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Das Heilsame des künstlerischen Prozesses

Kunst wirkt heilend – in vielerlei Hinsicht.

Als Lehrer achte ich manchmal auf den Klang der durcheinander sprechenden Stimmen der Schülerinnen und Schüler auf dem Pausenhof. An diesem Klang lässt sich vieles ablesen von dem, was als Stimmung und Lebensgefühl in den jungen Menschen lebt. Dies hat nichts direkt mit den eventuell gelernten oder nicht gelernten Inhalten zu tun, sondern viel mehr mit dem Lebensgefühl, mit dem die jungen Menschen in die Pause hinausströmen. Ob die Stimmung gereizt und angespannt, erschöpft, belebt, ausgeglichen oder fröhlich ist, lässt sich von Klasse zu Klasse unterschiedlich wahrnehmen und wirft ein Licht auf die tiefere, seelisch-energetische Wirkung des Unterrichtes. Nicht nur in der Waldorf-Pädagogik haben wir die Aufgabe, auf diesen Aspekt zu achten. Selbstverständlich geht es bei der Erziehung immer auch um die Frage, ob es einem Menschen, der so viele und so wichtige Jahre seines Lebens in der Schule verbringt, wohl dabei ist, ob er seine Lerntechniken mit Freude entfaltet und ob er sein Leben mit Zuversicht anpackt.

Die künstlerischen Fächer, ja noch viel allgemeiner, Kunst überhaupt, kann ganz besonders dazu beitragen, dass man zu den eigenen Regulations- und Aufbaukräften findet. Fokussiert man hier lediglich auf genaue Abbildung, zu lernende Techniken oder auf gesellschaftskritischen Ausdruck, kann dieser Aspekt auch verloren gehen, ohne dass deswegen die genannten Aspekte falsch sein müssen. Im Unterricht, egal in welcher Schulform, sollte das Ziel nicht aus dem Auge verloren werden, den Menschen insgesamt zu stärken und seine körperliche, seelische und geistige Gesundheit im Auge zu behalten.

Im Grunde genommen ist das eine Herzensfrage. Wenn ich mich einer künstlerischen Aufgabe wirklich mit Wärme und Vertiefung widme, wenn ich bereit bin, in einen Prozess einzutauchen, trete ich in einen Bereich ein, der das eigene Können, das, was ich mit meinem Bewusstsein überschauen kann, übersteigt. Ich werde Mitarbeiter an einem übergeordneten Geschehen und spüre zum Teil mit großer Sicherheit, was im Moment zu tun ist, ohne dass ich ein Endergebnis dabei vor Augen habe. Dieser Vorgang wirkt sich gesundend aus. Er wirkt sich auf den Wärmehaushalt des Menschen und auf die Durchblutung aus und sammelt und vertieft die seelische Präsenz. Insofern kann Kunst direkt heilend wirken, lange bevor es sich dabei um Kunsttherapie handeln muss.

Der künstlerische Prozess, den ich hier skizziere, setzt aber einen Raum voraus, in dem er sich entfalten kann, einen Freiraum, auch einen Vertrauensraum, der mit zu eng geschnürten Aufgaben, Notendruck oder stundenplanbedingtem Zeitmangel sofort im Keim erstickt. Hier ist die Hauptfrage, was wir wirklich wollen. Auch ob überhaupt verstanden wird, was der Wert eines offenen Lernraums überhaupt bedeutet. Falls das Schulsystem oder die Schulleitung einen solchen Entfaltungsraum nicht ermöglicht, was vielleicht bereits einem Scheitern des pädagogischen Auftrags nahekommt, braucht es Freizeitangebote, die dann aber leider die Menschen gar nicht erreichen, die es am dringendsten bräuchten.

In einem offenen Freiraum können Farbe, Klang, formbare Masse zu einem Gegenüber werden, zu dem wir in Beziehung treten können, von dem wir Eindrücke empfangen oder demgegenüber wir unseren Willen kundtun können. Dies kann als Gespräch erlebt werden. Künstlerische Tätigkeit pendelt, so betrachtet, zwischen den beiden Extremen bloßer Wahrnehmung und bloßem Ausdruck des Eigenwillens hin und her und vermag daraus in einem geheimnisvollen alchemistischen Umschmelzungsprozess etwas wie eine Art Selbstheilungsvorgang zu bewirken. Diesen zu erleben, veranlasst in der Regel, die gemachte Erfahrung erst recht zu suchen und dem nachzugehen.

Insgesamt bleibt die künstlerische Tätigkeit an sich ein Feld, das uns ganz allgemein helfen kann, zu uns selbst als leiblich-seelisch-geistiger Einheit zu finden, das heißt, das aktuelle Körperempfinden, die seelische Befindlichkeit und das tieferliegende Selbstverständnis miteinander zu synchronisieren, in diesem komplexen Geflecht Gleichgewicht zu schaffen. Es fühlt sich an, wie wenn in diesem tiefgehenden Gestaltungsvorgang das erst geschaffen wird, was man so einfach "Mensch" nennt.
 

Lernziel: Sich verbinden können

Natürlich kann man einen solchen Prozess nicht einfach als Unterricht oder überhaupt als Lernen im üblichen Sinn bezeichnen, da es ein sich selbst steuernder Prozess ist. Anstatt nach Lernzielen zu suchen, dürfen wir als Lehrpersonen hier einfach einmal zurücktreten und die Lernziele fallen lassen – es passiert dabei nichts Schlimmes. Stattdessen können wir auf das Verhalten der Kinder und Jugendlichen achten: Es wird daran sofort sichtbar, ob das, was passiert, sinnvoll ist oder nicht.

Sinnvoll ist nicht immer das vorgedachte Lernziel, dagegen immer das Beachten der vollen –selbstbestimmten Würde des Gegenübers.

Im künstlerischen Prozess können wir zum Glück von Freiheiten Gebrauch machen, um gerade dieses innewohnende Potenzial anzusprechen. Hier propagiere ich nicht einen Unterricht im "Macht einfach mal"-Stil, da konkrete Aufgaben und Techniken oft helfen können, gerade zu der vertieften Verbindung zum Tun zu finden, die einen künstlerischen Prozess auszeichnet. Und anstelle bestimmter künstlerischer Kompetenzen kann gerade die Tiefe dieses persönlichen Engagements zum Ziel werden. Nur darf das niemals bewertet werden, denn es liegt in der eigenen Entscheidung des Kindes, des Jugendlichen.
 

Lernziel Freude

Auch Freude gehört zu den Dingen, die man nicht fordern darf: "Du bekommst für deine fehlende Freude beim Arbeiten eine schlechte Note" ist ein Satz, bei dem sofort der Übergriff spürbar werden sollte. Das dürfen wir nicht. Freude ist einfach ein Geschenk, wenn sie auftritt, und wenn nicht, ist ebenfalls alles in Ordnung. Aber wir können behutsam darauf achten, durch die Art unseres Unterrichts Freude wenigstens zu ermöglichen.
 

Lernziel innere Sammlung

Dass unsere Zeit, wir alle, auch die Kinder, ein Defizit in Beziehung auf Sammlung, Fokussierung haben, liegt auf der Hand. Bestrebungen in Richtung Achtsamkeit in der Schule stammen nicht in erster Linie aus der Waldorfpädagogik, sind hier aber durch den sogenannten rhythmischen Teil und den Morgenspruch auch schon seit hundert Jahren mit dabei. Zu Achtsamkeitspraktiken im Schulrahmen gibt es mittlerweile viel Literatur und auch wissenschaftliche Studien. Auch Sammlung kann man weder benoten noch einfordern, aber ermöglichen. Es wird notwendig sein, diesen Punkt verstärkt in die Unterrichtsziele einzubauen. Ein großes Problem dabei, jedenfalls bei mir selber, ist die Ruhe im Unterricht. Phasen absoluter Stille wären hilfreich und wichtig für die innere seelische Hygiene.
 

Kunstunterricht oder künstlerischer Unterricht

Letztlich sind all diese Fragen im Kern nicht Fragen des Kunstunterrichtes. Sie betreffen alle Arten von Unterricht. Auch der Kunstunterricht wird erst gut, wenn die ganze Unterrichtssituation zum Kunstwerk wird. Schön Malen kann richtig schlechter Unterricht sein, ganz egal wie es aussieht. Künstlerisch unterrichten – etwas, was Rudolf Steiner bereits vor 100 Jahren gefordert hat, heißt, menschlich unterrichten, in der vollen Tiefe dieses Begriffs.

Die Lernziele, die ich mir erlaubt habe zu skizzieren, sind alle auf Freiraum angewiesene, unbenotbare, unbeurteilbare Ziele. Dies mit voller Absicht. Vielleicht brauchen wir ganz allgemein weniger Beurteilung und mehr Ermöglichung. Mehr liebevoll begleiteten Entfaltungsraum.

Eine Zielsetzung freilich, die jeder selber für sich entdecken und in völliger Freiheit handhaben kann.

Zum Autor:
Torsten Steen ist seit 20 Jahren Kunstlehrer an der Rudolf Steiner Schule in Ittigen / Bern und war vorher an anderen Steinerschulen in der Schweiz und Dänemark tätig. Seit dreißig Jahren ist er mit Fragen zu Kunst und Anthroposophie beschäftigt, wovon auch einige Publikationen in verschiedenen anthroposophischen Zeitschriften zeugen. Er hat drei erwachsene Kinder und lebt in einem idyllischen Dorf nahe Bern.