Zur Kontroverse des späteren Schulbeginns

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Eine Schweizer Studie (1) von Mai und Juni 2020 zeigt, dass 15- bis 17-Jährige bei neun Stunden Schlaf gegenüber einer Kontrollgruppe von Mai bis Juli 2017 zwar bessere Gesundheitswerte im KIDSCREEN-10 erreichen (und weniger Alkohol und Koffein-Konsum aufweisen), zugleich aber häufiger unter depressiven Symptomen leiden.
Es fallen einem gleich mehrere Gründe ein, warum hier schwer vergleichbare Lebenssituationen untersucht wurden und auch die Teilnahme an einer solchen Online-Umfrage schon einen möglicherweise verzerrenden Effekt haben. 2017 haben ca. 38% der Schülerinnen und Schüler geantwortet, 2020 ca. 23%. Würde jemand, dem es ohnehin nicht gut geht, an einer Online-Befragung teilnehmen? Unabhängig von dieser Ausnahmesituation zeigen mehrere Studien, dass schon geringfügig späterer Unterricht (beispielsweise 8 Uhr versus 7:40 Uhr in Basel [2] Jugendlichen zu besseren Schulleistungen und mehr Wachheit verhilft. Chronobiologisch werden Jugendliche Eulen – das ist gut bekannt.
Es stehen einem späteren Unterrichtsbeginn aber manche Hindernisse im Weg: Es bräuchte eine Betreuung für die, die früher kommen müssen (beim Gleitzeitmodell) und zusätzliche Schulbusse für die, die später fahren können. Wenn die Schule häufiger über Mittag geht, muss auch eine Schulküche mit entsprechen-der personeller Besetzung vorhanden sein. Das sind hohe Ausgaben, die die Umsetzung – neben nicht vorhandenem zusätzlichen Lehr-und Betreuungspersonal – erschweren.
Heute fließen neue und größere schlafhygienische Fragen und Herausforderungen in die Suche nach der besten Lösung ein. Dazu gehört zuallererst die massiv gestiegene Medienzeit. In der eingangs genannten Studie wiesen Jugendliche schon im Frühjahr 2020 eine von durchschnittlich zwei auf dreieinhalb Stunden gestiegene Bildschirmmediennutzung in ihrer Freizeit auf (ohne schulische Online-Zeit). Die Reduktion von Bewegung, Ernährungsqualität, mentaler Gesundheit und Sonnenlichtexposition ist relevant und verschlechtert die Bedingungen für einen guten Schlaf.
Regelmäßig finden wir in der Tagespresse Nachrichten Kinder und Jugendliche betreffend, die hinweisen auf die Zunahme von Übergewicht, Bewegungsmangel, Mangel an Sonnenlicht, desolate mentale Gesundheit und Internet-Sucht. Übergewicht hat kürzlich erstmals die Mangelernährung bei Kindern und Jugendlichen überschritten. All diese Faktoren haben also zusätzlich negative Einflüsse auf die Chronobiologie, Schlafqualität und Schlafdauer.
Lösungen sind komplex
Durchaus wäre schön, wenn es Schulen trotz Personalmangel gelingt, eine Gleitzeit für den Beginn einzurichten, indem man mit Frage-und Übungsstunden beginnt. Dadurch wäre auch Familien geholfen, die einen beruflich bedingten früheren Rhythmus haben. Ein (im Idealfall sogar gemeinsames) gesundes Frühstück hat auch noch im Jugendalter eine Gesundheit und Konzentration fördernde Qualität. Ein stabiler Blutzucker unterstützt kognitive Leistungen. Regelmäßige Essenszeiten unterstützen zudem den chronobiologischen Rhythmus.
Gelegentlich wird ein späterer Schulbeginn mit weniger Pausenzeiten kompensiert. Bei der wachsenden Zahl an Erschöpfungssyndromen bei Lehrkräften, Schülerinnen und Schülern sollte jedoch auf ausreichende Pausen unbedingt geachtet werden, auch wenn das zu Ganztagskonzepten führt, die mehr Kosten verursachen. Wenn Schülerinnen und Schüler erst nachmittags wieder ins Tageslicht kommen, steht die Sonne oft schon zu flach für eine Vitamin-D-fördernde Wirkung. Vitamin-D-Mangel führt lange vor dem Vollbild einer Rachitis u. a. zu Konzentrationsproblemen, Schlafstörungen und Infektanfälligkeit, also typischen Problemen des Jugendalters. Der Melatoninabbau braucht morgens Tageslicht – denn nur dann werden wir (insbesondere Jugendliche) wirklich wacher und entsprechend am Abend mit dem erneuten Melatoninanstieg auch richtig müde.
Zeit für Bewegung am Sonnenlicht kann nicht genug beachtet werden! Immer sollte man prüfen, wo Schulwege laufend, skatend oder radfahrend zurückgelegt werden können. Lernen kann auch mal im Freien stattfinden: Zu zweit Vokabeln, Grammatik oder Formeln auswendig lernen, indem man mit Lernkarten um die Schule wandelt. Das wäre nur eine Option, wie Licht, Freude, Bewegung, Interaktion, Kommunikation und Konzentration besser zusammenwirken könnten. Sportunterricht im Freien ist ideal. Parks, Wälder und Schulgelände könnten im Sinne der Gesundheitsförderung an vielen Orten noch besser genutzt werden!
Wie man die Bildschirmmediennutzung heute noch im Zaum halten kann, ist eine gigantische Herausforderung für uns alle und im Jugend-alter die größte Bedrohung für einen gesunden Schlaf. Hier braucht es Aufklärung, handyfreie Schulen und Schlafräume, nachts ausgeschaltete WLANs usw. Ängste, depressive Verstimmungen und andere psychische Probleme nehmen im Zuge des Smartphone-Zeitalters weiter zu und die Corona-Jahre waren ein zusätzlicher Katalysator dieser Entwicklung. Hier braucht es entschiedenere Gegenmaßnahmen. Was am wichtigsten dafür ist: Ein guter Schlaf in der Nacht braucht ein aktives, waches, geselliges, freudiges und immer wieder auch sonniges Dasein am Tag!
1 https://jamanetwork.com/journals/jamanetworkopen/fullarticle/2787630