Arbeiten mit der Polarität Draußen und Drinnen
Nadja Gühring leitet die Naturkrippengruppe mit zehn Kindern unter drei Jahren am Waldorfkindergarten Engelberg
Sie führen ihre Krippengruppe als Naturgruppe. Was bedeutet das?
Die Kinder beginnen den Vormittag mit einer langen Freispielzeit im Garten der Krippe und schlafen in ihren Kinderwägen im Freien.
Wie beeinflusst die lange Draußenzeit am Morgen die Gesundheit der Kinder?
Die Kinder haben die Möglichkeit, im Freien mit ihrem Spiel zu beginnen. Bestenfalls kommen sie schon komplett angezogen in den Garten und können gleich in ein großzügiges Spiel, welches viel Bewegung zulässt, eintauchen. Das Ankommen der Kinder gestalten wir sehr individuell. Wir beobachten, dass die Kinder zu Beginn des Tages viel Raum benötigen, um ihren Bewegungsdrang auszuschöpfen. Sie laufen dann in dem großen Garten umher, streifen durch die Hecken, laufen alle Wege ab und verstecken sich im Häuschen. Erst nach und nach verdichtet sich ihr Spielen und sie finden einen Platz, in der Nähe der Erzieherinnen, an dem sie sich niederlassen. Dies ist meist der Moment, in dem wir den Garten abteilen und die Kinder enger um uns haben. Dieses freie, bewegungsfreudige Ankommen entspricht den kleinen Kindern sehr. Wir nutzen hierfür bewusst die Natur, um die Kinder aufzuwecken und einzuladen, in ihrem Körper anzukommen. Die basalen Sinne der Kinder werden durch den Kontakt mit der Natur angeregt, dies wirkt sich unmittelbar auf die Gesundheit der Kinder aus. Durch die vielen unterschiedlichen Ebenen, über die die Kinder laufen, wird ihr Gleichgewichtsinn und ihr Lebenssinn angesprochen. Der Blick der Kinder streift vielerlei verschiedene Grüntöne und der Tastsinn, welcher das Fundament für eine gute Entwicklung ist, wird durch die Berührung der Umgebung angeregt. Eine umfangreiche Betätigung der Sinne wirkt sich immer positiv auf die Gesundheit der Kinder aus.
Können sich die warm angezogenen Kinder im Winter ausreichend bewegen? Wie schützen sie die Kinder vor Krankheit?
Uns ist atmungsaktive Kleidung aus Wolle, die viel Bewegungsmöglichkeit bietet, sehr wichtig. Die Kinder tragen im Winter einen Zwiebellook aus Wollkleidung. Alle haben einen Wollwalkanzug an, über den wir gegebenenfalls Matschhosen anziehen, die vor Nässe schützen, oder Schneeanzüge bei trockener Kälte. Die angemessene Kleidung ist Teil unseres Konzeptes, um die Kinder vor Krankheit zu schützen. Wir sorgen zudem dafür, dass die Kinder immer trocken sind und ziehen sie gegebenenfalls mehrmals um. Wenn die Kinder dann in die Innenräume kommen, achten wir darauf, dass sie warm sind. Gegebenenfalls machen wir ihnen auch ein Fußbad.
Räumliche Geborgenheit gibt den Kindern Hülle und Sicherheit. Erleben die Kinder in ihrer Krippe, wo sie so viel draußen sind, diese Geborgenheit?
Ja, wir arbeiten ganz bewusst mit dieser Polarität von Draußen und Drinnen. Alle Pflegesituationen und die Mahlzeiten, für die die Kinder viel Ruhe und Geborgenheit brauchen, finden im Gruppenraum statt.
Inwiefern unterstützt der Mittagsschlaf im Freien die gesundheitliche Entwicklung der Kinder?
Die Kinder sind satt, warm, und frisch gewickelt, wenn wir sie in ihre Wägen legen. Wenn es draußen kalt ist, legen wir auf Nierenhöhe der Kinder eine warme Wärmflasche, wenn wir die Kinderwägen vorbereiten. Diese Wärmflaschen werden entfernt, wenn die Kinder in die Wägen steigen. Die wohlige Wärme und die frische Luft lässt die Kinder oft sehr schnell und gut einschlafen. Manchmal brauchen die Kinder während des Vormittags keinen Schlaf, aber eine Pause. Dann stellen wir den Wagen einfach unter einen Birkenbaum im Garten und die Kinder beobachten wie die Blätter im Wind tanzen. Die Friedlichkeit der Natur wirkt sich positiv auf das Nervensystem der Kinder aus, es beruhigt sie. Die Kinder schlafen mit den Geräuschen der Natur ein und werden durch die Geräusche, mit denen sie einschlafen, auch nicht geweckt. Das tiefe Atmen an der frischen Luft wirkt sich positiv auf die Gesundheit der Kinder aus. Der eigene Kinderwagen stellt eine Brücke zum Zuhause der Kinder dar und vermittelt dadurch viel Geborgenheit. Das Gefühl, geborgen in dieser Welt zu sein, ist, glaube ich, für eine gesunde Entwicklung unerlässlich.
Können Sie Auswirkungen der langen Zeiten im Freien auf das anschließende Verhalten der Kinder im Raum feststellen?
Ja, die Kinder haben großen Appetit von der frischen Luft, wenn sie reinkommen. Sie essen mit Freude und deutlich mehr, als wenn sie zuvor im Innenraum gespielt haben. Ihr anschließendes Spielen im Raum ist beruhigt und konzentriert. Jedes Kind findet etwas, mit dem es sich beschäftigt. Der starke Bewegungsdrang der Kinder ist gestillt.
Welche Rückmeldung bekommen Sie von den Eltern?
Häufig bekommen wir die Rückmeldung, dass sich die motorische Entwicklung der Kinder rasch verbessert. Die Kinder können mit Treppenstufen und Unebenheiten auf dem Gelände sehr schnell gut umgehen und bewegen sich auch zu Hause frei und sicher. In der Eingewöhnung staunen die Eltern oft darüber, wie gerne die Kinder das gesunde Essen genießen, welches wir anbieten. Die entspannte Ruhe, die am Tisch entsteht, beeindruckt die Eltern oft sehr. Öfter wurde uns auch schon mitgeteilt, dass die Kinder ihre Puppen zu Hause ganz achtsam behandeln, so als wären die Puppen lebendig. Wenn die Kinder selbst zu Hause gewickelt werden, bestehen sie darauf, dass die Eltern die Berührungsspiele aus der Krippe spielen und ihnen die Beine einölen.
Sehen Sie für die Kinder durch ihr Konzept irgendwelche Nachteile?
Nein, keine, nur Vorteile.
Die Fragen stellte Susanne Vieser.
Naturkrippengruppe Engelberg
Das Projekt: Krippengruppe am Waldorfkindergarten Engelberg
Ort: Engelberg, Stuttgart
Aktivität: Aufenthalt drinnen und draußen
Kontakt: Nadja Gühring | Email
Fotos: Autorin
Anschrift:
Waldorf Krippe Engelberg
Rudolf-Steiner-Weg 10
73650 Winterbach
Resilienzförderung durch:
- Spiel und Mittagsschlaf draußen
- Freie Bewegungsentfaltung
- Pflege der "unteren" Sinne
- Schulung der Motorik
- Naturerfahrungen
- Pflege und Mahlzeiten drinnen



