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Medienführerschein in der Mittelstufe – Eine gesundheitsrelevante Prävention

Eine gesundheitsrelevante Prävention für die Mitte der Kindheit.

Kinder sind früh medienaffin. Macht es dann überhaupt (noch) Sinn, über einen praktisch nachgereichten "Medien-Führerschein" in der 5., 6. oder 7. Klasse nachzudenken? Welchen Wert hat eine vom Gedanken der Fahrerlaubnis ausgehende, rückwirkend legitimierte Fahrerlaubnis? Nun, Kinder sind gerade aufgrund ihrer selbstermächtigenden Gebärde, mit der sie sich über Geräte in der digitalen Welt bewegen, dringend darauf angewiesen, zumindest die Möglichkeit eines reflektierenden Verständnisses für ihr digitales Handeln zu erlangen. Unbedachtes digitales Handeln, das Straftatbestände erfüllt, kann eine Biografie zerstören, traumatisieren, sogar zu lebensbedrohlichen Situationen führen. Unangemessene Bilder und Inhalte ohne die Möglichkeit einer Verarbeitung können traumatisieren und verletzen.

Eine digitale Fürsorge ist notwendig

Kinder und Jugendliche bewegen sich vorwiegend alleine im Netz. In Bezug auf Nutzungsdauer, Inhalte und Verfügbarkeit werden sie weder von den Anbietern der digitalen Angebote und kaum noch von den Eltern geschützt. Diese mangelnde "digitale Fürsorge" eröffnet im schulischen Rahmen neue Aufgabenfelder, denn sobald Kinder und Jugendliche mit internetfähigen Geräten ausgestattet werden, kommen sie mit ungeeigneten Inhalten in Berührung. Je nach Entwicklungsstand stellen die damit einhergehenden medienethischen Fragen eine massive Überforderung für Kinder und Jugendliche sowohl als Rezipienten als auch als Produzenten dar: Aufgrund mangelnder psycho-sozialer Reife und Lebenserfahrung können Videos, Fotos und Texte weder eingeordnet noch auf ihr Gefahrenpotenzial hin erkannt werden. Für die Einordnung und Bewertung problematischer Inhalte bedarf es eines ausgebildeten medialen Bewusstseins, einer Medienmündigkeit.

Um in medienerzieherischen Aufgabenfeldern Vorbild zu sein, müssen Eltern und Umfeld sowohl über zeitliche als auch erzieherische Ressourcen verfügen. Eltern, die Kinder und Jugendliche mit digitaler Infrastruktur ausstatten und im häuslichen Umfeld weder für einen technischen Kinder- und Jugendschutz noch eine alters- und entwicklungsentsprechende Heranführung und Begleitung an und mit den Medien sorgen, versäumen nicht nur ihre digitale Fürsorge, sondern signalisieren durch ihr Handeln gleichzeitig, dass sie kein Interesse an dem Thema haben. In schwierigen Situationen sind sie dann keine geeigneten Ansprechpersonen für die Kinder.

Was folgt daraus für die Lehrperson?

Für Lehrende rückt neben der Vermittlung klassischer Bildungsaufgaben die Aufgabe der digitalen Fürsorge der Kinder in den Vordergrund. Es ist sogar recht wahrscheinlich, dass im Umfeld des Kindes oder Jugendlichen die Lehrperson die einzige ist, die sich dieser Frage annehmen kann. Umso wichtiger ist der vertrauensvolle, verantwortungsvolle Umgang mit dem Thema. Für die Lehrperson selber entstehen aber noch weitere Aufgabengebiete. So können Fragen der Darreichung pädagogischer Inhalte relevant werden: Wenn in der Tierkunde der vierten Klasse beispielsweise Themen behandelt werden, zu denen Kinder eher die Vorstellung der in YouTube Clips dargestellten Filme assoziieren, statt aus der unmittelbaren Wahrnehmung zu schöpfen, muss die Erarbeitung der vom Lehrenden präsentierten Themen methodisch-didaktisch überdacht werden. Zumindest muss die Lehrperson im Bewusstsein dieser Tatsache handeln: Es kann ihr auf keinen Fall egal sein, welche Inhalte Kinder und Jugendliche im häuslichen Umfeld konsumieren, denn die Inhalte landen sowieso im Unterricht! Sei es durch stark geprägte Vorstellungsbilder der aus dem Netz entlehnten Bilder oder durch Inhalte, denen Kinder und Jugendliche exponiert sind und durch deren  "unverdaute" Persistenz eine phantasievolle Bildhaftigkeit verhindert wird. In jedem Fall stellen die genannten Situationen neue Aufgaben an den Lernprozess des Lehrenden.

Was sollten Kinder und Jugendliche über digitale Medien wissen?

Ein neuer Ansatz geht davon aus, dass Lernende die Phänomene der digitalen Welt aus unterschiedlichen Perspektiven nicht nur kennenlernen, sondern auch reflektieren können sollen. Der reinen Nutzungs- und Anwendungstätigkeit  "Wie nutze ich das?" muss also die analytische Fragestellung "Wie funktioniert das?" hinzugefügt werden. Diese eher technologische Perspektive ist ein wichtiger Aspekt eines Medienführerscheins. Ein weiterer Aspekt bei der Betrachtung der digitalen Phänomene ist: "Wie wirkt das auf den Menschen oder auf mich als einzelner Mensch? Welche Wechselwirkungen entstehen da?" Diese in der "Dagstuhlerklärung" (Gesellschaft für Informatik 2016) zusammengefassten Perspektiven ergänzen sich in der Wechselwirkung: Wenn ich verstehe, wie etwas technisch funktioniert, kann ich auch besser politisch darüber diskutieren, ob man beispielsweise etwas reglementieren sollte oder nicht. Ein Verständnis der prinzipiellen Funktionsweisen der im Alltag verwendeten Technologien ermöglicht aber auch eine differenzierte Anwendungsmöglichkeit. Das schafft die Basis für eine nachhaltige digitale Bildung, die es Kindern und Jugendlichen ermöglicht, in Zukunft digitale Phänomene sowohl zu verstehen und zu beurteilen und damit auch gestaltend an diesen mitwirken zu können. Denn die Kinder und Jugendlichen, die zum jetzigen Zeitpunkt in der Unter- und Mittelstufe sind, werden sich auf jeden Fall nach Beendigung der Schulzeit in einer hochdigitalisierten Lebens- und Arbeitswelt zurechtfinden müssen.

Was sollten Lehrkräfte wissen und können?

In Klasse 5 sind die Lernenden erst teilweise mit digitalen Geräten ausgerüstet, in einer 7. Klasse ist dagegen meist eine Vollabdeckung mit digitalen Geräten vorhanden. Wenn dies der Fall ist, muss man davon ausgehen, dass digitale Angebote andere Aktivitäten verdrängen und die Aufmerksamkeit der Kinder und Jugendlichen weitgehend in eine Richtung in Anspruch genommen ist. Digitale Formate werden schnell und unhinterfragt rezipiert: Gespräche der Lernenden fokussieren hauptsächlich Serien, Games, Ausrüstungsgegenstände, YouTube Clips, Werbung, Influencer und neue Blockbuster. Die damit einhergehenden Implikationen sind bekannt: Themen wie (Cyber-)Mobbing, Gaming, Werbung, Influencer, Cybergrooming und Kettenbriefe beschäftigen Kinder und Jugendliche außerordentlich und bestimmen thematisch sowohl die reale wie digitale Interaktion. Je weniger elterliche Regulation ausgeübt wird, umso wichtiger werden die Lehrpersonen, denn sie sind eventuell die einzigen, die mit den Auswirkungen der "unverdauten" Themen konfrontiert sind.

Digitale Fürsorge der Lehrenden im Klassenzimmer

Wenn Lehrkräfte den Herausforderungen der digitalen Transformation mit Interesse und dem Willen an aktueller Zeitgenossenschaft begegnen, können Gespräche über belastende Inhalte der digitalen Angebote gepflegt werden. Hier ist die Bereitschaft der Lehrkräfte gefragt, sich mit erheblichem Zeitaufwand in Themen wie zum Beispiel Jugendmedienschutz, medienpädagogische Elternabende oder in das Thema "Klassenchat" einzuarbeiten. Und wenn es gelingt, mit der Klasse in ein Gespräch zu kommen, wird den Jugendlichen signalisiert, bei Problemen ansprechbar zu sein. Man fragt sich, welche Qualifikation und welches Zertifikat nötig sind, um im Anbetracht dieses Aufgabenspektrums eine "gute Lehrkraft" zu sein.

Für Kinder und Jugendliche, die durch häusliche Dysregulation von unterrichtsfernen Inhalten absorbiert sind, könnte ein klares Gespräch zum Beispiel über Szenen des Blockbusters "Squid Game" dazu führen, dass im Anschluss an den Austausch über die Inhalte der Serie der gesprochene Morgenspruch in seiner aufrichtenden Kraft als wirkungsvolles Instrument und Gegengewicht zur digitalen Welt erlebt wird.

Wenn Lehrkräfte in der Klasse keine Gesprächs- und Wahrnehmungsebene im Bereich der Medienerlebnisse wie Gaming, Soziale Netzwerke und Verarbeitungshilfen für belastende Inhalte bereitstellen, oder es nicht gelingt, den Kindern (wenn auch nur im Bewusstsein) zu signalisieren: Ich weiß wovon ihr sprecht, entgehen der Lehrkraft enorm wichtige und wertvolle Beobachtungsmöglichkeiten. Zudem finden vormals tragende Formen bei den Kindern keine innere Resonanz. Welches Interesse bringen Lernende demjenigen entgegen, der kein Interesse an dem hat, was sie wirklich beschäftigt?

Sensibilisierung für Themen in der realen und digitalen Welt.

Über das kindliche Verhalten im Netz im Bereich der Sozialen Medien herrscht bei den Eltern oft Unkenntnis, wenn nicht gar Desinteresse. So besteht eine Gesprächsmöglichkeit darin, die 5. Klasse für die Frage  "Was gibst du in einem Steckbrief von dir preis?" zu sensibilisieren. Dies geschieht aber nicht in einem Frage-Antwort-Automatismus oder auf einem Arbeitsblatt, sondern wird anhand selber erarbeiteter Szenen zur Frage  "Was ist eine Freundin im realen Leben"? Und daran anknüpfend die Frage:  "Was weiß man von einer realen Freundin?",  "Was ist Vertrauen?" erarbeitet. Hier kommen in szenischen Darstellungen oft real erlebte Momente ins Bild, von denen die Fünftklässler ganz offen berichten. Daran schließt sich die Frage nach Anonymität an, die ja in zwei Richtungen zu bedenken ist: Die eigene Anonymität und die der anderen Menschen. Auch hier berichten die Lernenden offen über selbst gemachte oder von anderen berichtete Erfahrungen.

Medienführerschein

Im November und Dezember 2021 konnte in Rottweil die erste Umsetzungsphase des Pilotprojekts "Medienführerschein für Waldorfschulen" beginnen. Nachdem die praktische Erprobungsphase durch die Covid-19- Krise und später durch den Wechselunterricht 2020 mehrmals aufgeschoben werden musste, startete das Pilotprojekt mit einem mehrköpfigen Team in Teilen des Unterrichts der 5., 6. und 7. Klasse. Fester Bestandteil des in zwei Blöcken konzipierten Pilotprojekts sind neben Interventionen in den Klassen eine "In House" Lehrer:innenfortbildung und insgesamt zwei Elternabende, die Mitarbeiter:innen des Lehrstuhls für Medienpädagogik auch zum Thema Jugendmedienschutz gestalten.

Das pro Klasse und Schuljahr insgesamt acht Doppelstunden umfassende Angebot sieht Themen aus der Medienpädagogik vor und möchte Lernende durch altersgerechte Ansprache für Themen aus dem Bereich digitale Medien sensibilisieren. Und weil beim Lernen die Nacht eine wichtige Rolle spielt, kommt das Team an mehreren Tagen hintereinander, im ersten von zwei Blöcken sogar mit Wochenabstand.

Medienpädagogische Konzepte in Waldorfschulen

Das erweiterte Angebot des Lehrstuhls für Medienpädagogik umfasst seit 2019 auch die Unterstützung der Kollegien in den Waldorfschulen mit Workshops und Projektplanung zur Erstellung eines schuleigenen medienpädagogischen Konzeptes. Die Erarbeitung eines standortspezifischen Medienkonzeptes gehört in den Bereich der Schulentwicklung und ist eine von vielen Herausforderungen, denen sich Kollegien in Waldorfschulen stellen. Im Beratungsangebot für die Erstellung eines schulischen Medienkonzeptes für Waldorfschulen sind Workshops, Projektplanung und Good Practise Tipps für die Kollegien enthalten. Um den Kollegien möglichst passgenaue Beratung geben zu können, wird das Angebot und die Art der Durchführung fortlaufend weiterentwickelt. Die Entwicklung eines medienpädagogischen Konzeptes bewirkt langfristig, dass sich sowohl die Eltern als auch die Schülerinnen und Schüler in ihren zeitgemäßen Bedürfnissen wahrgenommen fühlen.

Zur Autorin:
Katinka Penert ist ist Lehrerin für Eurythmie und Medienkunde. Ihre Schwerpunkte sind Entwicklung von Medienkonzepten und Medienführerschein für Waldorfschulen. Sie lebt und arbeitet in Winterthur und Stuttgart.

Links:

Bildung in der digitalen vernetzten Welt ("Dagstuhl-Erklärung" Download)

Fortbildung Medienführerschein, Stuttgart, 1.7.2022–3.7.2022