Zum Hauptinhalt springen

Weichenstellungen zur neuen Schule

Sieben Vorschläge für eine Schule der Zukunft.

Unsere Kinder und Jugendlichen sind in den letzten Jahren im Sozialen mehr deformiert worden, als in all den Jahrzehnten zuvor. Die "Generation Corona" wird diesbezüglich unzweifelhaft in die Schulgeschichte eingehen. Genauso wie die Fridays for Future, World of Warcraft- und die Ukrainekrieg-Generation. Umso merkwürdiger scheint es, dass es trotz der epochalen Umwälzungen an den Schulen keinerlei Anstalten gibt, sich diesen neuen Herausforderungen zu stellen.

In diesem Beitrag sollen sieben Vorschläge in die Diskussion geworfen werden, die m.E. darüber entscheiden werden, ob unsere Schulen zukunftsfähig sein werden.

Entschulung der Schule

In den letzten Jahren ist die Institutionalisierung der Kindheit in Deutschland dramatisch fortgeschritten. Beispielsweise hat uns dies auch die "Schulaufsicht" während der Zeit der Pandemie drastisch vor Augen geführt.

Stattdessen wäre die erste grundlegende erste Weiche so zu stellen, dass Schule und Leben stärker zusammenkommen. Unberücksichtigt geblieben ist beispielsweise, dass Rudolf Steiner die Waldorfschulen so konzipierte, dass organische, lebendige Formen des Lernens über den ganzen Tag hin bis in den Abend hinein möglich gewesen wären. Nachdrücklich hat er auf die Bedeutung der lebenspraktischen Bezüge der Schule hingewiesen. "Nur wird in dieser Einheitsschule alles das drinnen sein, was für das Leben drinnen sein muss, und wenn es nicht drinnen wäre, würden wir in das soziale Unheil noch stärker hineinkommen, als wir jetzt drinnen sind. Lebenskunde muss aller Unterricht geben."[1]

Friedenspädagogik

Wegen der unseligen Verschulung der Schulen lassen sich die SchülerInnen auf das offizielle Programm der Schule nur soweit ein, wie es unbedingt nötig ist. Ihre sozialen Erfahrungen organisieren sie hingegen auf fragwürdigen Hinterbühnen. Dies führte jedoch dazu, dass im letzten Jahrzehnt das Ausmaß an Jugendgewalt um das Dreifache angestiegen ist.[2] Gewalt, gesellschaftliche Konflikte, mediale Gewaltdarstellungen, bis hin zu Kriegen unweit der eigenen Landesgrenzen prägen heute mehr denn je die Lebenswelt von jungen Menschen.

Als orientierendes Beispiel soll an dieser Stelle der Politiker und Pädagoge Kurt Hahn angeführt werden. Im Sinne von William James suchte er nach dem "moralischen Äquivalent des Krieges" – und fand die karitativen Dienste für die schulische Charaktererziehung. Deshalb gehöre von Anfang an beispielsweise der Rettungsdienst, die Seenotrettung, die Erste Hilfe, der Einsatz bei Feuerwehr, Rotes Kreuz, Bergwacht, Technischer Hilfsdienst… in die Herzkammer seines Schulkonzeptes.

Aber auch interkulturelle Projekte, die der Völkerverständigung dienen, oder ein echter Schüleraustausch, dem der Abbau von Ausländerfeindlichkeit, Rassismus und Neokolonialismus zugutekommen, sind hier zu empfehlen.

Umwelterziehung

Die Entfremdung von der sozialen Mitwelt geht in der Regel einher mit der Entfremdung von der natürlichen Umwelt. Diese schreitet in einem alarmierenden Tempo voran. Laut Studien verlieren unsere Kinder und Jugendlichen seit den 1990er Jahren in einem atemberaubenden Ausmaß den Bezug zur Natur.[3] Im Zeitalter der Klimakrise ist dies jedoch fatal, da die Rettung des Klimas, der Umwelt und letztlich unseres Planeten nur erfolgen kann, wenn unsere Generation einen ausreichend starken Bezug zur Natur aufgebaut hat. Denn Studien haben herausgefunden, dass nur echte Erlebnisse in der Natur die jungen Menschen befähigen, sich für den Umweltschutz zu engagieren. Wer schlicht und ergreifend in seiner Kindheit Lagerfeuer angezündet hat und Baumhäuser gebaut hat, wird sich mit dreimal so hoher Wahrscheinlichkeit für den Umweltschutz einsetzen.

Ebenso wissen wir aus genügend Studien, dass der größte Feind des gesunden Naturbezuges die Unterhaltungsmedien sind. Die neue Schule setzt deshalb auf echte Begegnungen der SchülerInnen mit der Natur, gleichzeitig auf eine Befreiung von allen überflüssigen Medialisierungen.

Erlebnis macht Schule

Viele Jahrzehnte sprach man ausschließlich von den kognitiven Leistungen der Schüler. Erst seit etwa Mitte der 1990er Jahre entdeckte man neben dem IQ auch den EQ, die emotionale Intelligenz. Als im Jahre 1997 der Erfolgsautor Daniel Goleman erstmalig ein Buch über Emotionale Intelligenz und kurz davor Howard Gardner das Kultbuch "Abschied vom IQ" veröffentlichte, stießen sie manchem "Pauker" an den Schulen und Hochschulen vor den Kopf. Fortan hätte klar werden können, dass es besonders die emotionalen, sozialen und kreativen Kompetenzen sind, die den Menschen im Leben erfolgreich und glücklich machen. Umso schmerzlicher ist nach wie vor eine nicht seltene didaktische Realität, die Wissen nach der Methode eintrichtert, als dresche man Stroh.

Seit den 1980er Jahren hat die neue pädagogische Richtung der Erlebnispädagogik Einzug in die Schulen gehalten. Aus ihrem Fundus könnten zahlreiche Anregungen zur Erneuerung der Schule genommen werden. Erlebnispädagogische Projekte haben sich vor allem darin bewährt, haltlos gewordene Klassengemeinschaften neu zusammen zu schmieden. Aber auch Klassenfahrten gehören in das jährliche Repertoire jeder Klasse, da sie wie kaum ein anderes Instrument dazu geeignet sind, die zunehmend von Mobbing geplagten Klassen zu befrieden.

Neue Abschlüsse

Die Verteilung gesellschaftlicher Chancen und die damit verbundene Auslese werden von den Jugendlichen als zentrale Funktion von Schule erlebt. Das Ergebnis sind junge Menschen, die auf Auslese, Wettbewerb und Konkurrenz hin sozialisiert werden. Eine weitere Generation also, die nur dann und das lernt, was gute Noten bringt. Kein Wunder, dass diese SchülerInnen später im Berufsleben in der Regel nur "Dienst nach Vorschrift" kennen. Hochgradig alarmierend sind die Zustände in unseren Betrieben, da heute nur noch 14 % aller Beschäftigten sich mit ihrer Arbeit und Einrichtung identifizieren können.[4]

"Aber dass der junge Mensch möglichst lange in dem schulmäßigen Milieu bleibt, das allerdings dann gesund sein muss, darauf ist zu sehen; denn es entspricht eben einfach der inneren Wesenheit des Menschen, nach und nach an das Leben heranzutreten und nicht mit einem Stoß in das Leben hineingeführt zu werden", forderte schon damals Rudolf Steiner vergeblich.[5]

So wäre zu überlegen, die Auslesefunktion der Abschlüsse so weit als möglich zurückzunehmen und diese an die Hochschulen abzugeben.

Konkret könnte dies so aussehen: Bis zur 8. Klasse bleiben die SchülerInnen primär in einem Lernverband, von der 9. bis zur 12. Klasse wird den SchülerInnen eine differenzierte Vielfalt an Lernmöglichkeiten angeboten. Darauf folgt ein erstes Abschlussjahr. Dieses beinhaltet ein individuelles Lernprojekt im Portfoliostil. Ähnlich den Abschlussprojekten in der 12. Klasse der Waldorfschulen, nur mit deutlich mehr Nutzwert für die Welt. Daneben erhalten die SchülerInnen Seminare in einer Art Studium fundamentale, das vor allem der Persönlichkeitsbildung dient. Beispielsweise könnten hier auch Visionssuchen (Vision Quest) und Übergangsrituale von Bedeutung sein. Anschließend folgt das fakultative zweite Abschlussjahr. Dieses besteht vor allem aus einem karitativen Sozialprojekt, sei es ein Freiwilligendienst, ein Praktikum, Jugendseminar, humanitärer Einsatz, eine Studienreise, Freies Studienjahr … So könnten "biografischen Abstürze" nach der Schulzeit vermieden werden.

Selbstbestimmtes Lernen

In einer Zeit, in der der Bürger zunehmend fremdbestimmt wird, braucht es umso mehr eine Erziehung zum freien, selbstbestimmten Menschen. Doch noch immer sind unsere Schulen stark durch fremdbestimmtes Lernen und externe Interessen geprägt. Der Frontalunterricht und die lehrerzentrierten Unterrichtsformen sind bekanntlich nach wie vor beherrschend. Doch sollte die Methode des "autonomen Lernens" nicht nur auf den Unterricht beschränkt bleiben, sondern sollte ein Lernprinzip für die gesamte Schule werden, zumindest für SchülerInnen ab zwölf Jahren.

Dafür könnten schuleigene Jugendgruppen, wie sie schon Rudolf Steiner empfohlen hatte, begründet werden. Ein Schul-Zirkus oder ein Schul- oder Schülerorchester könnten ähnliche Impulse setzen. Eine besondere Rolle können hier auch die Praktika spielen, die verstärkt zum Einsatz kommen sollten. Von der 8. bis zur 12. Klasse finden jährliche Praktika statt, für die die Schule schon von vorneherein einen Monat freihält. Forst-, Landwirtschafts-, Betriebs-, Sozialpraktika haben sich vielerorts schon bewährt.

Holokratische Selbstorganisation

Schule und Bildung allgemein müssen nicht in den Hoheitsbereich des Staates fallen, sondern sollten zunehmend als autonome zivilgesellschaftliche Aufgabe angesehen werden. Zur Finanzierung dieser Aufgabe wurden bereits Modelle wie der "Bildungsgutschein" mehrfach in die öffentliche und wissenschaftliche Diskussion gebracht. Zur Selbstorganisation des freien Bildungswesens gehört aber auch die Selbstorganisation der einzelnen Schule. Bisher werden Schulen als "Regelschulen" durch den Staat bzw. die Schulbehörden und dann vor Ort direktorial geführt. Waldorfschulen werden dagegen durch eine sogenannte "Selbstverwaltung" geführt. Allerdings hat sich im Laufe der letzten Jahrzehnte gezeigt, dass dieses Modell für zunehmend Frustration in den Kollegien sorgt. Dadurch aber wird ein riesiges Potential von Initiativkraft der gesamten Schulgemeinschaft absorbiert. Statt ermüdender Konferenzen, in denen viel debattiert, aber kaum etwas gemacht wird, bietet sich das Mandatsmodell an. Eine Vielzahl gewählter kleiner Mandatsgruppen, die mit umfänglicher Entscheidungsbefugnis ausgestattet sind, organisieren holokratisch das gesamte Schulleben. Die Koordination der Mandatsgruppen kann heterarchisch erfolgen, die Arbeitsweisen sollten produktive agile Projektmanagement-Methoden sein.[6]

15 % unserer Schüler gelten heute als durchgängig schulmüde, 10 % verlassen die Schule ohne Abschluss, mehr und mehr junge Menschen werden zu Schulverweigerern.[7] Wenn die Zeichen der Zeit ernst genommen werden wollen, müssen heute rasch die Weichen an den Schulen neu gestellt werden.

www.eos-erlebnispaedagogik.de

Literatur:


[1] Rudolf Steiner (1919/1996): Geisteswissenschaftliche Behandlung

sozialer und pädagogischer Fragen, GA 192, S. 98

[2] siehe Polizeiliche Kriminalitäts-Statistik

[3] Rainer Brämer, (2021): Jugendreport Natur. Natur auf Distanz. Marburg

[4]gallup.com | machtfit.de

[5] Rudolf Steiner (1922/1990): Die gesunde Entwickelung des Menschwesens, GA 303, S. 258

[6] Michael Birnthaler (2019): Holokratie. 12 Wege zur Organisation 4.0. Freiburg

[7]www.dji.de