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20.05.24 | 14:00 Uhr bis 24.05.24 | 14:30 Uhr

Sprache – Sprechen – Kommunikation

Herausforderungen unserer Zeit und Wege zu ihrer Bewältigung

Pfingsttagung 2024

Sprache scheint heute Menschen eher zu trennen als zu verbinden, indem sie der Lüge und Verleumdung dient und damit Hass und Feindschaft bewirkt.

Gleichzeitig bemächtigen sich Chat-Maschinen mittels künstlicher Intelligenz der Sprache und sind als Gesprächspartner willkommen. Dem steht gegenüber, dass Ärzte und Therapeuten die Heilkraft des empathisch gesprochenen Wortes von Mensch zu Mensch entdeckt haben und in ihm das "Herzstück" ihres Berufes sehen.

Ist es nicht auch das Herzstück der Pädagogik? Wie also gestalten wir künftig die Sprachumgebung in Kindheit und Jugend? Schon jetzt fällt es tausenden Kindern schwer, ihr Sprach- und Sprechvermögen regulär zu entwickeln, Lese- und Rechtschreib-Schwächen grassieren. Wie lässt sich die Freude am Umgang mit der Sprache nachhaltig beleben?

Die Tagung möchte Sprache und Sprechen als zukunftsträchtigen Gesundheitsfaktor herausarbeiten durch eine komplexe Zusammenschau der leiblichen, seelischen, künstlerischen, gesellschaftlichen und historischen Dimensionen des gesprochenen Wortes. Die Mitwirkenden aus Pädagogik und Medizin, Kunst und Wissenschaft laden zu gemeinsamer Suche nach neuen Wegen ein.

Veranstalter: Wittener Sprachkolloquium zusammen mit dem Institut für Waldorf-Pädagogik Witten/Annen und dem von-Tessin-Zentrum für Gesundheit und Pädagogik an der Freien Hochschule Stuttgart

Es wirken mit u.a. Ute Basfeld, Dirk Cysarz, Christa Greshake-Ebding, Ulrike Hans, Peter Lutzker, Karin Michael, Jutta Nöthiger, Rainer Patzlaff, Nicolai Petersen

Link zur Anmeldung

Ausführliches Programm (Download)


Text zur Tagung

Projekt Pfingsttagung 2024 "Sprache - Sprechen – Kommunikation"

Was führte zu dieser Initiative?

Das Konzept zu der Tagung entstand aus der Arbeit des "Wittener Sprachkolloquium", einem freien Arbeitskreis von etwa 12 Mitgliedern aus Pädagogik, Sprachwissenschaft, Sprachgestaltung, Medizin und Öffentlichkeitsarbeit.[1] Der Kreis traf sich seit 2020 zweimal jährlich an unserem Institut zu zweitägigen Sitzungen. Er fand sich zusammen unter dem Aspekt, dass die zunehmenden Sprachprobleme unserer Zeit nicht mehr in einzelnen, voneinander getrennten Fach- und Berufsfeldern zu bewältigen sind. Vielmehr sind die Erscheinungen, die wir in Pädagogik, Gesellschaft, öffentlicher Kommunikation, in den Veränderungen von Sprachstrukturen und nicht zuletzt im Bereich von seelischer und leiblicher Gesundheit beobachten, in Zusammenhang miteinander zu sehen.

Die Liste solcher Sprachprobleme ist lang. Viele sind mittlerweile im öffentlichen Bewusstsein angekommen und werden landesweit und international diskutiert. Dazu gehören in erster Linie die alarmierenden Nachrichten aus dem Bildungswesen, dass Kinder und Jugendliche heute in allen Altersstufen Sprachprobleme haben (vgl. SWIFT-, PISA-, IGLU-Studien). Es handelt sich um Spracherwerbsstörungen in der frühen Kindheit, Lese-Rechtschreib-Schwächen, nachlassende Fähigkeiten, längere Texte zu lesen, zu verstehen oder selber zu verfassen, funktionalen Analphabetismus u.ä. Die Schwierigkeiten haben mittlerweile auch den Hochschulbereich erreicht.

In Medien und Politik finden wir Phänomene wie die sog. Radikalisierung und Polarisierung der Kommunikation, Fanatismus, Populismus, abnehmende Bereitschaft zum offenen toleranten Diskurs mit Andersdenkenden, Misstrauen Nachrichten gegenüber ("Lügen­presse"), eine abnehmende Fähigkeit, den Wahrheitsgehalt von Informationen zu beurteilen oder zu recherchieren ("Fake News", "Verschwörungstheorien") usw. Das alles wird durch Zwei- oder Mehrsprachigkeiten verstärkt, hinter denen sich oft eine sog. Halbsprachigkeit verbirgt, wenn nämlich keine der im Alltag gesprochenen Sprachen richtig beherrscht wird.

Sowohl die pädagogischen als auch die allgemeingesellschaftlichen Erscheinungen hängen offen­sichtlich mit der Entwicklung der Technik, vor allem der digitalen Medien zusammen. Dazu gibt es bereits zahlreiche Studien. Mit dem öffentlichen Zugang zu Künstlicher Intelligenz durch ChatGPT im November 2022 wurde in dieser Hinsicht eine neue Dimension erreicht, die sowohl im Bildungswesen als auch auf anderen Sektoren in kurzer Zeit bereits massive Veränderungen hervorgerufen hat. Die neue Frage, die gestellt wird, lautet: Wie erkennt man überhaupt noch, ob ein Mensch oder eine Maschine "spricht"?

Andere Problemfelder sind z.B. der polemisch ausgetragene Dissens über die Veränderung von Sprachnormen (genderneutrale Sprache, Kampf um Wörter, die als diskriminierend, rassistisch eingestuft werden) oder die Abwendung Jugendlicher von der deutschen Sprache überhaupt, verbunden mit einer Zuwendung zum Englischen. Dies ist tendenziell schon länger zu beobachten. Es wurde kürzlich belegt in einer im Oktober 2023 vorgestellten Studie der Kultusministerkonferenz zum Leistungsvermögen von Neuntklässlern in den Fächern Deutsch, Englisch und Französisch. Damit hängen wiederum Fragen des Fremdsprachen­unterrichts zusammen: Warum überhaupt noch eine "zweite" Fremdsprache neben dem Englischen lernen? An Waldorfschulen, die Russisch unterrichten, ist diese Frage schon länger bekannt als "Warum sollen wir Russisch lernen?"

Es ließen sich weitere Bereiche nennen, wo sich der Umgang mit Sprache und Kommuni­kation so stark verändert, dass es direkt Folgen für den Alltag der einzelnen Menschen hat. Besonders bei Kindern werden diese Fragen unmittelbar auch zu Fragen der Gesundheit und der Entwicklung basaler menschlicher Fähigkeiten überhaupt. Dazu gehört ein gesunder stabiler Spracherwerb in der frühen Kindheit im Einklang mit der motorischen und kognitiven Entwicklung, der Sinnesentwicklung, der Entwicklung sozialer Fähigkeiten im Kontakt und Austausch mit anderen Menschen usw.

Zu dem Genannten gibt es auch linguistische Aspekte. Die deutsche Schrift- oder Standard­sprache (meist "Hochsprache" genannt) funktionierte als Bildungsmedium bis in die 1980er Jahre hinein offenbar so gut, dass Sprachentwicklungsprobleme bei Kindern oder Lese-Rechtschreibschwächen noch kein breit in der Öffentlichkeit diskutiertes Thema waren. Solange Bücher und gedruckte Texte als Bildungsmedien unumgänglich waren, gab es auch wenig Problembewusstsein bezüglich der Schriftsprache oder "Buchsprache", wie sie in anderen Ländern auch genannt wird. Mit dem permanenten Rückgang der Printmedien zugunsten des Bildschirms seit Anfang der 1990er Jahre (Einführung des Internets) nahmen die verschiedenen sprachlichen Defizite bei Kindern kontinuierlich zu und wurden der Allgemeinheit spätestens mit dem "PISA-Schock" 2001 bekannt. Trotz aller seitherigen Versuche gegenzusteuern setzt sich der Negativtrend bis heute fort. Wurden 1990 im Schnitt der Studien für Deutschland noch um die 20 % Spracherwerbsstörungen konstatiert, so lagen laut SWIFT-Studie 2021 bereits bei 46,9 % aller Kinder leichte, mittlere oder schwere Probleme im sprachlichen Bereich vor. Das entspricht einem Zuwachs von nahezu einem Prozent pro Jahr.

Daraus leitet sich die Frage ab: Wie haben wir mit der seit Generationen in ihrer Struktur (Grammatik, Rechtschreibung, Aussprache) nahezu unverändert tradierten deutschen Schriftsprache heute im digitalen Zeitalter umzugehen? Was muss beachtet werden, wenn mit Kindern verschiedener Altersstufen mündlich und schriftlich an Sprachfähigkeit und Sprachbewusstsein gearbeitet wird? Welche neuen kreativen Kräfte müssen entwickelt werden, damit die eine oder andere Sprach­varietät in Kindern "anwachsen" kann? Worauf müssen Erzieher:innen und Lehrer:innen in den einzelnen Klassenstufen besonders achten, sowohl in ihrem eigenen mündlichen und schriftlichen Sprachgebrauch als auch bei dem der Kinder? Welche Merkmale der verwendeten Sprache sind wichtig? Welche Rolle spielt z.B. ein persönlicher, individuell gestalteter Sprachstil, ein künstlerisch-bildlicher Umgang mit der Sprache, der die Phantasie und die Nachahmungskräfte anregt oder ein bewussterer Umgang mit lautlich-rhythmischen Qualitäten der Sprache und eine aktive Weiter­entwicklung des Sprechens (vgl. z.B. die Forschungen zu Zusammenhängen zwischen Sprachrhythmen und Herz-/Atem-Rhythmen)?

Auch das Zulassen von regionalsprachlichen Elementen, also eine Diglossie von Dialekt und Schriftsprache, führt, wie man in Bayern vermerkt, keineswegs zu einer Verminderung der Bildungschancen, sondern im Gegenteil zu höherer sprachlicher Kompetenz (übrigens ganz im Sinne zahlreicher Ausführungen Rudolf Steiners zur Dialektologie). Dies wirft wiederum ein Licht auch auf den pädagogischen Wert des Fremdsprachenunterrichts als gezielte und methodisch begründete Einarbeitung in eine andere Sprachwelt. Ebenso gibt es Anzeichen dafür, dass die Beschäftigung mit historischen Sprachstufen (Goethe, Shakespeare, Parzival…) nicht, wie das in der Praxis – auch in der Waldorfschule – oft geschieht, verringert werden sollte, weil wir das nicht mehr "brauchen". Aus der Praxis gibt es im Gegenteil Berichte, dass Schüler:innen gerade durch das Erleben früherer Sprach­formen den gegenwärtigen Sprachgebrauch auf neue Weise und "objektiver" beurteilen können, also tatsächlich "Sprachkompetenz" entwickeln.

In der Arbeit des Wittener Sprachkolloquiums wurden Fragen wie die genannten unter Einbeziehung anthroposophischer Gesichtspunkte diskutiert. Zu diesen gehört in erster Linie die von Rudolf Steiner begründete Menschenkunde, die der Waldorfpädagogik und der anthroposophischen Medizin zugrunde liegt. Hier gibt es seit langem Praxiserfahrung und eine rege Forschungstätigkeit. Ähnliches gilt für künstlerische und therapeutische Tätigkeits­felder, etwa die Sprachgestaltung, Sprachtherapie, Eurythmie und Heileurythmie. Weniger bekannt sind Steiners Schriften und Vorträge sowie zahllose einzelne im Gesamtwerk verstreute Auseinandersetzungen mit dem Thema "Sprache" unter vielen anderen Gesichtspunkten. Sie sind oft eher dem Bereich Sprachwissenschaft in einem erweiterten Sinne zuzurechnen. Dazu gehören Themen wie z.B. die Sprachentwicklung der Menschheit als Ganzes, ihr Zusammenhang mit Kulturgeschichte und Bewusstseinsentwicklung, die Interpretation von Phänomenen der Etymologie, Grammatik und Stilistik, die Charakteri­sierung zahlreicher alter und neuer Einzelsprachen unter verschiedenen Aspekten, die Behandlung der Varietätenfrage (Schriftsprache, Dialekt, Umgangssprache usw.), das Verhältnis der Sprache zu Geistes-, Rechts- und Wirtschaftsleben, Aspekte zukünftiger Entwicklungen, spirituelle Hintergründe des Sprachwesens u.v.a.

Diese vielen Hinweise und Anregungen zu weiterer Forschung und Bearbeitung haben bisher nur teilweise Perzeption und Bearbeitung gefunden. Sie können jedoch nach Auffassung des Kolloquiums hilfreich sein, um gegenwärtige Entwicklungen in ihren Ursachen besser zu verstehen und gestaltend in sie einzugreifen. Dazu gehört u.a. ein Gedanke, der in einfachen Worten etwa so ausgedrückt werden kann: Auf seinem Weg zu Individualität und Freiheit muss sich der Mensch ebenso wie von der Natur auch von der Sprache emanzipie­ren. Damit sind jedoch unweigerlich auch Zerstörungs- und Niedergangsprozesse verbunden. Das bedeutet, dass der Mensch aufgerufen ist, seine sprachliche "Natur" ebenso bewusst zu ergreifen und pflegen zu lernen wie die äußere Natur. Dadurch kann er Kräfte entwickeln, die einer künftigen Entwicklung von Freiheit und Gemeinschaft zugute kommen. Solche Perspek­tiven, wie wir sie im Steinerschen Werk unter vielen Aspekten und mit vielen Begründungen finden, können Mut machen, sich trotz der düsteren Stimmung, die Klimawandel und Sprachwandel gegenwärtig leicht erzeugen, hoffnungsvoll der Zukunft zuzuwenden.

Hauptanliegen der Tagung ist, die oben skizzierten Fragen und Themen in einen größeren Menschenkreis zu tragen. Allem Anschein nach haben viele Menschen heute ein Bewusstsein davon entwickelt, dass es mit der Sprachentwicklung nicht einfach so weitergeht wie bisher. Unsere Zielgruppe sind in erster Linie Menschen aus pädagogischen und therapeutischen Berufen, darüber hinaus wollen wir mit unserem Programm aber alle Menschen ansprechen, die sich diesen Fragen und Problemen zuwenden wollen oder aus ihrer Lebenspraxis und Berufserfahrung heraus etwas zur vielseitigen interdisziplinären Behandlung der komplexen Thematik beitragen können und wollen.

Damit verbunden ist das Ziel der Tagung. Wir haben die Hoffnung, dass sich zumindest auf dem Feld anthroposophisch orientierter Institutionen und Berufe eine Initiative bildet, die sich dem Kernthema der Tagung "Sprache, Sprechen, Kommunikation" im angedeuteten umfassenden Sinne kontinuierlich zuwendet und die Praxisarbeit zu befruchten versucht, sei es durch Forschung oder Anregung dazu, Publikationen, Fortbildung, Tagungen oder Arbeit im Internet. Diesem Ziel dienen vor allem die Plena am Anfang und Ende der Tagung, aber auch die tägliche Möglichkeit zum Austausch nach den morgendlichen Vorträgen.

Wir freuen uns, dass wir einen großen Kreis von kompetenten Mitwirkenden aus verschie­denen Berufen für die Tagung gewinnen konnten. Alle haben sich auf die eine oder andere Weise ebenfalls schon mit den angegebenen Themen beschäftigt und bringen Erfahrungen aus Öffentlichkeitsarbeit und Fortbildung mit.

Durch die vielen anderen Tätigkeitsfelder der Beteiligten ergeben sich auch zahlreiche Vernetzungen zu anderen anthroposophisch orientierten Initiativen mit ähnlichen Zielset­zungen. Neben dem Waldorf-Institut in Witten und dem von-Tessin-Zentrum ("Pädagogik und Gesundheit") sind das u.a. das seit einigen Jahren laufende Praxisforschungsprojekt "Zukunft Waldorfpädagogik" der Freien Hochschule Stuttgart (mit Schwerpunkt Sprache), der Arbeitskreis "Pädagogik und Sprache", der u.a. Fortbildungen für Unterrichtende in Sprachgestaltung organisiert, die Vereinigung der Waldorfkindergärten, verschiedene Sektionen am Goetheanum in Dornach, die Sprachwochen (English Week, Internationale Deutschwoche u.a.) sowie sonstige Aktivitäten.


[1] Ute Basfeld, Christa Greshake-Ebding, Ulrike Hans, Peter Lutzker, Mathias Maurer, Karin Michael, Sibylle Naito, Jutta Nöthiger, Rainer Patzlaff, Nicolai Petersen, Susanne Speckenbach sowie zeitweilig weitere.

Veranstaltungsort
Institut für Waldorfpädagogik Witten/Annen
Annener Berg 15
58454 Witten
Deutschland
Veranstalter
Institut für Waldorfpädagogik Witten/Annen
Annener Berg 15
58454 Witten
Deutschland
+49 2302 9673-0