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Beziehungsgestaltung für einen gesunden Ganztag

Der Hort als "familienergänzende Einrichtung".

Susanne Vieser im Gespräch mit Yuki Ushio (Hort Kaltental-Stuttgart) und Felix Richter (Hort Silberwaldschule-Stuttgart).

Susanne Vieser: Worauf kommt es Ihnen im "Hort" an?

Felix Richter: Für mich steht im Vordergrund, dass im Hort ein gesundes Gegengewicht zum Vormittag entsteht, wie in einer Familie. Dazu gehören, ein sicherer Ort zu sein, das Spielen- und Ausatmen-Können, um die Häuser ziehen zu können, aber auch, dass die Kinder tätige Erwachsene in ihrem Umfeld erleben können, die etwas Sinnvolles tun. Und Familie lebt natürlich auch von einer rhythmischen und warmen Atmosphäre. Da wird neben den Hausaufgaben auch mal eine Pizza gebacken.

Yuki Ushio: Wir betreuen die Kinder nicht, sondern leben mit ihnen. Wir versuchen die Kinder so wahrnehmen, wie sie sind. Wir gehen nicht davon, was wir von den Kindern wollen, sondern: Was brauchen die Kinder am Nachmittag von uns? Was sind ihre Bedürfnisse? Was brauchen sie dafür, dass sie sich weiterentwicklen? Das unterscheidet uns von den Lehrern.

 

SV: Wie bauen Sie in eine Beziehung zu den Kindern auf?

YU: Wir beobachten, nehmen die Bedürfnisse der Kinder wahr, machen ein wertschätzendes Angebot und gestalten dann gemeinsam den Nachmittag – und das spüren die Kinder. Da wir die Kinder über mehrere Jahre kennen, haben wir gegenseitiges Vertrauen als Grundlage..

FR: Um Beziehungspflege zu betreiben, braucht es die bedingungslose Aufmerksamkeit. Wann erfahren die Kinder heute noch individuelle Aufmerksamkeit? Und zwar, ohne ein Handy in der Hand zu haben, ohne zusagen: "Ich muss aber noch dieses und jenes schnell erledigen." Wo machen sie heute noch die Erfahrung, den Erwachsenen wirklich noch für sich zu haben. Das sind die vielen wertvollen kleinen Momente, dafür muss man sich nicht eine halbe Stunde an die Seite setzen. Es besteht ja in unserem Beruf immer die Gefahr, dass diejenigen, die am lautesten schreien, die meiste Aufmerksamkeit von uns erhalten. Wenn man sich dessen bewusst ist, wendet man sich auch den Stillen zu.

Wir sind Lebens- und Spielraumgestalter. und auch da haben wir auf vielfältigste Art immer die Möglichkeit, auch in Auseinandersetzung mit den Kindern zu gehen: Wir reiben aneinander, zum Beispiel wenn es um Regeln geht – das schafft und festigt Beziehung. Wir finden wieder zueinander zurück. Dann dem Kind auch vorzuleben: Ich mache einen Fehler, es tut mir leid, ich kann mich entschuldigen!

YU: Ja, da zu sein mit seiner Authentizität. Kinder im zweiten Jahrsiebt brauchen authentische Menschen …

FR: Auch das Vertrauen spielt eine wichtige Rolle. Umso länger wir die Kinder begleiten, umso stärker vertrauen uns die Kinder und wir den Kindern, sei es in Spielsituationen oder beim Gang zum Supermarkt um die Ecke – auch das festigt die Beziehungsebene.

 

SV: Es gibt ja auch viel Organisatorisches zu berücksichtigen. Die Kinder haben viele andere Termine. Wie gehen Sie damit um?

YU: Die Eltern wünschen sich dieses, die Schüler wünschen sich jenes. Da immer einen guten gesunden Weg zu finden, das ist eine Kunst. Das muss man abspüren, wenn es zuviel für uns und das Kind wird. Da sagen wir dann auch mal Nein. Zum Beispiel gehen manche Kinder auf die Jugendfarm nebenan, die kommen dann auch selbstständig wieder zurück.

Dann gibt es viele Hausaufgaben, die gemacht werden müssen. Wir haben ja auch viele Grundschüler mit sehr vielen Hausaufgaben, die sie machen müssen. Manchmal bleiben da dann bei drei Stunden Hort nur noch eine Stunde freie Zeit. Ich hatte auch schon die Situation, dass ich gesagt habe: Jetzt geh mal eine Runde spielen, das macht jetzt keinen Sinn mehr für dich, so viele Aufgaben.

FR: Wir entlasten die Familien ganz konkret, denn bei uns geht es Hand in Hand zum Beispiel mit den Instrumentallehrern oder Förderlehrern, sodass die Kinder möglichst viele Termine im Rahmen der Nachmittagsbetreuung wahrnehmen können. Wir merken, wie die Familien teilweise an der Belastungsgrenze sind. Wenn es personell noch zu stemmen ist, gehen wir einmal die Woche zum Schwimmen oder haben verschiedene Ballsport-AGs oder auch die Zirkus-AG. Es besteht der Wunsch, das Angebot weiter auszubauen, um noch attraktiver für die Eltern zu werden.

Das steht dem pädagogisch sinnvolle Arbeiten manchmal gegenüber – man möchte mehr Zeit für eigene Projekte haben oder einfach zum Ausatmen oder für das Freispiel … In Elterngesprächen und Elternabenden weisen wir immer wieder darauf hin, wie wichtig dieser Rhythmus ist und dass man einen klaren, abgesprochenen Wochenplan hat. Wir führen deshalb auch Listen und dann spielt es sich jedes Schuljahr aufs Neue ein. Wir bauen für manche Kinder auch den Tagesablauf um, damit sie früher Hausaufgaben machen können. Alles das geschieht unter dem Gesichtspunkt: Es soll nicht belastender werden für das Kind.

YU: Wir arbeiten mit den Eltern eng zusammen und sagen auch, was wir für das Kind gut finden und was nicht. Wichtig ist die Kommunikation.

SV: Es gibt Lehrer, die geben Hausaufgaben, andere nicht. Braucht es Hausaufgaben aus Ihrer Sicht?

FR: Ja, es braucht Hausaufgaben. Für uns im Hort ist es, ganz angenehm, dass alle Kinder ein gewisses Pensum an Arbeiten zu erledigen haben. Ich halte es für wichtig, dass man sich einen Rhythmus aneignet, etwas außerhalb des Unterrichts zu arbeiten. Es hilft den Kindern schon, auch mal jemand anderen neben sich sitzen zu haben, der es noch mal erklärt. Das soll natürlich immer irgendwie angepasst zum Alter stattfinden – bloß nicht zu viel werden. Die Klassenlehrerinnen haben dadurch eine wunderbare Anlaufstelle, wenn sie sich bei uns eine Rückmeldung holen können, ob es zu viel oder zu wenig Hausaufgaben waren.

YU: Entscheidend ist die Menge der Hausaufgaben. Nicht mehr als eine Seite und nur das, was die Kinder schon in der Schule durchgenommen und verstanden haben.

FR: Wir haben das große Glück, eine junge Schule zu sein, an der aus einer Elterninitiative heraus erst einmal Wünsche an ein Schulkonzept formuliert wurden. Von Tag eins war die Nachmittagsbetreuung mit dabei. Das heißt, wir haben hier einen großen Vorteil gegenüber anderen Waldorfschulen, bei denen das erst später mit hinzukam und wie so ein Anhängsel betrachtet wird und die Stellenwertfrage noch sehr ungeklärt im Raum steht. In den ersten Jahre hatten die Klassenlehrer sogar die Aufgabe, am Nachmittag die Klasse weiter zu begleiten, das heißt, es herrscht in großen Teilen vom Klassenlehrerkollegium eine große Wertschätzung für das, was da am Nachmittag geschieht. Es ist eine Begegnung auf Augenhöhe, und ich glaube, die fehlt an ganz vielen Schulen. Wir sind in jedem Klassenverteiler mit berücksichtigt, wir bekommen mit, was die Klassenlehrerinnen und Klassenlehrer mit den Eltern kommunizieren, wir werden zu den Klassenkonferenzen eingeladen, sprich: Wir sind Teil des Fachkollegiums innerhalb der Klassen. Das ist ein sehr wertvoller Austausch, auf den aus meiner Sicht viel zu selten zurückgegriffen wird. Weil wir noch etwas mehr an den Kindern oder vor allem an den Familien, an der Lebenswirklichkeit der Familien dran sind, stellen wir eine andere Art der Autorität für die Kinder dar; sie erzählen uns andere Dinge, als sie der Klassenlehrerin erzählen würden. Und genau dieses Wissen ist an ganz vielen Stellen, wenn man die Entwicklung von Kindern begleitet und als Erwachsene darüber spricht, unglaublich wertvoll und hilft aus pädagogischer Sicht bei der Betrachtung der Kinder sehr.

Es wäre darüberhinaus aber auch wünschenwert, wenn die Klassenlehrerinnen uns ab und zu besuchen würden.

Wir haben immer wieder festgestellt, dass es sehr wichtig ist, auch in Elterngesprächen gemeinsam zu agieren. Wenn ich jetzt die erste Klasse anschaue: Wir haben 26 von 32 Kindern im Hort und in der Nachmittagsbetreuung angemeldet. Das führt dazu, dass wir viele Elterngespräche haben. Wir sind deshalb dazu übergegangen, dass wir uns einfach gegenseitig einladen in die Elterngespräche, die die Klassenlehrer sowieso machen. Das entlastet ja auch die Familien. Sonst müssten sie einmal im Monat im Hort zum Gespräch und dann nochmals zum Klassenlehrer ins Gespräch. Gleichzeitig beugen wir der Situation vor, wenn es mal irgendwo nicht so rund läuft, dass fragen: Ist alles in Ordnung hier? – Ja, ist alles gut!, und dann laufen sie am nächsten Tag zum Klassenlehrer und sagen: Also, die im Hort haben gesagt, sie hätten überhaupt keine Probleme. Und dann werden wir auf einmal gegeneinander ausgespielt.

YU: Ihr habt ein ziemlich gutes ganzheitliches System.

FR: Genauso auch bei den Unter- und Mittelstufen-Konferenzen. Dazu sind wir auch immer mit eingeladen. Die Schule hat von Anfang an Wert darauf gelegt, dass auch in den Selbstverwaltungsgremien selbstverständlich die Hortmitarbeiter mit drin sind, ob es im Einschulungs-Untersuchungsteam ist, bei der Öffentlichkeitsarbeit ...

SV: Themenwechsel – Was essen die Kinder? Wie essen die Kinder? Und wie kommt das Essen in den Hort? Bekommen die Kinder mit, wie Nahrungsmittel entstehen oder wie gekocht wird?

YU: Wir kochen in der Gruppe selbst für alle Kinder. Wir achten darauf, dass wir biologische Lebensmittel möglichst aus der Region haben. Wir kochen selber so, dass es uns schmeckt und uns guttut. Was wir im Team immer wieder besprechen, ist, dass wir darin bewusst Vorbild sein wollen, dass wir gerne mit Freude und Spaß kochen und essen. Die Kinder steigen irgendwann mit ein und essen selbst Salat. Wir zwingen die Kinder aber nicht, etwas essen müssen oder dann keinen Nachtisch bekommen. Wir schaffen einen Raum, wo sie sich selber entscheiden können und gerne essen. Das ist für uns wichtig, dass wir eine solche Kultur haben.

FR: Da werde ich ganz neidisch, wenn ich höre, dass ihr selber kochen könnt! Dieses Selbstkochen versuchen wir ein bisschen am Nachmittag nachzuholen, auch wenn es nur ein kleines Vesper oder Snack ist, wie Zimtschnecken oder kleine Pizza-Stückchen. Es gibt dabei zwei leitende Fragestellungen: Wie gehen wir pädagogisch mit dem Essen um, das wir haben? Und, was haben wir an Essen zur Verfügung und wie ist die Qualität? Wir haben hier knapp 370 Schüler. Man hat sich damals beim Bau gegen eine Küche entschieden. Die Schule ist nicht ausreichend groß genug, als dass sich das lohnen würde;  weder personell noch finanziell. Es ist für uns leider unvorstellbar, ein Essen in Bio-Qualität anzubieten. Das ist traurig, aber Realität. Wir sind zumindest froh, nachdem wir in den letzten fünf Jahren dreimal den Caterer gewechselt haben, endlich einen gefunden haben, bei dem das Essen wenigstens schmeckt und wir den Eindruck haben, dass Verständnis für ein alters- und kindgerechtes Essen vorhanden ist. Es ist vollwertig und entspricht den DGE-Vorschriften. Dennoch ist es nach wie vor eine schwierige Geschichte. Vor allem gibt es sehr viele Kinder, die sehr wählerisch geworden sind, was das Essen angeht. Es gibt immer mehr erst einmal eine Ablehnung und Verweigerungshaltung. Ich habe den Eindruck, dass in den Familien ganz stark der Wunsch des Kindes, was es gerne essen möchte, immer stärker Gewichtung bekommt, was dazu führt, dass zum Teil ungesunde Essgewohnheiten bestehen und es sich schwer auf unser Essensangebot einlassen kann. Wir versuchen das humorvoll, spielerisch zu umschiffen. Je nach Alter kann man da verschiedene Wege finden, wie man den Kindern das Essen doch irgendwie schmackhaft macht oder sie zumindest sie dazu bewegt, ein Stück davon zu probieren. Ansonsten haben wir für die Kinder immer ausreichend Knäckebrot und Rohkost in den Kühlschränken; die Kinder gehen nie hungrig vom Tisch.

Zum Essen gehört, dass die Kinder das Gemeinschaftliche erleben, den Wert von Gesprächskultur – all das versuchen wir umzusetzen. Wir versuchen die Tische nicht allzu groß zu machen, und dass immer ein Erwachsener mit am Tisch sitzt.

SV: Was unterstützt die gesunde Entwicklung der Kinder in der Ganztagesbetreuung besonders?

FR: Das sind ganz viele Dinge. Dazu gehören Ball- und Fangspiele, die Auseinandersetzung mit Frustrationsgrenzen im Spiel, dass das Fantasiespiel im Gegensatz zur Schule hier noch bis zum neunten, zehnten Lebensjahr möglich ist. Wenn es uns gelingt, den Raum für dieses Fantasiespiel zu schaffen und die Kinder eintauchen, dann muss der Erwachsene fernbleiben. In dem Moment, wo ich am Horizont auftauche, zerplatzt dieses Spiel, das für die Kinder viele gesundende Aspekte beeinhaltet.

Schließlich dass wir den Raum bieten, dass die Kinder sowohl ihren Bewegungsdrang ausleben können als auch Rückzugsmöglichkeiten haben. Dass wir darauf vorbereitet sind und dass wir diesen Bedürfnisse nachkommen, hat etwas Gesundes.

Dass die Kinder Erwachsene um sich herum zu haben, die ihnen die volle Aufmerksamkeit schenken, ist etwas Wertvolles. Erwachsene, die Humor haben, Orientierung und Sicherheit geben – auch wenn es mal um etwas Unangenehmes geht, wie das Sand-Spielzeug auswaschen oder Hausaufgaben machen. Das alles macht Kinder resilienzfähig, und diese Kräfte nehmen sie bis in ihr Erwachsenenleben mit.

YU: Es ist uns wichtig für die Zukunft der Kinder, dass sie Kindheit noch erleben können. Das ist die Basis für das Leben.