalen Werte. Gut dokumentiert ist ein direkter Zusammenhang zwischen körperlich-sportlicher Aktivität und dem HDL-Lipoprotein des Blutes, im Erwachsenenalter ein wichtiger Schutzfaktor vor Herzinfarkt (Armstrong et al. 1994).

Das Blut verändert sich in seiner Struktur. Es steigt die Zahl der roten Blutkörperchen (Hämoglobin), Blutplasma und Blutvolumen nehmen zu. In Folge erhöht sich die Sauerstofftransportkapazität des Herz-Kreislauf-Systems und die körpereigene Temperaturbildung wird autonomer. Die Vitalkapazität der Lunge erhöht sich, ihr Atemminutenvolumen steigt.

Eine weitere gut erforschte Wirkung des Sportes sind die Veränderungen im Knochen- und teilweise auch Skelettbau. Das Skelett ist den Einwirkungen der Schwerkraft besonders ausgesetzt, was bei intensiver regelmäßiger Belastung zu einer stärkeren Verdichtung der Knochensubstanz führt, was sich als ein Schutzfaktor gegen Osteoporose erweist und eine besondere Bedeutung im zweiten Lebensjahrzehnt hat, wo das Knochenwachstum sich intensiviert und schließlich zum Abschluss kommt, das heißt, in dieser Phase besonders empfänglich und anpassungsfähig für erzieherische Anregungen ist (Slemenda et al. 1991).

Ähnlich regenerierende Effekte ließen sich in den Stoffwechsel-Organen im Verdauungs- und Ausscheidungstrakt als auch bei den Immunfunktionen feststellen.

In einer größeren Anzahl an Studien wird der Zusammenhang von Bewegung und Gehirnstruktur belegt. Eine Meta-Analyse von 134 Studien zur Auswirkung von sportlicher Aktivität auf kognitive Leistungen ergab einen signifikanten Zusammenhang im Sinne der Verbesserung von kognitiven Fähigkeiten durch eine regelmäßige über längere Zeit ausgeübte Bewegung (Etnier et al. 1997). Zu ähnlich eindeutigen Ergebnissen sind Forscher aus Kanada gekommen: Durch Reduzierung der anderen Unterrichtsfächer zugunsten von zusätzlichen Turnstunden ergaben sich gleichbleibende oder sogar bessere Leistungen in den reduzierten Fächern (Shepard 1997). Die Metastudie von Pühse (2004) bestätigt die früheren positiven Resultate zum Zusammenhang von Bewegung und Kognition: Vermehrte Bewegung der Schüler verbessert deren akademische Leistungen, erkennbar werden auch Veränderungen auf der Prozessseite der Lernqualität und nicht zuletzt verbessert sich auch das Verhalten im Klassenzimmer. Keine schulisch-unterrichtliche Intervention ist bezüglich der gesundheitlichen Wirkungen so gut empirisch erforscht, wie diejenige von Sport.

Körperliche Aktivität und Sport haben eine nachweislich positive Wirkung auch auf das Wohlbefinden und die psychische Gesundheit, insbesondere im Zusammenhang mit Depressionen, Burnout und Ängsten (Oertel/ Matura 2017).
 

Zum Autor:
Prof. Dr. Tomás Zdrazil war Klassenlehrer in Tschechien. Er ist Dozent an der Freien Hochschule Stuttgart.

Literatur:
J.L. Etnier et al.: The influence of physical fitness and exercise upon cognitive functioning: A meta-analysis. In: Journal for Sport & Exercise Psychology 19/ 1997, 249-277

B. Marti: Fakten zur gesundheitlichen Bedeutung von Bewegung und Sport im Jugendalter. In: Schweizer Zeitschrift für Sportmedizin und Sporttraumatologie 47/ 1999

V. Oertel / S. Matura: Bewegung und Sport gegen Burnout, Depression und Ängste. Heidelberg 2017

U. Pühse: Bewegung und Gehirnleistung. In: I. Zehner et al. (Hrsg.): Aktive Kindheit – gesund durchs Leben. Handbuch für Fachpersonen. Basel 2004

R.J. Shephard: Curricular physical activity and academic performance. Pediatric Exercise Science 9/1997, S. 113-126

C.W. Slemenda et al.: Role of physical activity in the development of skeletal mass in children. Journal of Bone Mineral Research 6/ 1991, 1227-1233