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Aus wenig viel machen – mit Kindern im urbanen Raum

Die Waldorfkindergruppe Allerleirauh befindet sich inmitten der Stuttgarter Altstadt im Bohnenviertel

Dort gibt es einen Sandkasten vor dem Haus und eine kleine öffentliche, gepflasterte Fläche in einem verkehrsberuhigten Bereich, wo die Kinder draußen spielen können. Susanne Vieser im Gespräch mit Theresa Denjean und Antonia Frohmader von der Ganztagsgruppe über Möglichkeiten, den Kindern in beengten Verhältnissen ihrem Explorationsbedürfnis nachzukommen und ihnen die Natur nahezubringen.

Wie gestalten Sie hier das Spiel im Freien für die Kinder?

Wir gestalten das Freispiel draußen möglichst vielseitig, vor allem wenn die Kinder direkt hinterm Haus spielen. Es gibt eine große Vielfalt an Materialien und Spielsachen: Sandspielzeug, Kochutensilien, große Schaufeln, Besen, Stelzen, Tücher, Fahrzeuge, Schubkarren. Die Kinder können balancieren, mit Wasser experimentieren oder sich mit den vorhandenen Dingen kreativ beschäftigen. Dabei entstehen zahlreiche Spiele wie Fangen, Verstecken, Seilspringen oder Parcours mit Laub, Sand und Seifenblasen. Die Kinder bauen selbst Dinge. Sie pflegen das kleine Beet und kümmern sich um die Pflanzen.

Es geht darum, aus wenig viel zu machen und den vorhandenen Platz bestmöglich zu nutzen. Platztechnisch sind wir sehr eingeschränkt, jedoch versuchen wir durch all diese Dinge den Kindern eine Vielfalt zu bieten.

Bei uns erleben die Kinder ihr Freispiel mitten im Stadtgeschehen. Alltagssituationen wie Reinigungskräfte, die das Herbstlaub, mit dem die Kinder über Wochen gespielt haben, aufsaugen, oder Passanten, die durch die Spielsituationen laufen, gehören dazu. Auch Stadtführungen passieren direkt neben dem Spielgeschehen. Bei uns gehört dieser Austausch mit Passanten, Stadtführungen, Müllmännern oder auch der Polizei ganz selbstverständlich zum Alltag. Wichtig ist: Die meisten Kinder wachsen im Umfeld des Kindergartens auf. Sie sind mit der Umgebung und ihrer Lebendigkeit vertraut, das schafft Sicherheit und Verbundenheit.

Wie versuchen Sie den fehlenden Garten bzw. Naturraum zu kompensieren?

Zum Einen versuchen wir möglichst häufig mit den Kindern rauszugehen, meist in den Wald. Zum Anderen sind wir bemüht, vor Ort bewusst alles, was mit Natur zu tun hat, wahrzunehmen und einzubauen. Aus dem ersten Grund sind wir zwei- bis dreimal in der Woche regelmäßig in der Umgebung unterwegs, die nicht unmittelbar an unsere Einrichtung angrenzen. Diese Waldtage, Spaziergänge oder einfach draußen verbrachte Zeit sind für die Kinder alltäglich und für uns von großer Bedeutung. Viele unserer Kinder bewegen sich fast ausschließlich im städtischen Raum. Mit diesen Ausflügen schaffen wir einen Ausgleich und setzen gleichzeitig neue Spielimpulse.

Es geht uns darum, das Fehlende zu kompensieren, indem wir gezielt Verbindungen schaffen, wir gestalten bewusst, wohin wir mit den Kindern gehen, und welche Erfahrungen sie dort machen können. Gleichzeitig zeigen wir ihnen, dass es mehr Naturraum um sie herum gibt, als man auf den ersten Blick wahrnimmt, auch mitten in der Stadt. Oft genügt ein veränderter Blickwinkel, um den Grünstreifen, das Vogelnest oder den Baum an der Straßenecke als Naturraum zu entdecken. Durch die Ausflüge schaffen wir Freispielräume und ermöglichen den Kindern vielfältige Natur- und Stadterfahrungen, nah an ihrem Lebensalltag und doch voller neuer Eindrücke. Darüber hinaus besuchen wir regelmäßig Spielplätze oder machen längere Ausflüge, besonders freitags und in den Ferien.

Gleichzeitig holen wir die Natur aktiv in unsere Einrichtung. Wir legen ein besonderes Augenmerk auf die Elemente und die Sinne. In unserem kleinen Vorgarten beziehen wir die Kinder beim Gießen und Beobachten der Pflanzen oder Vogelnester mit ein, und auch unterwegs achten wir gemeinsam auf Kleinigkeiten in der Natur. Bei offenem Fenster wird häufig auf das Singen der Vögel gelauscht oder auf das Prasseln des Regens.

Unser Jahreszeitentisch ist mit vielen Naturmaterialien gestaltet, und auch unsere Räume sind mit zahlreichen Blumen und Pflanzen bestückt. So holen wir die Natur ein Stück weit nach drinnen. Durch Fingerspiele, Lieder und den bewussten Umgang mit Regen oder Wind bringen wir Naturelemente immer wieder ganz selbstverständlich in den Alltag der Kinder ein.

Wie unterscheiden sich die Qualitäten im Alltag im Gruppenraum oder der Natur?

Wir beobachten im Alltag deutliche Unterschiede zwischen Gruppenraum und Naturraum, besonders in Bezug auf Grenzen, Sinneserfahrungen und motorische Entwicklung. Im Grunde lassen sich alle Ziele, die wir mit der Waldorfpädagogik verfolgen, in der Natur auf ganz natürliche Weise wiederfinden. Ohne Planung, Vorbereitung oder pädagogische Konzepte schafft die Natur es, die meisten Inhalte der Waldorfpädagogik zum Beispiel in Bezug auf Selbstwirksamkeit, Rhythmus, Sinnespflege in sich zu vereinen  Wir versuchen ein möglichst natürliches Umfeld bereit zu stellen, weil wir davon ausgehen, dass es sich positiv auf die kindliche Entwicklung auswirkt.

Ein Beispiel zu dem unterschiedlichen Erleben der von außen gegebenen Grenzen: Unsere Räume sind klein, oft wird es laut und eng, auch draußen vor der Tür, wo wir uns den Platz mit einer weiteren Gruppe teilen. Selbst dort kommt es gelegentlich zu Beschwerden wegen der Lautstärke.

Im Wald erleben wir das Gegenteil: Die Kinder bewegen sich freier, brauchen weniger Begrenzung und sind dabei oft erstaunlich leise. Die Umgebung wirkt regulierend und schafft auf natürliche Weise Orientierung und Ruhe. Jedes Kind kann seine Bedürfnisse und Eigenheiten individuell ausleben, wenn es in der Natur ist, dies ist im Gruppenraum oft nicht möglich.

Sind wir in der Natur, können sich die Erzieherinnen  stärker zurücknehmen. Die Umgebung selbst bietet den Rahmen, in dem die Kinder frei und selbstbestimmt lernen und entdecken können. Das Erleben in der Natur unterstützt nicht nur die körperliche Entwicklung, sondern fördert auch die Achtsamkeit, Wahrnehmungsfähigkeit und den inneren Ausgleich auf eine Weise, die wir im Innenraum oft nur nachbilden können.

Kann man auch drinnen etwas tun, um die fehlende Natur auszugleichen?

In der Raumgestaltung setzen wir auf natürliche Materialien. Wir haben viele Elemente aus Holz, unsere Spielmaterialien sind Kastanien, Steine, Tannenzapfen, Holzbauklötze, Baumwolltücher und Bänder … Der Jahreszeitentisch nimmt einen zentralen Platz im Raum ein und wird möglichst als Bild dessen dargestellt, was gerade draußen in der Natur passiert und zu sehen ist. Ohne allzu viele Deko Objekte oder andere Wesen oder Figuren. Gerne bringen die Kinder auch von unseren Ausflügen gesammelte Schätze für den Jahreszeitentisch mit. Die Jahreszeiten werden deutlich sichtbar gemacht und gefeiert. Ebenso gibt es viele Bilder, Pflanzen und die Tischgestaltung im Raum. Auch wenn wir keine unberührte Natur direkt vor der Tür haben, schulen wir unseren Blick für das Kleine. Es geht uns darum, gemeinsam mit den Kindern Achtsamkeit und Verbundenheit zu entwickeln und Staunen für die Natur zu bewahren auch im Innenraum. Natürlich sind hier die Möglichkeiten eingeschränkt und das Abbilden der Natur ist nicht immer so möglich, dass es ganz natürlich wirkt.

Erleben Sie Veränderungen an den Kindern wenn Sie mit den Kindern in der Natur sind oder nachdem Sie in der Natur waren?

Draußen zeigen sich die Kinder lebendig, interessiert und voller Entdeckungsfreude. Sie staunen, probieren aus, sind fröhlich und manchmal auch vorsichtig und ängstlich. Sie lernen, ganz bei sich und im Moment zu sein. Die freie Umgebung erlaubt es ihnen, ihren Interessen nachzugehen, sich selbst zu spüren und an ihre eigenen Grenzen zu gehen. Dabei stärken sie auf natürliche Weise ihre Willenskraft, indem Wege zurückgelegt werden müssen – trotz Müdigkeit, Verletzungen oder Ähnlichem.

Zurück im Kindergarten zeigt sich eine spürbare Veränderung: Die Kinder wirken ruhiger, zufriedener, oft auch erschöpft, im positiven Sinn. Sie schlafen mittags tiefer, schneller und ohne Gezappel, erzählen lebhaft von dem, was sie erlebt haben, bringen Fundstücke mit und ruhen mehr in sich. Das Draußensein wirkt nach; wie ein tiefes Ausatmen, das dem weiteren Tagesablauf Leichtigkeit verleiht.

Welche Rolle hat das Spiel in der Natur für die Kinder? Was beobachten Sie?

Wir hatten einmal ein Kind, das später erzählte, seine stärkste Erinnerung an die Kindergartenzeit seien die Waldtage gewesen. Das hat ihn geprägt, so dass er auch später immer wieder und bei jedem Wetter rausgegangen ist und seinen Kindern die Begeisterung und vor allem den Zugang zur Natur weitergegeben hat. Viele Kinder erleben mit uns im Wald zum ersten Mal bewusst die Natur, nicht nur beim Spazierengehen, sondern beim echten Spielen und Dasein im Wald. Auch für Eltern ist das oft ein Aha-Erlebnis. Bei einer Eingewöhnung war ein Vater ganz erstaunt, dass es nicht weit von uns überhaupt einen Wald gibt. Diese ersten Kontakte führen oft dazu, dass Kinder sich auch zu Hause mehr Ausflüge in den Wald wünschen und Eltern angeregt werden, ihre Umgebung neu zu entdecken.

So saßen wir vor Kurzem mit der Gruppe in der Stadtbahn. Es ging aus der Stadt hinaus. Wir fuhren durch große Felder und Wiesen. Ein Junge schaute staunend aus dem Fenster und freute sich über die großen Gärten. Sein Wunsch war, dass wir doch jetzt hier aussteigen und dort laufen und spielen könnten.

Gerade in einem durchgeplanten Alltag eines Kindes sind diese Waldtage ein wichtiger Ausgleich. Viele Kinder erleben heute vor allem strukturierte Angebote und Aktivitäten. Einfach draußen zu sein – ohne konkretes Ziel, ohne etwas schaffen zu müssen; ist für viele ein großes Ausatmen in einer Welt, die oft nur Einatmen kennt.

Waldorfkindergruppe Allerleirauh

Das Projekt: Kindergarten im urbanen Raum

Aktivität: Ausgleichende Tätigkeiten zum städtischen Umfeld

Ort: Bohnenviertel Stuttgart

Kontakt: Theresa Denjean, Antonia Frohmader | Email

Fotos: Autoren

Anschrift: Rosenstraße 36, 70182 Stuttgart

Resilienzförderung durch:

  • Viel Freispiel und Waldtage
  • Beziehung zur Natur auch im Kindergarten pflegen
  • Bewusste Integration der "Elemente"