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Die Heilkraft der Architektur

Gesundheitsförderung durch Schulbauten.

Begriffe wie "Healing Architecture", "Healing Environments" oder "Healing Spaces" sind in den letzten Jahren zwar vornehmlich in der Krankenhaus-Forschung populär geworden (z.B. Dijkstra et al. 2006, Laursen et al. 2014, Koppen & Vollmer 2022), haben jedoch auch für die Schulbaugestaltung eine hohe Relevanz. Im letztgenannten Fall geht es um eine salutogenetische, d.h. Gesundheit erhaltende und fördernde Wirkung des räumlichen Milieus.

Zahlreiche empirische Studien zur Krankenhaus-Gestaltung haben gezeigt, dass eine Patienten wie Krankenhauspersonal positiv erscheinende Raumgestaltung (beispielsweise naturnahe und ästhetisch anmutende Innen- und Außenraumgestaltungen) dazu beitragen kann, dass unter anderem Liegezeiten verkürzt, Belastungserlebnisse vermindert und krankenhaustypische Infektionen reduziert werden. Entsprechende Ergebnisse aus der Schularchitektur-Forschung werden zwar weniger häufig publiziert, weisen aber in eine analoge Richtung (vgl. z.B. Rittelmeyer 2013, Kap. 3/4, Kirkeby et al. 2015, Frerichs et al. 2015, Bogerd et al. 2020). Dabei steht das gesamte Spektrum von gesundheitlichen Problemen im Blick, mit denen Schulen konfrontiert sind: Ängste, Stressgefühle, Depressionen etc. (Forschungsfeld mental health) sowie ernährungsbedingte Körperprobleme, Krankheitsanfälligkeit, Defizienzen des Herz-Kreislauf- und Atmungssystems etc. (Forschungsfeld physical health). Beide Bereiche stehen in enger Wechselbeziehung.

Es gibt inzwischen zahlreiche forschungsgestützte Indizien dafür, dass die erlebte Schulraumgestaltung nicht nur auf die Schulleistungen und auf die psychische Befindlichkeit der Schülerinnen und Schüler wirkt, sondern auch deren gesundheitliche Verfassung beeinflussen kann, positiv oder negativ. Offenbar sind solche tiefgreifenden Wirkungen auf ein Ensemble von architektonischen Botschaften zurückzuführen (wie z.B. auf einladend oder abstoßend erlebte Innenraumgestaltungen), die elementaren Bedürfnissen und Suchbewegungen von Menschen entsprechen oder aber diesen widersprechen. Wenn beispielsweise ein Klassenraum als bedrückend, beengend, hässlich und anregungsarm erlebt wird, dann kann dies einen selten bewussten, aber dauernd wirksamen Stress erzeugen, der sich bei einigen Kindern und Jugendlichen auch krankheitsfördernd auswirkt.

Obgleich Waldorfschul-Bauten in dieser Hinsicht unterschiedlich zu bewerten sind (vgl. Mensch + Architektur 2009), liegt diesen doch gleichermaßen ein wohl intuitives Bewusstsein darüber zugrunde, dass die Gestaltungsformen immer didaktische Szenen sind, die analog zur Unterrichtskunst und deren salutogenetische Potentiale zu beurteilen sind. Solche Prozesse noch tiefergehend aufzudecken, als dies bisher geschehen ist, wird Aufgabe einer Forschung sein, die praktische Hinweise auf eine menschenwürdige Schulbaugestaltung und auf Elemente einer "gesunden Schule" geben kann.

Zum Autor: 
Christian Rittelmeyer war bis 2003 Professor für Erziehungswissenschaft am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Göttingen

Literatur:
N. Bogerd, C. Dijkstra, K. Tanja-Dijkstra, M. Boer, J. Seidell, S. Koole, J. Maas, (2020): Greening the classroom: Three field experiments on the effects of indoor nature in students‘ attention, well-being, and perceived environmental quality. Building and Environment 171, 106675

K. Dijkstra, M. Pieterse, A. Pruyn, A. (2006): Physical environmental stimuli that turn healthcare facilities into healing environments through psychologically mediated effects: systematic review. Journal of Advanced Nursing 56 (2), 166-181

L. Frerichs, J. Brittin, D. Sorensen, M. Trowbridge, A. Yaroch, M. Siahpush, M. Tibbits, T. Huang, (2015): Influence of School Architecture and Design on Healthy Eating: A Review oft the Evidence. American Journal of Public Health 105 (4), e46-e57

I.M. Kirkeby, B.B. Jensen, K. Larsen, R. Kural, (2015): Designing for health in school buildings: Between research and practice. Scandianvian Journal of Public Health 43 (3), 260-268

G. Koppen, T.C. Vollmer (2022): Architektur als zweiter Körper. Eine Entwurfslehre für den evidenzbasierten Gesundheitsbau. Berlin

J. Laursen, A. Danielsen, J. Rosenberg, J. (2014): Effects of environmental design on patient outcome: a systematic review. HERD (Health Environments Research & Design Journal) 7 (4), 108-119

Mensch + Architektur (2009), 69/70: Themenheft "Waldofschulbau im Wandel".

Chr. Rittelmeyer (2013): Einführung in die Gestaltung von Schulbauten. Frammersbach