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Die Heilkraft der Künste

Kunst kann auch bei psychischen Traumata heilsam sein.

Neben den biomedizinischen Therapien werden die Künste als nicht-invasive und risikofreie Behandlungsmöglichkeiten sowohl auf der körperlichen wie auch psychischen Ebene therapeutisch eingesetzt. Sie dienen der Prävention und Intervention, fördern den sozialen Zusammenhalt und soziale Integration, bauen Ungleichheiten und Konflikte ab und wirken heilsam bei psychischen Traumata (WHO 2019).

Durch künstlerische Mittel kann pädagogisch dazu beigetragen werden, dass sich jedes Kind durch Kunst als selbstwirksam erfahren kann. Alles, was wir mit den Händen als den Organen des Handelns machen, wirkt in diesem Sinne. Praktische, aber vor allem auch künstlerische Übungen, Erfahrungen und Projekte sind Möglichkeiten, sich als aktives und kreatives Individuum zu erleben, das die Welt gestalten kann. Tanzkurse, Musikveranstaltungen, Theateraufführungen lösen den Jugendlichen von der Befangenheit in sich selbst und erfüllen ihn mit Wohlbefinden und Freude. Die Kunst ist auch ein Mittel, um die Gefühle auf die verschiedenste Art und Weise zu artikulieren und zum Ausdruck zu bringen (Berka-Schmid/Marktl 2021), sei es durch das Theaterspiel, durch Tanz (Christensen 2020) oder Musizieren (Bastian 2000), durch Sprache, rezitierend (Bonin 2001) oder gesanglich (Bossinger 2006), im plastischen Medium, zeichnend oder malend.

In einer Studie der Universitäten Bern und Graz über die Wirkungen von verschiedenen künstlerischen Sprachübungen auf die Herzfrequenzvariabilität ergab sich, dass durch das künstlerische Sprechen auf die Atmung und auf den Kreislauf ähnliche positive Wirkungen erzielt werden können wie mit bestimmten kardiologischen Medikamenten (Bonin 2001). Konkret hat sich eine Verlangsamung und Vertiefung des Atems und ein Absinken der Herzfrequenz und weiter – speziell bei Hexameterversen – eine Synchronisation und Harmonisierung von beiden Rhythmen ergeben, was therapeutisch von besonderer Bedeutung ist. Ebenso hat sich das Befinden der Untersuchungsteilnehmer verbessert. Nach der Rezitation fühlten sie sich gelöst, erfrischt, ruhig, entspannt und klar, nach der Deklamation angeregt, energischer, wacher, kräftiger und wärmer. Es sind in den letzten Jahren zahlreiche Studien erschienen, die die "heilende Kraft" der Musik generell und des Singens speziell belegen (Bossinger 2006). Bereits das Anhören von Musikstücken modulieren Blutdruck sowie Herz- und Atemfrequenz. Ein Crescendo führt zum Zusammenziehen der Blutgefäße und zur Beschleunigung, ein Decrescendo zur gegensätzlichen Wirkung. Diese Wirkungen steigern sich durch aktives Musizieren, insbesondere wenn der eigene Körper beim Singen zum Schwingen gebracht wird. So wird durch die verlangsamte, aber auch vertiefte Atmung die Sauerstoffversorgung der Organe, insbesondere des Gehirns verbessert mit entspannungsfördernden und stressreduzierenden Effekten. Insbesondere wird durch das Singen eine erhöhte synchronisierte Herzfrequenzvariabilität mit immunstimulierender Wirkung induziert. Durch mehrere Studien konnte auch nachgewiesen werden, dass durch Singen der Anteil an Immunoglobulin A, einem wichtigen Antikörper, der Krankheitserreger und Allergene unschädlich macht, bereits nach kurzer Zeit des Singens deutlich ansteigt.

Durch Theater, Tanz oder Eurythmie wird in unterschiedlicher Weise der ganze Leib zum Ausdruck des inneren Lebens. Die Gedanken und Gefühle gehen mit dem Körper eine integrierte aufeinander abgestimmte Einheit (Christensen 2020) ein. Die Eurythmie insbesondere ruft deutliche Klangstrukturen im Herzschlag hervor, die noch feiner gestaltet sind als bei der Rezitation oder Musik (Moser 2003). Bei Bauarbeitern konnten durch die eurythmischen Interventionen Unfallszahlen und Krankenstände erstaunlich drastisch gesenkt (vollständiger Rückgang der Unfälle) und die Schlafqualität signifikant verbessert werden. Deswegen werden in manchen Projekten der betrieblichen Gesundheitsförderung die eurythmischen Übungen als Herz-Kreislauf-Koordinationstraining angewendet (Moser et al. 2001). So liegen in den eurythmischen Bewegungen gesundheitsfördernde Potentiale, die die verschiedenen positiven Wirkungen von Rezitation, Musik, Tanz und Sport integrieren und steigern.
 

Zum Autor:
Prof. Dr. Tomáš Zdražil war Klassenlehrer in Tschechien. Er ist Dozent an der Freien Hochschule Stuttgart.

Literatur:
H.G. Bastian: Musik(erziehung) und ihre Wirkung. Mainz 2000

G. Berka-Schmid / W. Marktl: Gesundheit und Kunst. 2021

D. v. Bonin et al.: Wirkungen der Therapeutischen Sprachgestaltung auf Herzfrequenz-Variabilität und Befinden. In: Forschende Komplementärmedizin 8/2001, 144-160

W. Bossinger: Die heilende Kraft des Singens. Battweiler 2006

J.F. Christensen: Lebenselixier Tanz. In: Gehirn & Geist 04/2020, S. 13-21

M. Moser et al.: Stress, am Herzschlag sichtbar gemacht. AUVA Forum Prävention. Insbruck 2001

M. Moser et al.: Luftkunst – Von der Fähigkeit, mit dem Atem das Herz und den Körper zum Klingen zu bringen. In: Luft. Elemente des Naturhaushalts, Vol 4, Schriftenreihe Forum Band 12. Kunst- und Ausstellungshalle der BRD (Hrsg.). Köln 2003

D. Fancourt, S. Finn: What is the evidence on the role of the arts in improving health and well-being? A scoping review, Nordic Journal of Arts Culture and Health 2(01):77-83, DOI:10.18261/issn.2535-7913-2020-01-08