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Die Heilkraft der Gemeinschaft

Gesunde Beziehungen verlängern das Leben.

Verschiedene Untersuchungen der letzten Jahrzehnte machen deutlich, wie entscheidend die Qualität unserer Beziehungen für ein langes und gesundes Leben ist. Eine davon ist die Harvard Study of Adult Development, eine der umfassendsten Längsschnittstudien überhaupt, in der Forscher die Daten von mehr als 700 Männern erhoben haben, bei einigen über 75 Jahre hinweg. In einem über 15 Millionen Mal angeklickten TED-Talk betont Robert Waldinger, der Leiter der Studie, der Schlüssel zu einem langen und gesunden Leben seien gute soziale Beziehungen. Einsamkeit töte hingegen – egal, ob man arm oder reich sei (Haslam / Steffens / Dick 2020).

Die Erfahrungen der sozialen Isolation und des Online-Unterrichts der Pandemie-Krise haben viele Probleme der psychischen Gesundheit, insbesondere bei den Kindern und Jugendlichen, hervorgebracht (Spitzer 2020). Ohne Begegnungen mit Anderen entfremdet sich der Mensch auch von sich selbst und wird psychisch und schließlich körperlich geschwächt. Wichtig ist bei den sozialen Beziehungen die physische und räumliche Interaktion. Erst in der realen Interaktion mit anderen Menschen "atmet" auch die Seele. Das macht die problematische Wirkung der "sozialen Medien" auf die psychische Gesundheit verständlich (Turkle 2012).

Die zwischenmenschlichen Beziehungen äußern sich im familiären, freundschaftlichen und nachbarschaftlichen Zusammenhalt und auch in pädagogischen Beziehungsverhältnissen. Die pädagogischen Beziehungen als ein spezielles Gebiet zwischenmenschlicher Beziehungen sind für das spätere Leben von existenzieller Bedeutung. Das soziale Miteinander beruht auf der Kommunikation und dem Wahrnehmen der inneren Verfasstheit, der Befindlichkeit, der Wünsche, der Intentionen und Bedürfnisse, ja des ganzen Wesens des Gegenübers. Die Erlebnisse im sozialen Miteinander werden im pädagogischen Verhältnis zum Motiv des eigenen Handelns erhoben. Das Handeln des Pädagogen wird in den Dienst des Anderen gestellt, um ihn in seiner Entwicklung umfassend zu fördern. Die Bindung zwischen Eltern und Kindern ist für beide gesundheitsfördernd. Das Erlebnis der Geborgenheit und des Vertrauens hat für das Kind weitreichende gesundheitsrelevante physiologische Folgen, die eine gesunde Ausbildung von organischen Strukturen (z.B. des Zentralen Nervensystems) bestimmt (Hüther 2021).

Eine Klasse stellt eine besondere, jedoch auch – ähnlich wie bei der Familie – stabile Gemeinschaft dar, die durch freundschaftliche Beziehungen im gemeinsamen Tun, in der Kommunikation und Zusammenarbeit unter Gleichaltrigen geprägt ist. Zentral sind das alltägliche Unterrichtsgeschehen und das soziale Lernklima im Klassenraum, nicht weniger wichtig aber auch alle besonderen Aktivitäten wie Ausflüge, Kunstprojekte, Aufführungen, Spiele und Feste. Die Qualität der erfahrenen sozialen Beziehungen in der Schule ist für die Gesundheit im Erwachsenenleben wohl noch wichtiger als die Wertigkeit des erreichten formellen Bildungsabschlusses, die ebenfalls für die Gesundheit von Bedeutung ist (Tuppat 2020). Die Pflege der sozialen Kontakte bietet mindestens einen so guten gesundheitlichen Schutz wie sportlichen Aktivitäten wie auch der Verzicht auf Rauchen oder auf andere riskante Verhaltensweisen.

Zum Autor:
Prof. Dr. Tomáš Zdražil war Klassenlehrer in Tschechien. Er ist Dozent an der Freien Hochschule Stuttgart.

Literatur:
C. v. Haslam, N. Steffens, R. v. Dick: Die Heilkraft des Wir. In: Gehirn & Geist 08/2020, S. 12 – 19

G. Hüther: Lieblosigkeit macht krank. Was unsere Selbstheilungskräfte stärkt und wie wir endlich gesünder und glücklicher werden können. Freiburg 2021

M. Spitzer: Pandemie. Was die Krise mit uns macht und was wir aus ihr machen. München 2020

J. Tuppat: Soziale Ungleichheit, Gesundheit und Bildungserfolg. Die intergenerationale Transmission von Bildungschancen durch Gesundheit. Wiesbaden 2020.

S. Turkle: Verloren unter 100 Freunden: Wie wir in der digitalen Welt seelisch verkümmern. München 2012.