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Inklusive Lernwerkstatt

Die gesunde Entwicklung aller Schülerinnen und Schüler in der Gemeinschaft leitet die Arbeit der Windrather Talschule

Bärbel Bläser, Reinald Eichholz

Gesundheit für Leib, Seele und Geist

Die Windrather Talschule ist ein lebendiger Lern- und Lebensort, dessen Entwicklung wir unter verschiedensten Aspekten betreiben, die für eine Darstellung des Schullebens wiederum unterschiedlichste Anknüpfungspunkte bilden. Wir haben pädagogisch die Vielfalt von Intelligenzen und unsere eigenen Vorstellungen, was Leistung bedeutet, ebenso im Auge wie Lernfortschritte im Gemeinschaftsleben, individuelle Lebensentwürfe ebenso wie das Gedeihen der Gemeinschaft. Alle Aspekte verbinden sich unter dem Gesichtspunkt der leiblichen, seelischen und geistigen Gesundheit.

Salutogenetische Leitvorstellungen der Windrather Talschule

Unsere Windrather Talschule arbeitet seit ihrer Gründung 1995 inklusiv als eine "Schule für alle". Von Beginn an haben wir uns einer "heilenden" Erziehung verpflichtet, die die heil-pädagogischen Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler in den Vordergrund rücken. Weil dieser heilende Ansatz für jeden Menschen wichtig ist, haben wir unserem Verständnis von Inklusion als Leitvorstellung die gesunde Entwicklung aller Schülerinnen und Schüler in der Gemeinschaft zugrunde gelegt. Wir sind überzeugt, dass dadurch individuelle und soziale Entwicklungsprozesse angeregt werden, die eine erfüllte gemeinsame Kindheit und Jugend ermöglichen und sie für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts an Leib, Seele und Geist stärken.

Die salutogenetische Balance verfolgen wir dadurch, dass wir – zumal bei Kindern und Jugendlichen mit Einschränkungen – nicht Schwächen und Defizite, sondern Stärken und Begabungen voranstellen und deren Entwicklung kontinuierlich fördern und begleiten.

Aufnahme und Begleitung der Kinder und Jugendlichen

Um wach für die besonderen Bedürfnisse der Kinder zu werden, wirken bereits bei deren Aufnahme in die Schule eine Pädagogin, eine Therapeutin und eine Ärztin im Gespräch mit den Eltern zusammen. In der weiteren Begleitung braucht es ein feines Zusammenspiel aus Teilhabe an den gemeinschaftlichen Lebens- und Lernprozessen und individueller Ansprache und Förderung. Die Möglichkeit individueller "Zeugnissprüche" bis zur 8. Klasse charakterisiert unser Bestreben, hinsichtlich der Arbeit in der Klasse, aber auch der kollegialen Zusammenarbeit eine intensive Wahrnehmung der einzelnen Kinder zugrunde zu legen. Die Sprüche regen auf künstlerische Weise Entwicklungsimpulse an, die wir den Kindern wünschen und deren Fortschritte wir Woche für Woche wahrnehmen können. Denn jedes Kind trägt seinen Spruch einmal wöchentlich vor der Klasse vor, vielleicht zaghaft, vielleicht beherzt – jedes Mal wird deutlich, wie die Kinder im Leben stehen, wo gutes Vorankommen sichtbar oder wo zusätzliche Unterstützung notwendig ist. Diese kontinuierliche Wahrnehmung aller erweist sich als deutlich aussagekräftiger als die übliche Lernstandsfeststellung oder die punktuelle Erfassung von sonderpädagogischem Förderbedarf.

In der Mittel- und Oberstufe verändert sich das Konzept. Eine Klassenbegleitung ist eingerichtet, und Mentoren und Mentorinnen stehen für Gespräche mit den einzelnen Jugendlichen bereit.

Die gesunde Gestaltung des Schulalltags

Die Arbeits- und Lebensverhältnisse der Erwachsenen sind heute den Bedürfnissen von Kindern und Jugendlichen so entgegengesetzt wie nie zuvor. Es ist oft schwer für Familien, einen rhythmischen Tageslauf für die Kinder einzurichten, regelmäßige Mahlzeiten zu pflegen und Feste und Feiern wirklich durchzugestalten.

Hier will die Windrather Talschule einen sozialen Raum bieten, in dem das gesamte Zusammenleben rhythmisch gesundend angelegt ist. Den Schultag der jungen Schulkinder betrachten wir als eine zeitliche Einheit, die sich besonders an der Aufnahmefähigkeit der Kinder orientiert und sich in aufeinander abgestimmte Phasen untergliedert. Zunächst treffen sich alle Kinder der Unterstufe zum gemeinsamen Morgensingen, anschließend arbeiten sie in den Sommermonaten in kleinen Gruppen in Wald, Garten und Stall des zur Schule gehörenden Hof Dickten. Nach dem fast zwei Kilometer langen Fußweg zwischen Hof und Schule, der jeden Bewegungsdrang voll befriedigt, bekommen die Kinder ein gemeinsames gesundes Frühstück – aus Produkten der umliegenden biologisch-dynamischen Höfe. Im Unterricht gliedern die Kinder sich dann in einen gemeinsamen Strom des Übens und Lernens ein, wie wir ihn vom Hauptunterricht in den Waldorfschulen kennen. Das "Lernen am gemeinsamen Gegenstand" erleichtert es, die Kinder in ihrer Unterschiedlichkeit zu erreichen – eine jeden Tag anspruchsvolle Aufgabe – die keineswegs immer gelingt!

Die Klassenlehrerin begleitet ihre Klasse dann den ganzen Vormittag über. Kommen Fachlehrerinnen und Fachlehrer dazu, werden sie wie Gäste begrüßt. Die Klassenlehrerin bleibt auch in den Fachstunden in der Klasse. Mittags schließt sie den Schultag mit einer Erzählung als Ausklang ab. Diese rhythmische Gliederung des Tages ohne Stundentakt und Schulglocke gibt den Kindern Sicherheit und ein Gefühl innerer Ordnung. So haben Lehrerinnen und Lehrer die Möglichkeit, die Schultage zeitlich auf die Bedürfnisse der Kinder abzustimmen. Auf diese Weise können sie direkt auf Anzeichen der Ermüdung und Erfrischung antworten, die sie an den Kindern wahrnehmen. Sie können die Kinder sich bewegen lassen oder Ruhezeiten anlegen. Sie können das Gedächtnis fordern oder die Fantasiekräfte, ohne dabei einen Zeitmangel zu verspüren.

Ein gesundheitlicher Schwerpunkt des Schultages ist die Mittagsmahlzeit in unserem Speiseraum. Unser Kollege, der die Küche leitet, bringt es fertig, dass das Essen – ebenfalls mit Produkten der umliegenden Höfe, mit maßvollen Fleischzutaten und einem veganen Angebot – ungeteilte Zustimmung findet. Gerade angesichts sonst eher problematischer Ernährungsgewohnheiten sehen wir in dieser auch für die Gemeinschaft wichtigen Mahlzeit einen besonderen gesundheitlichen Gewinn. Unsere "offene Küche" ist für die Kinder und Jugendlichen zugänglich, sie können fortwährend mitarbeiten und mitgestalten. So übernehmen sie Verantwortung für das leibliche Wohl ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler. So fest in den Schulalltag integriert, werden Kochenlernen, Ernährungsgewohnheiten, Fragen der Nahrungsmittelchemie, Lieferkettenprobleme bis zur Geografie auch in die Unterrichtsabläufe einbezogen.

Individuelle Lernwege

In den höheren Klassen nimmt das individuelle Gepräge der Jugendlichen zu, und die Arbeit verlangt eine größere Differenzierung. Die Windrather Talschule hält neben einer an den unterschiedlichen Lebenswegen abgelesenen Differenzierung  verschiedene Abschlüsse vor, die die Jugendlichen nach ihrer Wahl ergreifen: Hauptschulabschluss, mittlere Reife, Fachoberschulreife in unserem Berufskolleg, einen berufsorientierenden Abschluss und das Abitur. Um die Jugendlichen ihren Bedürfnissen und Fähigkeiten entsprechend fördern zu können, bilden wir unterschiedliche "Lerninseln", die jedoch eingebettet bleiben in die ansonsten inklusiv gestalteten Lernwerkstätten. Wir haben die Erfahrung, dass auf diese Weise bei aller Unterschiedlichkeit eine gemeinsame gesunde Entwicklung gefördert wird und auch die auf verschiedenen Feldern jeweils besonders begabten Schülerinnen und Schüler einen geistig fordernden Unterricht erleben. Das Konzept der inklusiven Oberstufe ist in ständiger Entwicklung begriffen, um die sich eine spezielle Arbeitsgruppe in regelmäßigen Treffen kümmert.

In der Oberstufe nehmen die aus eigener Initiative ergriffenen außerschulischen Aktivitäten zu. Praktika werden gewünscht und sind teils Bestandteil des Berufskollegs. Besondere Bedeutung haben die mehrwöchigen "Expeditionen", die die Jugendlichen nach intensiver Beratung durch ihre Mentoren in verschiedenste Richtungen unternehmen. Die einen erproben sich in einem künftigen Berufsfeld, andere suchen noch Orientierung, um genauere Pläne zu machen, einige streben eine Vertiefung ihrer Sprachkenntnisse im Ausland an und wieder andere entschließen sich, den Jakobsweg zu gehen oder in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderungen im Ausland zu arbeiten.

Als Bestätigung empfinden wir die positiven Rückmeldungen und die über alle Verschiedenheiten hinweg überaus große Zugewandtheit und wechselseitige Anerkennung der Jugendlichen untereinander, wenn sie ihre Erfahrungen schildern. Und schließlich den Mut, mit dem die meisten ihre Aufgaben nach der Schule ergreifen.

Übergreifende Gemeinschaft als soziales Übungsfeld

Die Förderung des Zusammenhalts ist bei den für Waldorfschulen üblichen Klassenspielen deutlich zu spüren. Sie bieten gerade im Rahmen unseres inklusiven Schulkonzepts die Möglichkeit, in der Rollenwahl und bei den notwendigen technischen Diensten auf jede Art von Begabung einzugehen. Die Anerkennung, die allen Beteiligten stets gleichermaßen zuteil wird, fördert jeden und jede in seiner Art.

Fragt man ehemalige Schülerinnen und Schüler nach ihren stärksten Eindrücken, so werden sie vermutlich auf zwei Veranstaltungen hinweisen. Zum einen reist die ganze Schulgemeinschaft alle zwei Jahre in die Eifel, um dort miteinander zu zelten, zu spielen und beisammen zu sein. In vielen Gruppen, die quer durch alle Klassen mit Kindern besetzt sind, werden Gemeinschafts- und Geschicklichkeitsspiele durchgeführt, an deren Ende jede Gruppe für eine besondere Eigenschaft und Leistung geehrt wird. Die einen waren die schnellsten, die anderen die fairsten, die dritten die witzigsten und die vierten die fantasievollsten. Kein Kind fährt nach Hause, ohne in vollem Sinne geehrt und ausgezeichnet zu werden. Gerade in diesem Jahr zeigte sich, dass insbesondere die Gruppen, die von den älteren Schülerinnen und Schülern geleitet wurden, besonders gut miteinander kooperierten.

Ein zweites Ereignis ist das im Herbst stattfindende Michaeli-Spiel, ein großes Rollen- und Geländespiel mit Drachen, Engeln, Menschen, einem großen Feuer und viel, viel Gesang. Denn die "Menschen" haben in diesem Spiel nur zwei Waffen, um die Drachen zu besiegen: ihre Gemeinschaft und ihren unermüdlichen Gesang. Singend können sie die Drachen fangen und singend können sie sich vor ihren Angriffen schützen. Ehemalige Schülerinnen und Schüler berichten, dass es zu ihren tiefsten Eindrücken gehört, erlebt zu haben, wie ein Drache von vielen, vielen Kindern singend in den Himmel geleitet und dort von den Engeln gereinigt und in einen Menschen verwandelt wurde.

Beide Ereignisse prägen das gesamte Schulleben. Sie sind eine Ertüchtigung, die wir als essenziell für die leibliche und psychische Gesundheit der Kinder und Jugendlichen erleben. Dass die Kleinen noch lange auf dem Schulhof Drachen-Fangen spielen, und die Tatsache, dass sich frühzeitig ehemalige Schülerinnen und Schüler melden, um noch einmal Drachen sein zu dürfen, sind dafür eine Bestätigung.

Aufgaben des Kollegiums

Das so gestaltete Schulleben verlangt dem Kollegium in der Zusammenarbeit mit den Eltern viel ab. Das gilt für die normale Schulzeit nicht weniger als für die besonderen Ereignisse. Und gerade in gesundheitlicher Hinsicht kommen Aufgaben hinzu, indem wir besondere Angebote der Drogenprophylaxe, der Gesundheitsvorsorge und zu den Problemen des Medienkonsums eingerichtet haben. Ein Schutzkonzept gegen Gewalt, sexuellen Missbrauch und Mobbing ist im Entstehen. Wir schätzen uns glücklich, eine Integrationsfachkraft gewonnen zu haben, die als examinierte Fachkraft seit geraumer Zeit für das gegenwärtig gesundheitspolitisch geforderte "School-Nurse"-Programm zur Verfügung steht. So fühlen wir uns mit vereinten Kräften gut aufgestellt.

Deutschland

Das Projekt

Inklusive Lernwerkstatt

Ort

Windrather Talschule

Aktivität

Gesunde Entwicklung in Gemeinschaft

Kontakt

Bärbel Bläser: werkstattwindrather-talschule.de

Reinald Eichholz: reinald.eichholzposteo.de

Fotosprivat
Internetwww.windrather-talschule.de