Zum Hauptinhalt springen

Der Birkenhof

Im August 2019 wurden die Birkenzwerge gegründet – ein Waldorf-Waldkindergarten mit einem Häuschen inmitten eines Birkenwäldchens.

Die einzige Gruppe besteht aus 20 Kindern, die das Geschehen auf dem Birkenhof, sowie den Verlauf der Jahreszeiten hautnah miterleben.

Der Kindergarten ist Teil der Gemeinschaft "Birkenhof", die aus einem landwirtschaftlichen Betrieb mit Milcherzeugung, Ackerbau, einer Backstube, einem Hofladen, Lieferdienst einem Hofcafé und einem sogenannten Altersgarten besteht. Der Kindergarten ist dem Hof angegliedert.  Die Kinder besuchen die Tiere einmal wöchentlich und haben einen Raum im Hofgebäude, in dem sie Mittag essen und ihre Mittagsruhe halten.

Regelmäßig begegnen sie den Menschen aus dem Altersgarten und treffen sich zu einzelnen gemeinsamen Tätigkeiten. Das jüngste Mitglied der Gemeinschaft ist ein zweijähriges Kindergartenkind, das älteste eine 90jährige Dame.

 

Susanne Vieser | Was hat Sie dazu geführt, dass Sie in einem Wald-Waldorfkindergarten auf einem Bauernhof tätig sind?

Mariana Vasconcelos | Es waren die Eltern, die sich gewünscht haben, dass hier auf dem Birkenhof ein Kindergarten entsteht. Vorher gab es über mehrere Jahre eine Eltern-Kind-Gruppe hier auf dem Hof, die sich einmal in der Woche traf. Zusammen mit den "Birkenhöflern" haben wir die Idee aufgegriffen und es war zur Freude aller schnell klar, dass wir hier in dieser Gemeinschaft einen Kindergarten haben werden. Hier ist es wunderschön, und diese Möglichkeit, in so einer Gemeinschaft in einem Kindergarten tätig zu sein, mit allem, was dazu gehört – Landwirtschaft, Tiere, Generationen untereinander –, all das war uns wichtig: Und vor allem natürlich der Birkenwald. Das ist ja etwas ganz Besonderes, wirklich den ganzen Vormittag im Wald zu sein. Anfangs war ein Wald-Waldorfkindergarten gar nicht geplant, sondern ein Bauernhofwaldorfkindergarten. Aber ein entsprechendes Gebäude hier auf dem Hof hätten wir nicht finanzieren können. Dann kam der Vorschlag einen Waldkindergarten zu gründen. Zuerst waren wir skeptisch, aber im Nachhinein sind wir sehr dankbar, dass es ein Waldkindergarten geworden ist. Schnell haben wir beobachtet, wie unsere Kinder ganz ins Spiel in der Natur eintauchen. Jeder Tag ist ein Geschenk.

 

 

SV | Was sind die wesentlichsten Elemente des Konzepts – ist das jetzt die Natur, der Wald, die Landwirtschaft, die Generationen, Waldorf?

Melanie Kromer | An erster Stelle auf jeden Fall die Waldorfpädagogik. Wir sind Waldorferzieherinnen, das ist einfach die Pädagogik, die unseren Alltag begleitet. Dadurch dass wir in einem Waldkindergarten arbeiten, ist dieser prägende Aspekt jeden Tag zu erleben. Ein weiteres wesentliches Element ist der Wald. Was die Kinder mit nichts anderem als den Bäumen, dem Waldboden, alles das, was es im Wald gibt, schaffen und spielen und wie wir sie erleben können, fast ohne ein Spielzeug, das ist eigentlich das Prägende. Diese Möglichkeiten, wie die Kinder sich entwickeln können, indem alle Sinne angesprochen werden, wenn wir zu den Tieren gehen oder auch die Tätigkeiten in der Landwirtschaft miterleben, das ist ein Riesenspektrum an Möglichkeiten, die Kinder haben und ihre Sinne entfalten können. Das ist ein hauptsächlicher Aspekt, wirklich in der Natur und im Wald mit den Kindern zu leben.

 

SV | Wie wird durch dieses Konzept die Gesundheit der Kinder gestärkt? Sie hatten zum Beispiel von der Entfaltung der Sinne gesprochen ...

MV | Durch alles! Alle Sinne werden im Wald angesprochen, wenn sie auf Bäume klettern, balancieren, im Kontakt mit der Erde/Waldboden kommen. Wir haben den Eindruck, dass das Immunsystem der Kinder im Wald gestärkt wird. Von vielen Kindergärten rundherum hören wir, dass die Kinder viel krank sind. Dieses Draußensein an der Luft … Die Kinder erleben ja alle Jahreszeiten hautnah. Sie erleben die Wärme und die Kälte. Da kommt auch mal Erde in den Mund durch dieses In-Berührung-Kommen mit verschiedenen Naturmaterialien. Da wirkt einfach so viel gesundend auf das Kind in diesem ganz tatsächlichen und ganz dichten Berührt sein, dem ganz Eintauchen können in all diese Elemente, wie auch Wasser, Feuer, Luft und unterschiedliches Wetter – einfach all dies, das so aufs Kind wirken, dass wir glauben, dass es stärkend ist.

 

 

SV | Können Sie auch etwas zur seelischen und sozialen Gesundheit sagen?

MV | Die Kinder haben – das erleben wir als sehr positiv – ja sehr viel Platz. Wir haben einen nicht eingezäunten Wald. Nur auf der einen Seite gibt es eine eingezäunte Kuhweide; ansonsten wissen die Kinder, bis wohin sie gehen dürfen. Der Umkreis ist relativ groß, sie haben also viel Freiheit. Sie sind nicht so eng zusammen wie in kleinen Räumlichkeiten. Trotzdem begegnen sie sich und haben genauso Reibereien, bei welchen   sie in die Auseinandersetzung mit einem anderen Kind zurechtkommen müssen. Wir haben eine sehr lange freie Spielzeit, über zwei Stunden täglich etwa. Gerne spielen die älteren und die jüngeren Kinder zusammen in der Matschgrube. Wir haben die Begegnungen mit den Menschen die auf dem Hof arbeiten und leben. Die älteren Menschen, mit welchen wir uns mindestens viermal im Jahr treffen zu jeder Jahreszeit und gemeinsam etwas erleben und die Kinder von den älteren Menschen lernen und umgekehrt. Wir sind also im sozialen Miteinander alle zusammen. Wir haben auch vier U3-Kinder, das heißt vom zweiten bis zum sechsten Lebensjahr, da findet auch ein soziales Miteinander in der gemischten Altersgruppe statt. Das soziale Geschehen und das emotionale Erleben haben wir hier genauso wie überall anders auch, dass die Kinder mal weinen, dass sie mal traurig sind, dass sie mal freudig und fröhlich und lustig sind. Es ist in der Freiheit einfach alles möglich, in jeder Hinsicht. Ich fragte mich anfangs, ob die kleineren Kinder in den ersten Lebensjahren mehr Hülle brauchen. Dann habe ich mich damit beschäftigt: Wie können wir Hülle im Wald schaffen? Unser Wald ist unser Zuhause. Die Kinder fühlen sich wohl und beheimatet und wir geben die Hülle.

 

SV | Es finden ja auch Begegnungen zwischen den Generationen stattfindet. Wie wirkt sich das auf die gesunde Entwicklung der Kinder aus?

MK | Wir verbringen mit den Altersgärtnern regelmäßig Zeit und sind zusammen tätig. Beim letzten Treffen holten wir gemeinsam aus den Sonnenblumen die Kerne heraus und füllten sie als Vogelfutter in Säckchen ab. Die Kinder nehmen diese älteren Menschen wahr, wie wir in aller Ruhe mit ihnen sprechen, also entsprechend ihrem Alter behutsam mit ihnen umgehen, auch vorsichtig sind wenn sie am Rollator gehen oder am Stock: Ja, ich kann hier schon ein bisschen unterstützen, indem ich Rücksicht nehme oder mal leise bin. All diese Dinge wirken auf die Kinder wie wir mit diesen älteren Menschen umgehen, wie wir uns verhalten, wie wir zusammen sind, mit Respekt und mit Rücksichtnahme, aber auch mit viel Freude. Wenn die Kinder ebenso erleben, dass die älteren Menschen auf sie freundlich einwirken und das Freundliche und Zugewandte von den älteren Menschen auf die Kinder wirkt, hat das eine sehr positive Wirkung auf die Kinder. Das ist ein Kreisen, ein Geben und Nehmen. Wenn das bleibt, ist es eine gesunde Begegnung.

 

SV | Was erleben die Kinder, wenn sie mit den Tieren zusammen sind?

MV und MK | Wir haben, neben Kühen, Hühnern, Ziegen, Schweinen, Hunden und Katzen – sie gehören zu unserem Alltag – ein besonderes Tier, eine Katze, Ronny, die bei uns im Wald ein Zuhause gefunden hat. Ronny kommt jeden Morgen zu uns, begrüßt uns, bleibt bei uns, spielt mit uns. Die Kinder helfen täglich, Ronny zu pflegen; er gehört zu uns. Da kann man sehr gut beobachten, wie die Kinder sich um Ronny kümmern und wie wichtig Ronny für die Kinder ist. Wie gehts dem Ronny? Wo bleibt der Ronny?  

Es gibt einen "Tiere-Tag" in der Woche, an dem wir nicht pflegerisch aktiv sind, aber die Tiere besuchen. Es ist ein Vorhaben von uns, in Absprache mit den Betriebswirten irgendwann dann doch auch mal tätig werden zu können. Es gibt uns ja noch nicht so viele Jahre, es ist noch ein Zukunftsprojekt. Das Schöne ist, wenn wir zum Beispiel die Kühe besuchen, zu erleben: Wie nahe gehen die Kinder an die Tiere? Trauen sie sich, das Tier anzufassen? Wir haben auch zwei Esel, die sich streicheln lassen. Welches Kind mag den Esel streicheln, welches Kind aber nicht, weil es ihm ein bisschen ungeheuer ist, weil es ein bisschen Angst hat. Doch die allgemeine Freude der Kinder tut allen gut. Wir hatten auch zwei Kinder mit Förderbedarf. Da war es sehr interessant zu beobachten, wie diese Kinder ganz zur Ruhe gekommen sind, wenn sie einen Esel gestreichelt haben, ganz in sich geruht haben, nur in Verbindung mit diesem Esel waren.

Solche Begegnungen sind stärkend.  Es werden mehrere Sinne angesprochen, sie spüren, riechen und hören die Tiere. Die Kinder mögen das sehr. Als wir einmal in den Kuhstall kamen, haben alle Kühe gefressen, alle hatten ihren Kopf durch das Holzgitter gesteckt und gefressen. Dieser Dampf, der aufstieg, bildete eine wunderbare Atmosphäre. Da werden alle auch ganz ruhig und staunen. Die Kinder haben ein Erlebnis davon, wie die Tiere sich verhalten.

 

 

SV | Sie bieten auch Essen für die Kinder an. Wird selbst gekocht?

MV | Wir haben eine Köchin. Die tägliche Mahlzeit wird aus den Hofprodukten zubereitet.

 

SV | Sind die Kinder mit dabei oder macht das die Köchin ganz allein?

MV | Die Köchin bereitet die Mahlzeiten alleine vor. Dass sie beim Mittagessen mitwirken können, ist zeitlich und räumlich nicht möglich. Das Frühstück bereiten wir mit den Kindern zu, sie helfen gerne dabei. Den einzelnen Wochentagen ist jeweils ein Frühstück zugeordnet, das die Kinder genau kennen und z.B. mittwochs die Brötchen, welche wir über dem Feuer backen, gerne mitformen. Als die Köchin einmal krank war und nur wenige Kinder da waren, haben wir dann selbst das Mittagessen zubereitet, aber das gehört nicht zu unserem Alltag.

 

SV | Vielen Dank für das Gespräch!