Gegenwärtig, bedürfnisorientiert und mit Freude

Claudia Grah-Wittich ist Diplom-Sozialarbeiterin und arbeitet in der Frühförderung und Elternberatung am "hof" in Frankfurt-Niederursel, wo sie das Pädagogisch-therapeutische Zentrums mit aufbaute. Sie ist Fachreferentin für frühe Kindheit, Dozentin an verschiedenen Ausbildungsstätten und Mitglied in der Arbeitsgruppe "Schwangerschaft, Geburt und frühe Kindheit" der Medizinischen Sektion am Goetheanum.
Wie arbeitet die anthroposophische Frühförderstelle am "hof"?
Die Frühförderung steht in Hessen Kindern im Vorschulalter, die behindert oder von einer Behinderung bedroht sind, zur Verfügung, das heißt bei allen Arten von Verhaltes- und Entwicklungsauffälligkeiten (§ 46 Absatz 4 SGB IX). Wenn ein Antrag auf Frühförderung von Seiten des Sozialrathauses der Stadt Frankfurt genehmigt wird, steht den Kindern im Prinzip bis zum Schuleintritt eine Therapiestunde in der Woche zur Verfügung und den Eltern je nach Bedarf Elternberatung.
Wir arbeiten im Rahmen der Früherkennung niederschwellig, das heißt, jede Familie oder Elternteil kann sein Kind einer Frühförderstelle in Frankfurt vorstellen oder zur Beratung kommen und dann gegebenenfalls mit der Frühförderstelle einen Antrag stellen. 180 Familien werden im Haus des Kindes derzeit von pädagogisch, heilpädagogisch und psychologisch ausgebildeten Mitarbeitenden betreut.
Wir führen auf der Basis einer Anamnese einen Diagnostischen Block durch. Die Zusammenarbeit mit den Eltern, dem Kinderarzt, der Einrichtung oder dem Sozial-Pädiatrischen-Zentrum schließt sich daran an. Ein Antrag wird beim Sozialrathaus von den Eltern eingereicht. Die Therapiestunde 1 x pro Woche ist individuell auf das Kind und seine Entwicklung abgestimmt. Wir arbeiten sowohl im Außenbereich, im angrenzenden Naturpädagogischen Zentrum, am Bach, mit Tieren sowie in unseren Therapieräumen mit den viele Möglichkeiten der Nachreifung in Bezug auf die Entwicklung der unteren Sinne. Kletterparcours, Kirschkernbäder, Hängematte, Fußbad, Einreibungen und auch heileurythmische und kunsttherapeutische Elemente sind möglich.
Wo erleben Sie dabei die besonders fördernden Maßnahmen zur gesunden Entwicklung der Kinder?
Hilfreich ist die Möglichkeit, individuell auf die Kinder eingehen zu können und mit ihnen eine Beziehung aufzubauen. Ein wichtiger Schwerpunkt für die Selbstregulation ist es, die Kinder in ihren Lebenskräften zu stabilisieren, als Basis für die Nachentfaltung und jede Veränderung. Mut für neue Erfahrungen braucht Vitalität. Dann können die unteren Sinne tätig werden, Wahrnehmungen verarbeitet werden und die Orientierung in der Umgebung ist weniger geprägt von Ängsten.

Sind aus Ihrer Sicht die heutigen Kinder – und scheinbar vor allem Jungs – auffälliger?
Jungens sind oft weniger angepasst als Mädchen. Sie zeigen vehementer und körperlicher ihr Unwohlsein. Die Betreuungseinrichtungen stellen hinsichtlich der Größe der Räume, des Lärmpegels und der Gruppengrößen eine große Herausforderung für die Jungs dar. Es gibt wenige männliche Bezugspersonen in den Einrichtungen. Jungens suchen die Grenzen körperlich, sie müssen viele Möglichkeiten haben, ihre Kraftdosierungen auszuprobieren. Immer wieder wird bestätigt, dass sich die Kinder, die in der Wahrnehmungsverarbeitung Schwierigkeiten haben oder emotional instabil sind, im Außenbereich und in der Natur weniger auffällig sind.
Lassen sich aus Ihrer Sicht die Ursachen für diese neuen Bedarfe oder Defizite der Kinder benennen?
Zwei große Bereiche fallen auf: die oft unkontrollierte Nutzung von Medien, die es den Kindern sehr schwer macht, ein Verhältnis zur Wirklichkeit zu bekommen, und die vielen Familien mit Migrationshintergrund, die es sowohl sprachlich wie kulturell schwer haben, sich in ihrer Situation wohl zu fühlen, schließlich die zunehmende Zahl von Alleinerziehenden. Es gibt noch eine weiteren Punkt, der zunimmt: Eltern, die psychisch belastet sind und damit den Kindern keine sichere Bindung geben können. Jedes vierte Kind in Deutschland ist davon betroffen.
Was brauchen Kinder heute also besonders, um sich gesund entwickeln zu können?
Mit einem Bild von Gerald Hüter gesprochen: Wurzeln und Flügel. Wie können wir Kindern das Vertrauen geben, dass sie richtig sind auf der Welt und in ihrem Leib. Anders gesagt, wie können wir sie unterstützen, den oft "engen" Leib zu ergreifen und dabei nicht aufzugeben. Spiegeln wir ihnen, dass wir ihr viel größeres seelisch-geistiges Vermögen sehen? Sie brauchen Sicherheit und Urvertrauen, um die Hürde der Inkarnation zu meistern. Kinder sind angewiesen auf Menschen, die sie wahrnehmen und Interesse an ihrem individuellen Weg haben. Können wir in der Umgebung größtmögliche Angebote machen, dass Kinder sich ausprobieren, die Welt selbstständig entdecken und Erfahrungen machen können, die ihnen helfen sich in ihrem Leib zu beheimaten. Für beides sind die Erwachsenen als erste Umgebung der Kinder in ihrer inneren Haltung wesentlich. Wie sie sich bewegen, was sie fühlen und denken, gibt den Kindern nicht nur ein Vorbild, sondern schafft Raum für die Entwicklung.

Welche Ihrer Erfahrungen oder Methoden lassen sich niederschwellig im Alltag von Familie, Krippe, Kindergarten und Schule umsetzen?
Sowohl in der Familie wie auch bei der Beratung in Einrichtungen gibt es für uns drei sehr klare Bereiche, die wir anzuregen versuchen: 1. Gelingt es den Erwachsenen in der Gegenwärtigkeit zu leben, wenn sie mit Kindern zusammen sind, und können sie aus der Wahrnehmung und Beobachtung der Kinder ihre Bedürfnisse erkennen? 2. Haben Kinder genügend Zeit und Gelegenheiten, um sich selber auszuprobieren? Sind die Angebote auf die Entwicklungsbedarfe der Kinder ausgerichtet? 3. Wie sind die Momente des Zusammenseins mit Kinder gestaltet, so dass die Kinder sich wahrgenommen fühlen? Werden Mahlzeiten, Pflegesituation genutzt, um Freude am Miteinander zu haben?
Wie und wodurch können Eltern in ihrer Erziehungsaufgabe unterstützt werden, damit die gesunde Entwicklung der Kinder gestärkt wird?
Zunächst müssen wir die Eltern in ihren Sorgen und Nöten ernst nehmen. Wenn wir als pädagogisch Tätige die Eltern ernst nehmen, schaffen wir die Voraussetzung für ihre Zuwendung an die Kinder. Alle Eltern – so unsere Erfahrung – kennen gelungene Momente in ihrer eigenen Kindheit. Fragen wir danach, so sehen sie, dass sie doch wissen, was gut ist. Die Natur ist unschätzbar für das Zusammensein von Erwachsenen und Kindern. Geben wir ganz konkrete Anregungen, wie es gelingen kann, sich so zu organisieren, dass sie mit ihren Kindern zusammen die Natur entdecken. Fragen wir sie nach dem Rhythmus in ihrem Tageslauf, nach den Übergängen und finden heraus, was sie belastet. Zählen wir auf ihre Fähigkeiten zur Veränderung und regen wir sie an, für das Miteinander in der Familie neue Szenarien zu entwerfen.
Sie sind ja in vielen anderen Zusammenhängen tätig. Können Sie kurz schildern, inwiefern Ihre dortige Tätigkeit die gesunde Entwicklung von Kindern unterstützt?
Mein Haupt-Ziel ist es, die Erwachsenen zu erreichen. In unserer Weiterbildung "Eltern-beraten, Kinder NEU sehen lernen" haben wir für die Erwachsenenbildung eine erfolgreiche Methodik-Didaktik entwickelt, einerseits durch das Studium der Anthroposophie, dann durch zahlreiche Übungen und Eigenarbeit, die den eigenen Bezug zu den anthropologischen Themen finden lassen. Wir spiegeln mit zahlreichen Videos die gelungenen Interaktionen mit den Kindern, zeigen, wie ihre wunderbare Spiel- und Bewegungsentwicklung gefördert werden kann, als Beispiele dafür, wie sie in den Alltag mit Kindern integriert werden können. Eine sehr wichtige Ergänzung ist die Hospitation zur Qualitätssicherung im Alltag einer Einrichtung. Auch hier arbeiten wir mit Videographien. So können die Tätigen selber sehen, was schon gelungen ist und was noch der Überprüfung bedarf. Interessanterweise ist der österreichische Waldorfbund sehr aktiv dabei, die Qualität in den Einrichtungen zu verbessern. Das kollegiale Miteinander ist außerordentlich förderlich für die Freude, die so in einem wieder neu belebt wird. Das kommt dann eins zu eins den Kindern zugute.
Die Fragen stellte Susanne Vieser.
