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Wer in der freien Natur lernt, lernt anders

Die Waldschule der Klasse 1b an der Freien Waldorfschule Engelberg

Über einen Versuch, pädagogische Alternativen zu entwickeln, die der Pandemiesituation und den daraus resultierenden politischen Schutzmaßnahmen gerecht werden und dennoch seelisch und leiblich gesundend auf Kinder wirken. Beginn: Schuljahr 2020/21

Sabrina Raynoud, Klassenlehrerin

Mit Beginn der Coronapandemie im Jahr 2019 wurden weitreichende politische Vorkehrungen getroffen, die dem Schutz der Bevölkerung zur Ansteckung mit dem SARS COV-2 Virus dienten. Auch die Schulen müssen bis heute entsprechende Maßnahmen (Hygiene, Maskenpflicht und Testung) umsetzen. Die Freie Waldorfschule Engelberg setzte zu jedem Zeitpunkt den Maßnahmenkatalog der Landesregierung entsprechend der Verordnung um. Das Projekt Waldschule war der Versuch verordnungskonform eine gesunde Lernumgebung für die Kinder der ersten Klasse zu schaffen.
 

Die Ausgangssituation

Im März 2020 hat die Landesregierung Baden-Württemberg die Pflicht zum Tragen einer Maske in Innenräumen auch für Grundschüler angeordnet. Aufgrund der hohen Aerosolbildung in Innenräumen und der Möglichkeit wenig Abstand halten zu können, erschien dieser Schritt als ein notwendiger. Parallel dazu wurde jedoch auch eine Studie veröffentlicht, welche die Aerosolbildung im Freien und damit die Gefahr der Ansteckung mit Viren auf ein Minimum reduziert sah. 

Zu diesem Zeitpunkt waren die Kinder der Klasse 1b vom Sommer bis zu den Weihnachtsferien 12 Wochen in der Schule. Nach den Ferien bis Anfang März waren die Kinder im Homeschooling.

Mit Einführung der Maskenpflicht sollte der Versuch gewagt werden, eng an die Verordnung gebunden, die Kinder dennoch mit ausreichend Abstand an der frischen Luft ohne Maske unterrichten zu können. Im Wechselmodell umfasste die Klasse maximal 12 Schüler. Dennoch wurde bereits zu Beginn darauf Wert gelegt, dass das Umfeld der Waldschule auch der ganzen Klasse (24 Schüler) die Möglichkeit zu ausreichend Abstand bot.
 

Eine Mammutaufgabe für die Elterngemeinschaft

Die Haltung gegenüber dem Umgang mit der Coronapandemie spaltet die Meinungen der Menschen. Strikte Maßnahmenbefürworter auf der einen Seite stehen denen gegenüber, die eine Aufhebung aller (politischen) Restriktionen fordern. Zwischen diesen beiden Extrempositionen gibt es ein breites Spektrum an Menschen, die das Pandemiegeschehen durchaus ernst nehmen, bestimmte Maßnahmen und Restriktionen jedoch auch hinterfragen – eine Gaußsche Verteilung, wie in der Elternschaft der 1b festgestellt wurde.

Der Impuls zur Etablierung einer Waldschule kam von der Klassenlehrerin. Die Idee für den Ort auch. (Der Engelberg verfügt aktuell noch über eine wunderschön abgelegene ehemalige Lehrersiedlung, eingerahmt von Natur. Dort fand, etwas abseits im Wald am Hang gelegen, das jährlich stattfindende "Lagerleben" statt, mit überdachter Grillstelle und genügend Raum für ein Klassenzimmer und einen Pausenhof. Nun galt es, einen Konsens in der Elternschaft zu erreichen, denn ein solches Projekt muss sowohl pädagogisch, inhaltlich als auch geistig mit ganzem Herzen von allen Beteiligten der Klassengemeinschaft getragen werden. 

Die Eltern starteten klassenintern eine anonyme Umfrage. Wer möchte sein Kind mit Maske in die Schule setzen? Wer möchte es im Homeschooling belassen? Wer kann sich vorstellen, an der frischen Luft das Kind ohne Maske unterrichten zu lassen. Der einstimmige Konsens der Elternschaft sah die pädagogischen als auch gesundheitlichen Vorteile der Waldschule.

Mit einem einstimmigen Votum machte sich ein Teil der Elternschaft auf, die Waldschule zu bestücken: Eine Tafel wurde gebaut, 24 kleine Holzbänke (Maße 1,5 Meter, um entsprechend Abstand ermöglichen zu können) und 24 Schreibbretter. Jedes Kind hatte ein Sitzkissen im Ranzen, so dass bei Schreib- oder Zeichenübungen das Bänkchen mit dem Schreibbrett zum Tisch wurde, die Kinder also hinter der Bank auf dem Sitzkissen knieten. 

Es wurde ein Fass angeschafft, dass die Möglichkeit bot, fließend Wasser zu haben. Ein großes Zelt und ein kleines Beizelt wurden aufgestellt, um die Kinder vor Regen zu schützen. Die Grillstelle wurde mit Holz bestückt und zeitweise kamen morgens selbst organisiert Eltern, die vor Schulbeginn die Waldschule heizten, das heißt, Feuer an der Feuerstelle entfachten.

So konnten die Kinder den Hauptunterricht sowie den von der Klassenlehrerin gehaltenen Fachunterricht (sofern dieser im Anschluss an den Hauptunterricht stattfand) im Freien in der Waldschule absolvieren. Leider konnte keine Lösung für den Fachunterricht der KollegInnen gefunden werden, da die Waldschule im Steinbruch ein Stück weit von der Engelberger Waldorfschule entfernt liegt, was den pünktlichen Anschlussunterricht der KollegInnen beeinflusst hätte. 
 

Pädagogische und gesundheitliche Aspekte

Kinder brauchen Kinder ... und Kinder brauchen Gemeinschaft, um sich im Sozialen üben zu können. Der soziale Aspekt ist sicherlich einer der offensichtlichsten, schaut man sich den pädagogischen Zugewinn durch die Waldschule an. Auch wenn die Kinder zum Teil nur in halben Klassen unterrichtet wurden, so rückten sie schnell als Gemeinschaft zusammen. Man kennt das von gemeinsamen Ausflügen und später dann auch Landschulheimaufenthalten: Man lernt sich in einem anderen, nichtschulischen Kontext kennen und rückt dadurch enger zusammen. Dieser Aspekt ist nicht nur bei den Kindern zu erleben gewesen, sondern auch bei der Elternschaft. Trotz Kontaktbeschränkungen und Onlineelternabenden, also trotz wenig echtem Kontakt im ersten Schuljahr ist die Elterngemeinschaft zusammengerückt. Gemeinsam haben sie das Projekt unterstützt und geistig getragen, auch entgegen aller Widrigkeiten und kritischer Stimmen anderer Eltern.

Die Kinder, vor einem halben Jahr noch Kindergartenkinder, konnten sich weitgehend normal unter Gleichaltrigen bewegen. Sie konnten Emotionen, vielfach durch Mimik dargestellt, von der Lehrerin und ihren MitschülerInnen abnehmen und sich hier weiter entwickeln und üben. Auch das Einführen der Buchstaben, das Abnehmen der Laute durch die visuelle Wahrnehmung wurde nicht gehemmt. Kinder mit Sprachdefiziten konnten so deutlich erkennen, um welchen Laut es sich handelt und waren nicht ausschließlich auf das Gehör angewiesen.

Insgesamt war der Unterricht auf natürliche Weise durchdrungen von vielfachen Sinneserlebnissen: Hören, riechen, schmecken, fühlen, aber auch sich selbst und die Natur spüren – die Kinder konnten das zu Erlernende mit allen Sinnen begreifen.
 

Wer in der freien Natur lernt, lernt anders

Was lernen Kinder in der ersten Klasse im Hauptunterricht? Sie lernen Lesen, Schreiben und anfängliches Rechnen. Sie lernen Formen zu zeichnen, pentatonische Flöte spielen, Gedichte, Lieder und Verse. Sie lernen Aquarellmalen und den Umgang mit den Wachsmalkreiden. Sie lernen aber auch, wie man vom Kindergartenkind zum Schulkind wird.

Das freie Spiel rückt in den Hintergrund, es muss viel länger stillgesessen werden (auch im beweglichen Klassenzimmer) und man muss sich konzentrieren. Gerade das konzentrierte Arbeiten war zunächst schwierig zwischen zwitschernden Vögeln, rauschenden Bäumen, muhenden Kühen oder quakenden Fröschen. Das bisher bekannte Unterrichten musste neu gegriffen werden, um die notwendigen Kulturtechniken auch vermitteln zu können. So lief eines Tages der Jäger Jakob doch tatsächlich am Zelt vorbei, die Kinder lernten das J aus dem Bild und der tatsächlichen Begegnung. 

Insgesamt kann man sicher sagen, dass das konzentrierte Lernen seine Zeit brauchte, bis Rituale und Gewohnheiten in der Waldschule bekannt wurden. Dann war aber ein konzentriertes Arbeiten durchaus möglich, auch über einen längeren Zeitraum hinweg.

Die Kinder erlebten den Jahreslauf besonders intensiv. Die Waldschule startete im noch kalten März, es musste für warme Kleidung und regelmäßig Feuer und Wärme gesorgt werden. Der Unterricht war zu diesem Zeitpunkt deutlich dynamischer und auf viele Bewegungselemente ausgerichtet. Die Pausenzeiten auf dem von den Kindern geliebten Matschberg wurden verlängert, so dass das freie Spiel noch Raum einnehmen konnte: Es wurde geklettert, gebaut, gerutscht. Erwähnenswert ist, dass kein einziges Kind im Zeitraum der Waldschule an Corona erkrankte. Insgesamt zeigten sich die Kinder von einer robusten Gesundheit. Es gab insgesamt kaum Krankheitsfälle während der Waldschule.

Dann erlebten die Erstklässler den beginnenden Frühling. Da alle Buchstaben zu diesem Zeitpunkt eingeführt waren, konnte während der Schreibepoche das Wörterschreiben anhand von Naturerlebnissen geübt werden. Erste Wildkräuter wurden entdeckt, abgepaust und schriftlich benannt. So übten die Erstklässler sich in der Fertigkeit des Schreibens, lernten aber auch den Geschmack von Zitronenmelisse, Schnittlauch, Bärlauch und Sauerampfer kennen. Alle Sinne wurden in dieser Schreibepoche angesprochen – die viel Zuspruch bei den Kindern fand. 

Gerechnet wurde ebenfalls in der Waldschule, mit Materialien die zur Hand waren. Für das klassische Formenzeichnen wurden Formen der Natur (spitze Blätter, lange gerade Halme, runde Blüten) zur Anschauung genommen, bevor die Formen ins Heft übertragen wurden. Später wurden Malbretter von den Eltern mit Tafellack präpariert, so dass vor Ort jeder die Möglichkeit hatte, auch ohne Heft ins Üben zu kommen (was im Klassenzimmer oftmals auf Papier geschah). 

Im Frühling wurden kleine Löcher gegraben und Blumen gesetzt, im Verlauf des nassen Sommers konnte man die Arbeit der Schnecken beobachten. Auch vesperten die Stechmücken hier und da gemeinsam mit den Kindern, spätestens aber, wenn ein warmer Sommerregen Wassersäcke ins Zeltdach machte und die Klassenlehrerin unfreiwillige Wasserduschen bekam, waren die Plagegeister wieder vergessen.
 

Herausforderungen der Waldschule

Mit Abstand und an der frischen Luft konnten viele Dinge realisiert werden, die im geschlossenen Raum mit Maske entweder durch den zu geringen Abstand (zeitweise das Singen und Flöte spielen) verordnungsbedingt nicht durchführbar waren. Logistische Herausforderungen waren sicher das Aquarellfarbenmalen, das zeitweise ausfallen musste und erst später wieder im Klassenraum aufgenommen wurde. Aufgrund des Draußenseins und der wenigen Staumöglichkeiten musste grundsätzlich auf einiges an Material verzichtet werden. Blätter wären durch die Luftfeuchtigkeit nass geworden, Wasserfarben konnten nicht gelagert werden usw.

Auch die Schulranzen sollten durch Rucksäcke ersetzt, nicht zu viel im Gepäck haben – extra Kleidung war an kalten Tagen wichtiger als viele verschiedene bunte Stifte. 

Wenn es zu kalt war, musste leider auch auf das Flöten verzichtet werden, da die Finger einfach zu kalt waren, um sie gut und gerne bewegen zu können. Auch längeres Malen und Schreiben musste dann durch Bewegungselemente ersetzt werden. Pädagogisch bedeutete dies viel mehr Flexibilität im täglichen Tun, oft musste Vorbereitetes der Situation angepasst oder verworfen werden.

Die Kälte war insgesamt sicher immer wieder die größte Herausforderung, für die es bei diesem Projekt weitere Ideen und Initiativen benötigt. Auch eine optimalere Tisch- und Sitzsituation müsste langfristig für ein Draußenzimmer geschaffen werden.

Facts

Ansprechpartner:Sabrina Raynoud
Projektort:Freie Waldorfschule Engelberg
Projektzeitraum:1. Klasse, ganzjährig
Aktivität:#anderslernen, #wald
Fotos:privat