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Spielraum mit Pikler

Wesentlich ist, dass das Kind möglichst viele Dinge selbst entdeckt.

Anne Kohler ist diplomierte Pikler®-Pädagogin, Waldorferzieherin und Elternberaterin frühe Kindheit und gründete 2006 den Spielraum für die frühe Kindheit.

"Wesentlich ist, dass das Kind möglichst viele Dinge selbst entdeckt. Wenn wir ihm bei der Lösung aller Aufgaben behilflich sind, berauben wir es gerade dessen, was für seine geistige Entwicklung das Wichtigste ist. Ein Kind, das durch selbständige Experimente etwas erreicht, erwirbt ein ganz andersartiges Wissen als eines, dem die Lösung fertig geboten wird."

Emmi Pikler

 

Susanne Vieser: Was sind die leitenden pädagogischen Ideen des Pikler-Spielraums?

Anne Kohler: Der Pikler Spielraum für die frühe Kindheit ist ein Angebot für Kinder ab fünf Monaten bis zu einem Alter von drei Jahren und ihren Eltern. Im Wesentlichen geht es im Pikler Spielraum um drei große Themen. Um den achtsamen und respektvollen Umgang mit dem Kind, um die autonome Bewegungsentwicklung und das freie Spiel. Alle drei Aspekte unterstützen und fördern die Selbständigkeit und das Selbstvertrauen des Kindes und sind Voraussetzung, damit sich die Persönlichkeit am besten entfalten und gesund entwickeln kann.

 

SV: Inwiefern unterstützt Ihre Arbeit die gesunde Entwicklung der Kinder?

AK: Indem das Kind, seinem eigenen Rhythmus folgend, in einer vorbereiteten, sicheren, altersgerechten Umgebung, seinem Entdeckungsdrang, seiner Bewegungsfreude, seinen momentanen Empfindungen und Interessen sowie seinen selbstgewählten Ruhephasen nachkommen kann, findet es zu einem inneren und äußeren Gleichgewicht. Die Möglichkeit, im freien Spiel ungestört seinen eigenen Bedürfnissen und Möglichkeiten nachgehen zu können und sich zu betätigen, fördert nicht nur die Zufriedenheit und Ausgeglichenheit, sondern auch die Ausdauer und Konzentration des Kindes. Das alles trägt zu einer gesunden Entwicklung der Kinder bei.

 

SV: Nehmen Sie im Verlauf eines Kurses mit zwölf bis vierzehn Terminen einen gesundheitliche Entwicklung an den Kindern wahr, den Sie in einen Zusammenhang zum Angebot in der Spielraumgruppe bringen können?

AK: Man kann beobachten, wie sich über eine gewisse Zeit ängstliche, schüchterne oder unsichere Kinder immer mehr zumuten und zutrauen. Wenn man sie nicht drängt, sondern ihnen die notwendige Zeit und das geeignete Material zur Verfügung stellt, finden sie früher oder später zu ihren eigenen Versuchen und Unternehmungen. Jedes Kind entwickelt dabei seine eigenen Vorlieben und macht seine ganz persönlichen Erfahrungen. Das wachsende Kompetenzerlebnis stärkt es in seinem Selbstvertrauen. Es spürt seine Selbstwirksamkeit, wird unabhängiger vom Erwachsenen und kann stolz auf seine eigenen Leistungen sein. Es lernt die Freude am eigenen Gelingen kennen, Frustrationstoleranz zu entwickeln, Grenzen zu akzeptieren, Angst zu überwinden und beharrlich zu probieren. Beschleunigung und Hilfestellung dagegen machen das Kind unsicher und abhängig vom Erwachsenen. Auch Kinder, die sich zu viel zumuten, lernen in so einer Umgebung, Gefahren einschätzen und ihre Grenzen kennen.

Der feste Ablauf eines Kurstermins und der gemeinsame Ausklang geht auf die Bedürfnisse der Kinder nach Wiederholung und Rhythmus ein und vermittelt ihnen Sicherheit und Orientierung. Sicherheit und Orientierung sind wesentliche Gesichtspunkte für eine gesunde Entwicklung.

 

 

SV: Wodurch wird erlebbar, dass sich das Angebot gesund in das Leben des Kindes einfügt?

AK: Wenn die Kinder durch die Begleitung der Spielraumleiterin und durch die Wiederholung der Regeln, genügend Sicherheit im Raum und in sich entwickelt haben, wenn sie Situationen einschätzen können und selbstständig aktiv sind, dann haben sie die Voraussetzung, um in einer größeren Gemeinschaft ihren Platz zu finden, Kontakte zu knüpfen und zu einem friedlichen und sozialen Miteinander zu finden.

 

SV: Welche Rolle spielen die Eltern in der Spielraumsituation?

AK: Im Pikler Spielraum nehmen die Eltern eine beobachtende Rolle ein, das bedeutet, dass sie von einem Platz im Raum aus ihr Kind beobachten und wahrnehmen. Sie greifen nicht direkt in das Spiel der Kinder ein, sie animieren, beschleunigen oder bewerten auch nicht. Sie stellen sich mehr zur Verfügung, schenken dem Kind Aufmerksamkeit und versuchen Worte zu finden, wenn ihnen ihr Kind etwas zeigen oder mitteilen will. Die Eltern sind für ihr Kind da, wann immer es Trost, Nähe oder Kontakt braucht. Die Eltern lernen mit der Zeit, sich zurückzunehmen und darauf zu vertrauen, dass die Kinder kleine Schwierigkeiten im Beisein der Spielraumleiterin weitgehend selbst meistern können und das den Kindern nicht sofort Hilfe oder fertige Lösungen angeboten werden. Das Kind lernt durch eigene Versuche am meisten und erfährt durch sein Tun, dass es sich selbst helfen kann. Bei schwierigen oder ausweglosen Versuchen steht die Spielraumleiterin den Kindern zuverlässig und unterstützend zur Seite.

 

SV: Was nehmen die Eltern aus dieser Erfahrung mit und wie kann sich das auf die gesunde Entwicklung der Kinder auswirken?

AK: Der Spielraum ist nicht nur für die Kinder, sondern auch für die Eltern ein Entdeckungs- und Selbsterfahrungsraum. Er unterstützt und begleitet mit seinem pädagogischen Ansatz nach Emmi Pikler die Eltern in der Erziehungsaufgabe und ihrer Beziehung zum Kind. Den Eltern wird außerhalb des Alltags die Möglichkeit geboten, die Eigenaktivität ihrer Kinder zu beobachten und "neu" sehen zu lernen sowie die vielfältigen Spielhandlungen, Bewegungsformen und Entwicklungsprozesse zu verstehen und angemessen zu begleiten. Die Eltern lernen, sich bewusst zurückzunehmen und die Initiative zunächst den Kindern zu überlassen. Sie lernen achtsam zu sein, auf die Kompetenz der Kinder zu vertrauen und ihnen zu Hause eine anregende und sichere Spielumgebung zu bieten.

Das alles wirkt sich auf das Wohl- und Sicherheitsgefühl und letztendlich auf seine Gesundheit aus.

https://www.spielraum-stuttgart.de