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Was brauchen Schüler heute?

Der Wünschehof in Crostau/Oberlausitz

Der Wünschehof liegt in Crostau/Oberlausitz. Gemeinnütziger Träger ist die Naturschule und der Lernbauernhof Crostau. Der Wünschehof wird ökologisch bewirtschaftet und hält Tiere, vor allem Schafe, Hühner und Pferde. Anne Wünsche ist Musikerin und verwaltet den Hof; ihr Mann Rüdiger Wünsche stammt vom Wünschehof, ist Tischlermeister und arbeitete zuvor 18 Jahre als Werklehrer an der Freien Waldorfschule Dresden.

Was hat Sie bewogen, von der Stadt wieder aufs Land zu ziehen?

Anne: Den Impuls gab dieser spezielle Ort in Crostau, der alte Bauernhof, von Wiesen und Wäldern umgeben. Mein Leben lang träumte ich von einem eigenen Gemüsegarten und von Selbstversorgung sowie von einem eigenen Pferd. Diese Vision hat mich damals absolut beflügelt und hat mir den Mut gegeben, eines Tages laut die Frage zu äußern: Wie wäre es denn, wenn wir jetzt schon unseren Lebenstraum verwirklichen und hierher aufs Land ziehen?

Von Anfang an war uns klar, dass unser Hofprojekt unser ganzes Engagement und unsere ganze Aufmerksamkeit benötigen würde. Wir wollten nicht zerrissen sein durch Pendeln von Dresden nach Crostau (wozu uns viele wegen der finanziellen Sicherheit geraten haben). Wären meine Kinder damals nicht kooperativ gewesen, hätten wir den Plan sicher verworfen.

Rüdiger: Seit 2003 war ich in Dresden Werklehrer und wir haben damals die Zeit oft genutzt, um am Wochenende oder in den Ferien auf den Bauernhof zu gehen. Das Landleben tat den Kindern sichtlich gut, Raum für Entfaltung, der Wald, die Tiere, die Werkstatt. Das wollte ich auch für meine Schüler.

Schon im zweiten Jahr meiner Lehrertätigkeit besuchte die erste Klasse den Hof, eine fünfte Klasse, die in meiner Werkstatt eine Waage für das Michaeli-Fest baute. Später folgten auch Wochenendeinsätze mit Kollegen und Schülern.

Das Forstpraktikum der achten Klasse findet regelmäßig auf dem Hof statt. Es gab sogar eine achte Klasse, die danach noch vier Jahre lang in den Osterferien freiwillig auf dem Hof und im Wald arbeitete. Ein Schüler sagte mir einmal rückblickend, dass es in seinem Leben bisher die schönste Zeit war. Ich habe mich immer wieder gefragt, warum die Jugendlichen in den Ferien freiwillig im Wald arbeiten. Und ich bekam die Antwort: Es sind die Gemeinschaftserlebnisse, das sinnvolle und notwendige Tun und die Gespräche mit uns Erwachsenen über Gott und die Welt.

Bewogen, wieder auf das Land zurückzugehen, haben mich diese Erlebnisse mit den Kindern, aber auch mein eigenes Bedürfnis, das Potenzial eines Bauernhofes für ein Projekt mit Kindern und Jugendlichen zu nutzen und schließlich auch, um das Dorf zu beleben.

Was beobachten Sie an heutigen Kindern und Jugendlichen?

Anne: Wenn ich auf unsere Kinder und Jugendlichen schaue, mache ich mir große Sorgen. Das Grundübel liegt für mich tatsächlich in der Ablenkung durch die Medienwelt. Die Medien üben eine derartige Faszination auf die Jugendlichen aus – da kann kein Bauernhof mithalten. Junge Menschen tun sich schwer, aus ihrer Komfortzone herauszutreten und aktiv ihr Leben zu gestalten, solange Instagram & Co. diese enorme Ablenkung ermöglicht. Die reale Welt bedeutet ja Auseinandersetzung mit anderen Menschen – also Beziehung: Wind, Wetter, Anstrengung, die eigenen Stärken und Schwächen zu sehen und dem inneren Schweinehund zu begegnen. Ich sehe, dass diese Auseinandersetzung vermieden wird und man sich stattdessen den Fantasiebildern eines perfekten Lebens mit perfekten Freunden, dem idealen Körper, vielen Talenten usw. der virtuellen Welt hingibt. Das schafft eine so große Diskrepanz zwischen Realität und Illusion, dass Depression und Unglücklichsein die logische Folge sind. Ich beobachte einen fehlenden Willen, sich durch etwas hindurchzubeißen, Hürden zu nehmen. Ich beobachte auch eine große Angst, schulisch zu versagen und so gefühlt sein Leben zu verwirken und sich damit die Möglichkeit zu verbauen, einmal gutes Geld zu verdienen, um den hohen Standard zu halten, den sie als Kinder in ihren Elternhäusern größtenteils genossen haben. Sie wollen auch noch etwas abhaben vom "großen Kuchen" und setzen auf Vergnügungen, Reisen, schnelle Autos, Luxus. Es gibt aber auch die anderen, die von der Angst vor den Folgen des Klimawandels geplagt sind und sich meist vegan ernähren, Flugzeuge und manchmal sogar das Auto meiden. Sie können es nicht ertragen, dass unsere Tiere vom Hof geschlachtet und gegessen werden, kaufen aber im Supermarkt in Plastik verpacktes Biogemüse, was den Weg um die halbe Welt genommen hat. Sie kennen die CO2-Bilanzen, rechnen das dann schön, um ein reines Gewissen zu haben. Für mich ist das auch eine Art ideologische Verblendung.

In der heutigen jungen Generation fehlt mir auch oft der Idealismus. Ich versuche immer wieder die Welt durch ihre Augen zu betrachten und dann tun sie mir leid, die jungen Menschen, denen die Welt in einem miserablen Zustand übergeben wird, und die auch jetzt noch kein Mitspracherecht haben, weil der alte Teil der Bevölkerung einfach zahlenmäßig so sehr überlegen ist und alle wichtigen Entscheidungen nur für sich und die eigenen Interessen trifft, ohne an die Jugend zu denken. Das macht auch mich wütend und dann verstehe ich zutiefst die Resignation und das Wegschauen der Jugend vor den Problemen der Welt. Ich verstehe auch, dass sie sich später auf Arbeit nicht mehr plagen wollen und lieber im Jetzt leben wollen.

Ich beobachte auch, wie die Angst und fehlende Gelassenheit der Eltern in schulischen Dingen sich auf die Kinder überträgt, was wiederum zu psychischen Beschwerden führt.

Was die körperliche Gesundheit angeht, kann man lesen und mit eigenen Augen sehen, dass durch mangelnde Bewegung in der Kindheit, die ganz wichtige Grundfitness im Leben gar nicht ausgebildet wird. Das betrifft den wohl größten Teil der Kinder.

Die Erwachsenen trainieren den Kindern systematisch das zweckfreie Tun ab und inzwischen stellen die Kinder selbst immer sofort die Fragen: Was bringt es mir? Welchen Mehrwert habe ich davon? Welche Fähigkeiten werden bei mir gefördert? Welche Synapsen verknüpft? Wie wirke ich dabei auf andere?

Durch die viele Zeit, die Jugendliche in vier Wänden und nicht unter freiem Himmel verbringen, geht natürlich auch die Beziehung zur Natur und zu den elementaren Dingen des Lebens verloren.

Rüdiger: Den heutigen Kindern fehlen vor allem echte Beziehungen, auch zu den Erwachsenen. Der schönste Bauernhof, das tollste Projekt, die schönste Unternehmung nutzen nicht viel, wenn die menschliche oder innere Beziehung dazu fehlt. Zwar können sich die meisten Kinder und Jugendlichen einlassen auf ein "anderes" Leben oder Erleben, wie es vielleicht der Alltag oder das Stadt-Schulleben in ihrer Welt nicht hergibt, aber sie brauchen Zeit, um eintauchen zu können und sie brauchen Hilfe und Vertrauen von Seiten der Erwachsenen, um diesen Schritt machen zu können. Das kann man zum Beispiel in den zwei Wochen Forstpraktikum gut beobachten.

Ich erlebe selten Kinder, die sich nicht mit anderen vergleichen, um besser sein zu wollen oder  meinen, dass sie "schlechter" sind. Mir fällt da nur ein einziger Junge ein, der sich nicht vergleichen musste, sondern der aus sich heraus aus voller Begeisterung und Interesse für die Sache tätig war.

Ich beobachte, dass Jugendliche bei körperlicher Arbeit, verbunden mit Unannehmlichkeiten wie Hitze, psychische Anstrengung usw., schwierig durchhalten können.

Was fehlt den Kindern – was Schule nicht abdecken oder leisten kann?

Anne: Die direkte Erfahrung in der Natur kann Schule nicht ermöglichen. Auch die Mühen, die mit körperlicher Arbeit verbunden sind, die Erschöpfung, vielleicht sogar manchmal Schmerzen, guter Schlaf und ein gesunder Appetit nach getaner Arbeit an der frischen Luft – all diese elementaren Erfahrungen kann Schule nicht vermitteln.

Rüdiger: Als erstes fällt mir da ein, dass den Schülern die realen Lebensbezüge fehlen. Das kann Waldorfschule noch etwas abdecken, aber die staatlichen kaum. Wenn die Kinder und Jugendlichen  in unserem Hof- Rahmen handwerklich tätig sind, können sie drei Stunden am Stück begeistert arbeiten. Das habe ich als Lehrer im Schulkontext selten erlebt. Wirkliche Begegnungen können nur da entstehen, wenn keine Absicht und Erwartung seitens der Erwachsenen dahinter stecken. Den Kindern fehlt es, dass sie außerhalb von Schule wahrgenommen werden, es fehlt ihnen ebenso die Erfahrung, Erwachsene außerhalb der Schule zu erleben. Ich erinnere mich an eine Situation beim Forstpraktikum, als ein Lehrer im Wald stolperte und flach auf den Boden fiel. Die Schüler, die das beobachtet hatten, erzählten mir davon und waren ganz aufgeregt. So etwas kam in ihrem Bild vom Lehrer nicht vor. Besonders Jugendlichen fehlt Augenhöhe zu den Erwachsenen.

Die meisten haben keinen Bezug, keine Verbindung zur Natur, wissen nicht, was es heißt, etwas mit den eigenen Händen schaffen zu können, sich zu verwurzeln und aus dem Kopf zu kommen. Ihnen fehlt die Erfahrung, dass sie durch ihr eigenes Tun einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag leisten, zum Beispiel, dass die Waldarbeit den nächsten Generationen dient.

Das Forstpraktikum findet in einem kleinen Dorf statt. Die Jugendlichen werden von den Dorfleuten gelobt und unterstützt. Die finden das gut und sind begeistert, das merken die Jugendlichen.

An Waldorfschulen gibt es zwar ein Forstpraktikum, aber das ist viel zu wenig. Zurück in der Schule werden sie wieder "eingespurt". Ich habe aber auch erlebt, dass durch diese zwei Wochen, in denen man mit den Jugendlichen im Wald durch Leid und Freud gegangen ist, sich ein Verhältnis aufgebaut hat, was bis in die Oberstufe getragen hat.

Welche Angebote machen Sie Kindern und Jugendlichen – und warum gerade diese?

Anne: Alles begann mit dem Forstpraktikum der Freien Waldorfschule Dresden vor etwa 20 Jahren. Heute kommen auch Klassen aus anderen Waldorfschulen zu uns zum Forstpraktikum. Es findet jetzt nicht mehr am Waldrand, sondern bei uns auf dem Hof statt. Auch der Komfort ist heute viel größer als damals. Es gibt fließend heißes Wasser, es gibt einen beheizbaren Gewölberaum als Aufenthaltsort und auch die Koch-Gruppe hat weitaus komfortablere Möglichkeiten als früher, wo das Lager noch am Waldrand aufgebaut war und jeder Liter Wasser aus dem Dorf herauf auf die Zeltwiese gebracht werden musste.

Haben die Schüler Freizeit, öffnet Rüdiger seine Werkstatt, wo auf der pedalbetriebenen Drechselmaschine vielfältige hübsche Holzgebilde entstanden sind. Bogenschießen und ein Ausritt sind zwischendurch auch drin.

Wir halten auf unserem Hof Pferde, Schafe, Kaninchen, Hühner, Katzen, und wir tun es nicht nur zum eigenen Nutzen, sondern auch, weil wir immer wieder den Wert der Tiere für die Kinder und Jugendlichen erkennen. Wir haben Zehntklässler gesehen, im Kreis sitzend, jeder ein kleines junges Häschen in den Händen haltend, mit allen Sinnen die Präsenz, die Wärme und den Geruch des kleinen Tieres aufsaugend. Die Tierpädagogik passiert bei uns immer "nebenbei". Wer möchte, hilft beim Füttern oder Ausmisten, beim Weidezaun umstecken und die Herde auf die neue Wiese zu führen.

Das Bedürfnis zu singen, ist der Jugend nicht abhandengekommen. Es werden Liederbücher gewälzt und es folgt regelmäßig die Aufforderung: "Kannst du das Lied hier auf der Gitarre spielen?" Wir tun gemeinsam das, was Generationen vor uns auch schon getan haben – wir sitzen ums Feuer und singen. Ich bedaure, dass es heutzutage an Liedgut mangelt, das alle kennen und auf das man in diesen Runden einfach zurückgreifen kann. Übrigens sind Handys in dieser Zeit tabu.

Inzwischen empfangen wir Schulklassen aus ganz Deutschland nicht nur zum Forstpraktikum, sondern auch zum Vermessungspraktikum, Theatereinstudierungen und nehmen regelmäßig Landwirtschaftspraktikanten aus verschiedenen Waldorfschulen auf.

Für die Kinder der umliegenden Dörfer gibt es fortlaufend kreative Nachmittagsangebote, wo in der Holzwerkstatt geschnitzt und gedrechselt werden kann, ein Aquarellmalkurs stattfindet, Kräuterkurse angeboten werden und vielleicht im neuen Schuljahr ein Töpferkurs und Korbflechten. Wir möchten, dass diese Nachmittage zu offenen Treffs für alle werden und dass auch ältere Menschen sich zum Plausch treffen können und ehrenamtlich Kuchen und Kaffee beisteuern. Dass das keine Utopie ist, zeigt eine Initiative ein paar Dörfer weiter, wo das schon funktioniert und gelebt wird.

 

 

 

 

Wie kooperieren Sie mit Schulen oder anderen Einrichtungen?

Anne: Wir kooperieren vor allem mit Waldorfschulen. Die Zusammenarbeit mit Staatsschulen gestaltet sich wesentlich schwieriger. Der straffe Lehrplan erlaubt keine längeren Aufenthalte bei uns, auch nicht zu Bildungszwecken. Es braucht aber eine Mindestzeit, um hier an diesem Ort anzukommen und zu wurzeln. Die Lehrer der staatlichen Schulen haben dafür meist kein Bewusstsein. Sie sind vielmehr umgetrieben von der Sorge, dass Leerlauf entstehen könnte, ein Vakuum, wo die Schüler nicht beschäftigt sind. Oft wird die ohnehin kurze Zeit, die Staatsschulklassen hier verweilen, vollgepackt mit den Angeboten (Reiten, Handwerk, Bogenschießen), die wir bereithalten. Dabei sind die Kinder oft einfach glücklich über den Ort an sich, die Freiheit einer großen Wiese mit Weitblick und ihr Beisammensein! Wir kooperieren aber auch mit anderen Einrichtungen, z.B. mit der Naturschutzstation Neschwitz, mit Kindergärten, dem Hort und wir veranstalten in den Sommerferien Feriencamps, die für jeden offen und über uns buchbar sind.

Rüdiger: Die Schulen fragen bei uns an, wir machen ein Angebot, sie nehmen an oder auch nicht. Irgendwann ist mir bewusst geworden, dass dies doch irgendwie ein komischer Vorgang ist unter dem Gesichtspunkt, dass wir gemeinsam etwas für unsere Kinder unternehmen wollen. Mir scheint, dass es für die Schulen schwer ist, den gewohnten Rahmen zu verlassen. Lehrer, die Initiative haben werden wenig gehört.

Sollen Schulen und Höfe füreinander Sorge und Verantwortung tragen?

Anne: Bisher hängen ja viele Menschen noch gewissen Vorstellungen an, nämlich dass wir vom Wünschehof die kostenlose Arbeitskraft von Schülern ausnutzen, um in die eigene Tasche zu wirtschaften. In welcher prekären Situation man als neu gegründetes Unternehmen mit einem maroden Bauernhof und ohne finanzielles Hinterland wirklich steckt, davon machen sich viele kein Bild. Das aktuelle System ist nicht für Unternehmen wie unseres gemacht. Es ist sehr schwierig, in diesem System überhaupt zu existieren. Von den Schikanen der Bürokratie wollen wir gar nicht sprechen. Mir gefällt schon das Wort "Unternehmen" in diesem Zusammenhang nicht, da es dem kapitalistischen Grundgedanken folgt, der aber bei uns in der Realität überhaupt keine Anwendung findet. Seit wir diese Arbeit auf dem Hof machen, drängt sich immer wieder eine Erkenntnis auf, nämlich dass die Bedeutung gemeinschaftlichen Denkens und Handelns von den meisten von uns, Rüdiger und mich eingeschlossen, nicht mehr gefühlt wird. Gegenseitiges Helfen ohne den Gegenwert Geld ist eine Seltenheit geworden. Für uns ist diese Art der Hilfe aber existenziell, weil vier Hände keinen Bauernhof bewirtschaften, geschweige denn erhalten und neu aufbauen können. Was wir den Helfern im Gegenzug zu geben haben, sind frohe gemeinsame Stunden, Musik und gutes, gesundes Essen. Wenn Landwirtschaftspraktikanten zu uns kommen, empfinden wir die Hilfe, die wir durch die Schüler bekommen und das, was wir den jungen Menschen geben können – unser So-Sein, die Aufmerksamkeit, die wir schenken, das Sprechen über Dinge, die die Jugend bewegt – in einem guten Gleichgewicht. Bestimmte Dinge könne nicht mit Geld bezahlt werden. Aber bis dieser Gedanke in der Gesellschaft und in unseren Kindern und Jugendlichen wurzelt, wird wohl noch viel Zeit vergehen.

Rüdiger: Wir hatten auch mal kurz überlegt, eine Art Außenstelle der Dresdner Waldorfschule zu sein, alles abzudecken, was diese nicht leisten kann. Als Lehrer arbeitete ich mit Schülern in der Schule an einem handwerklichen-künstlerischen Projekt (HKP). Das könnte man auch bei uns auf dem Hof machen. Wie das wirtschaftlich zu gestalten wäre, darüber müsste man nachdenken.

Wie stellen Sie sich die Zukunft des Wünschehofes idealerweise vor?

Anne: Unsere Vision für die Zukunft ist, vor allem das Dorf zu stärken und zu beleben. Die gesellschaftliche Spaltung ist hier aktuell sehr stark spürbar. Wir möchten diese Grenzen überwinden und ein Treff für Jung und Alt schaffen, egal welcher Herkunft, Nationalität oder politischen Gesinnung. Ein ganz großer Traum ist die Gründung einer gemeinnützigen Stiftung, um die große alte Scheune erhalten und ausbauen zu können. Darin könnten Schulklassen auch in den kälteren Monaten untergebracht werden, denn momentan sind Übernachtungen nur in Tipis möglich. Wir träumen von Werkstätten, einem großen Raum für Tanz, Kino, Yoga, Seminare usw., für alles, was das Leben auf dem Land wieder lebendiger macht und bereichert. Der Wünschehof soll in unserer Vorstellung ein Ort der Begegnung sein, ein Ort, wo keine gesellschaftlichen "Blasen" existieren.

Rüdiger: Meine Vision ist in erster Linie pädagogisch geprägt. Ich möchte Kinder und Jugendliche durch das Potenzial des Hofes dabei unterstützen, in ihre Kraft zu bringen, ihre Begeisterung zu entfachen und Entdeckerfreude zu wecken. Dazu gehört auch, durch unsere verschiedenen Angebote und Unternehmungen, die Gemeinschaftsbildung zu fördern durch Integration der Dorfbewohner.

Manchmal hatte ich die Vorstellung, auf dem Hof eine Schule zu gründen. Wenn, dann könnte es auf keinen Fall eine Schule in herkömmlicher Form sein, sondern eine Schule, die ganz integriert ist in die Gesellschaft. Aber ist die Gesellschaft dafür bereit?

Schüler über das Forstpraktikum:

"Es war mal die andere Seite, wie man auch leben kann."

"Erst dachte ich, das kann ja nur blöd werden, doch mit der Zeit fand ich es immer schöner und konnte mir sogar vorstellen länger zu bleiben."

"Es war mal etwas anderes, nicht darauf zu achten, wie man aussieht, ob Schminke verwischt ist oder die Hose dreckig ist."

"Ich konnte es richtig genießen, nicht immer Autos zu hören, sondern mal zwölf Tage das Rauschen des Waldes und Vogelgezwitscher."

"Als ich nach Hause kam, sagte meine Mutter, wie erholt ich aussehe, da wir den ganzen Tag draußen waren, was ich zu Hause niemals tun würde."

"Als ich die Einzige war, die noch etwas Wasser in ihrer Flasche hatte und das mit zum Zähneputzen genommen habe, fragten mich viele, ob sie auch einen klitzekleinen Schluck zum Zähneputzen bekommen können. Da merkt man, dass man in einer Gemeinschaft zusammenhalten muss."

"Es war sehr entspannt. Wir sind, glaube ich, noch nie so eng zusammengeschweißt gewesen. Und haben noch nie so viel zusammen gemacht."

"Ich muss sagen mir haben die Medien gar nicht gefehlt."

"Wenn ich in den Wald gehe, wirkt er beruhigend, unheimlich, besänftigend und positiv in vielerlei Weise auf mich."

"Und mir ist es jetzt auch noch wichtiger, ein gutes Verhältnis zu Lehrern zu haben. Vielleicht habe ich in diesen Tagen auch die wirklichen Dinge im Leben bemerkt."

Wünschehof

Das Projekt: Wünschehof Crostau

Ort: Crostau/Oberlausitz

Aktivität: Naturschule und Lernbauernhof

Kontakt: Anne Wünsche / Rüdiger Wünsche | Email

Fotos: Autoren

Internet: ➣ Wünschehof

Resilienzförderung durch:

  • Forstpraktikum
  • Landwirtschaftspraktikum
  • Vermessungspraktikum
  • Naturerfahrung
  • Bogenschießen
  • Tierpädagogik
  • Handwerk (Schnitzen)
  • Sozialkulturelle Vernetzung
  • Gemeinschaftsbildung