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"Teilnehmen lassen an dem Leben"

Die handlungspädagogische Kleinklasse an der Freien Waldorfschule Marburg

An der Freien Waldorfschule Marburg beschäftigt sich schon seit einigen Jahren eine kleine Gruppe mit dem Ansatz der HANDLUNGSPÄDAGOGIK, wie er auf dem CSA-Hof Pente entwickelt wurde. Gleichzeitig zeigte sich im Rahmen der Aufnahmen von Schulanfänger:innen immer stärker der Bedarf, vor allem für den Einstieg in die Schule neue Lernumgebungen zu ermöglichen. Mit dem Beschluss, eine Kleinklasse parallel zu einer regulären Klasse einzurichten, bot sich die Gelegenheit, auch pädagogisch neue Wege zu gehen. So entstand das Pilotprojekt "Handlungspädagogische Kleinklasse", das fortlaufend dokumentiert und evaluiert werden soll.

Miriam Watson-Kastell, Klassenlehrerin

An der Freien Waldorfschule Marburg beschäftigt sich schon seit einigen Jahren eine kleine Gruppe mit dem Ansatz der HANDLUNGSPÄDAGOGIK, wie er auf dem CSA-Hof Pente entwickelt wurde. Gleichzeitig zeigte sich im Rahmen der Aufnahmen von Schulanfänger:innen immer stärker der Bedarf, vor allem für den Einstieg in die Schule neue Lernumgebungen zu ermöglichen. Mit dem Beschluss, eine Kleinklasse parallel zu einer regulären Klasse einzurichten, bot sich die Gelegenheit, auch pädagogisch neue Wege zu gehen. So entstand das Pilotprojekt "Handlungspädagogische Kleinklasse", das fortlaufend dokumentiert und evaluiert werden soll.

In dem Konzept dieser Klasse werden neben den anthroposophischen Grundlagen neue Impulse und Anforderungen des 21. Jahrhunderts aufgenommen. Das Bildungsangebot der klassischen Waldorfschule soll erweitert und eine NEUE BEZIEHUNGS- UND LERNKULTUR erprobt werden. Die begleitenden Lehrkräfte unterrichten größtenteils verschiedene Fächer und bringen diese den Schüler:innen in Form von Projekten nahe. Durch die Einbeziehung von neuen Bereichen, wie Gartenbau oder Hauswirtschaft, prägt der Jahreslauf und sinnhaftes Handeln den Alltag dieser Klasse. Auch für künstlerisches Tun wird es viel Freiräume geben.

Das Team der Handlungspädagogischen Kleinklasse möchte handelnd einen anderen Umgang mit Natur und Lebewesen vorleben und stellt sich immer wieder die Frage: Was braucht unsere Erde? Gleichzeitig ist diese Klasse der Versuch, den Auftrag der Entwicklungsbegleitung sehr ernst zu nehmen und in stetigem Austausch die Frage zu ergründen: Was brauchen die Kinder? So soll ein Bildungsweg entstehen, der in Zeiten von Krisen und Unsicherheit in vielerlei Hinsicht heilsam wirken kann.
 

Werte und Vision

Dem Konzept der Handlungspädagogischen Kleinklasse liegen Rudolf Steiners menschenkundliche Erkenntnisse und seine Gedanken zur Volkspädagogik zugrunde. Bereits 1919 formulierte Steiner in einem Vortrag folgende Forderung:

"Das wird man lernen müssen, in dieser Zeit den Menschen teilnehmen zu lassen an dem Leben; und Sie werden sehen, wenn wir in dieser Zeit die Bildung so schaffen, daß der Mensch am Leben teilnehmen kann, und wir zugleich doch in der Lage sind, ökonomisch mit dem Unterricht zu verfahren, dann kann es so sein, daß wir wirklich den Menschen eine lebendige Bildung beibringen können."

Rudolf Steiner, (GA 192)

Grundlegend ist die Erkenntnis, dass jede Erziehung immer nur Selbsterziehung sein kann. Es ist Aufgabe der Pädagog:innen, eine für diese Selbsterziehung anregende Umgebung zu schaffen, indem Lernfelder eröffnet werden und die Kinder mit den sie begleitenden Menschen eine fruchtbare Beziehung aufbauen können. Nachhaltiges Handeln und lebenslanges Lernen sollen durch gemeinsames Tun vermittelt werden.

Durch selbstbestimmtes Lernen in Projekten und in freiem Spiel findet Lernzuwachs unbewusst, aber auf allen möglichen Ebenen statt. Die Kinder sollen Selbstwirksamkeit erfahren und lernen, Verantwortung für das eigene Lernen zu übernehmen. Sind sie intrinsisch motiviert, können sie ihre bereits erworbenen Kompetenzen einbringen und weiter ausbilden.

So kann Lernen sehr individuell stattfinden und trotzdem werden durch die Klassengemeinschaft, das Spannungsfeld von Ich und Wir und die damit verbundenen Herausforderungen von Konflikt und Kommunikation die sozialen Fähigkeiten stetig erprobt. In gemeinsamen Besprechungen von Notwendigkeiten, Vereinbarungen und Grenzen werden wertvolle soziale Kompetenzen erworben.

Um die Entfaltung vielfältiger Begabungen zu ermöglichen, sind auch die Arbeitsbereiche sehr unterschiedlich. Die Kinder erleben aber überall die direkten Auswirkungen ihres Schaffens, erhalten konkrete Rückmeldungen und lernen, Verantwortung zu übernehmen. Der Lernprozess wird stets wertschätzend begleitet und Fehler oder Umwege als Teil des Lernwegs gesehen. Im täglichen Miteinander wird der selbstverständliche Umgang mit Unterschieden in Rücksicht und Respekt gelebt. Bei Lernproblemen werden im Team der Pädagog:innen entsprechende Förderangebote gesucht. Unterstützend für alle Kinder wird bei dem Tagesablauf auf einen ausgewogenen Rhythmus von Freiraum und gemeinsamem Tun sowie ausreichend Bewegungsmöglichkeiten geachtet.

Eine besondere Rolle spielt die Haltung der begleitenden Erwachsenen, welche von Respekt vor dem Kind und Vertrauen in seinen Wachstumsprozess geprägt sein soll.

"In Ehrfurcht empfangen, in Liebe erziehen, in Freiheit entlassen."

Rudolf Steiner

Das Lernen durch Nachahmung und Teilhabe erfordert ein waches Bewusstsein der Pädagog:innen für ihre Vorbildfunktion und die Bereitschaft zu fortwährender Selbsterziehung und Veränderung. Sie ermöglichen und begleiten Prozesse, geben Sicherheit und aufmerksame, liebevolle Zuwendung. Das Team der Pädagog:innen wird von einem Expert:innenpool aus Eltern und Mitarbeiter:innen der Schulgemeinschaft unterstützt. Hauptverantwortlich für die Kinder und Ansprechpartnerin für die Eltern ist die Klassenlehrerin, die die Entwicklung der Schüler:innen in regelmäßigen Elternabenden und -gesprächen darstellt.

Auch die räumliche Umgebung soll vielfältige Lern-, Bewegungs-, Spiel- und Erfahrungsmöglichkeiten bieten. Im Klassenzimmer wird es neben einem Bereich mit didaktischem Material für Deutsch, Mathematik, Sachkunde und Sinnesschulung, zusätzlich eine Leseecke und einen Bereich mit Material für künstlerisches Gestalten geben. Nach Absprache können aber auch andere Räumlichkeiten der Freien Waldorfschule Marburg, wie Werkstätten oder die Gartenküche genutzt werden.

Durch differenziertes Wahrnehmen, regelmäßige Dokumentation, wöchentlichen Austausch im Klassenteam, einfache Lerntagebücher oder Projektpräsentationen und eine enge Zusammenarbeit mit den Eltern und Schüler:innen wird der Entwicklungsstand fortlaufend im Blick behalten. Am Ende des Schuljahrs wird das Beobachtete in einem Jahresbericht (Zeugnis) zusammengefasst.
 

Grundlagen

Die Handlungspädagogische Kleinklasse ist eine Parallelklasse zur klassischen 1. Klasse der Freien Waldorfschule Marburg und bedarf keiner gesonderten Genehmigung. Sie orientiert sich bei den Bildungsinhalten an den regulären Klassen der Schule. Die Schule ist eine bisher einzügige Waldorfschule mit gymnasialer Oberstufe, welche alle staatlichen Abschlüsse anbieten kann. Auf dem gleichen Gelände befindet sich der Kindergarten mit Kinderstube (für 1-3-jährige Kinder). Die Kleinklasse startet mit maximal 14 Schüler:innen, soll aber später noch anwachsen.

Zur Schule gehören ein großer Festsaal, eine Schulküche und Räumlichkeiten für eine Nachmittagsbetreuung für die Klassen 1-4. Das Außengelände besteht aus einem großen Schulhof mit Kletterparkour, Rutsche und Nestschaukel, einem Spielgelände für die Nachmittagsbetreuung sowie einem Schulgarten. Ergänzt wird das Gelände durch außerschulische Lernorte, wie den "Heiligen Grund", und geplante Kooperationen mit landwirtschaftlichen Betrieben. Das Klassenzimmer und der Klassengarten befinden sich auf dem Gelände der Freien Waldorfschule Marburg.
 

Umsetzung

Das Lernen im Klassenzimmer findet nach dem Konzept des Bewegten Klassenzimmers und in projektorientierten Lernphasen statt. Hierfür werden zusätzlich variable themen- oder projektorientierte Räume oder Außenbereiche genutzt. Die Schule, ihre Gebäude und die Umgebung sind ein Lernort, welcher vielfältige Bildungsmöglichkeiten bietet.

Zum Klassenareal gehört ein Außengelände, das über einen Arbeitsbereich, Gartenfläche und einen Holzbackofen verfügt. Das Gelände lädt zur Gestaltung ein und kann von den Kindern vielfältig genutzt werden. Bewegliche Materialien wie Kisten, Bretter, Leisten, Tücher, Seile und Arbeitsmaterial zum Gestalten und Bauen sowie Gartengeräte, ein Arbeitstisch, Bänke und eine Feuerstelle sollen den Kindern zur Verfügung stehen.

Zu den Aufgaben des Pädagog:innenteams gehört es, notwendige Veränderungen der Räumlichkeiten und Außenfläche zu erspüren und – gegebenenfalls zusammen mit Schüler:innen und Eltern – Möglichkeiten ihrer Realisierung zu entwickeln.

Zu den möglichen Aktivitäten gehören das Anlegen, Bepflanzen und Pflegen eines Beetes, der Anbau, die Ernte und Verarbeitung von Gemüse, das Reparieren von kleinen Möbeln oder Spielsachen aus dem Kindergarten oder von zu Hause und das Verarbeiten von Wolle.

Das Lernen soll regelmäßig auch außerhalb der Schule stattfinden, um intensive und unmittelbare Erfahrungen zu sammeln. In Frage kommen Wald und Flur, Städte, Handwerksbetriebe, verschiedene Bauernhöfe, Freizeitstätten, kulturelle Einrichtungen wie z.B. Museen, Theater sowie Einrichtungen wie z.B. Altersheime. Angestrebt werden zwei Exkursionstage im Monat. Die Durchführung wird so weit wie möglich von oder mit den Kindern zusammen organisiert. Sowohl im Klassenalltag als auch durch Besuche von Muttersprachler:innen und durch Klassenpartnerschaften soll der immersive Fremdsprachenerwerb gefördert werden. Geplant sind Kontakte mit anderen Waldorfschulen im englischen und französischen Sprachraum, aber auch anderen Ländern.

Das Lernen findet in der Handlungspädagogischen Kleinklasse größtenteils überfachlich statt, das heißt, Querverweise und Verbindungen sind ein grundlegendes Prinzip, welches sich aus den Fragen und Forderungen der Schüler:innen ergibt und dem waldorfpädagogischen Anspruch der Ganzheitlichkeit entspricht.

Die auf diese Weise integrierten Fächer sind Deutsch, Mathematik, Kultur- und Sachkunde, Kunst, Musik, Hauswirtschaft, Handarbeit, Gartenbau, Werken, Englisch, Französisch, Religion, Sport und Eurythmie.

Die Unterrichtszeit der 1. Klasse geht von 7:55 Uhr bis 12:30 Uhr. Um allen Kindern einerseits Raum und Zeit für Aktivitäten zu lassen und doch andererseits die Entwicklung von Zeitgefühl und Orientierung am Tagesablauf zu ermöglichen, wird der Vormittag durch eine immer wiederkehrende Abfolge strukturiert, welche jedoch je nach Jahreszeit oder für größere Projekte und Exkursionen angepasst werden kann. Feste Rituale und Vereinbarungen können ebenfalls helfen, den Tag oder die Woche zu strukturieren. Der Tagesablauf enthält stets einen Morgen- und Abschlusskreis, ein gemeinsames Frühstück, die Lernzeit, die Projektzeit, außerdem Zeit für freies Spiel und das Reinigen des Klassenraums sowie die Pflege des Außengeländes. Hinzu kommen die Jahresfeste, Geburtstage und Ausflüge.

Je nach Projekt können sich die Schüler:innen in selbstgewählten Gruppen zusammen finden oder alleine arbeiten. Die Pädagog:innen achten dabei besonders auf die sozialen Prozesse und unterstützen bei Problemen. Die Schüler:innen können so ihre Teamfähigkeit und soziale Intelligenz in einem geschützten Rahmen erproben.
 

Qualität

Das Team der Handlungspädagogischen Kleinklasse betritt pädagogisches Neuland und versteht sich als Teil eines lernenden Organismus, welcher seine Qualität in einem Kreislauf aus Handeln, Wahrnehmen, Rückmelden, Reflektieren und neuem Handeln weiterentwickelt.

Die Kinder machen Erfahrungen, erleben Erfolge und Misserfolge im Tun und erhalten von den Pädagog:innen Rückmeldungen während des Lerngeschehens. Wahrnehmungen, Aufzeichnungen und Berichte zu den Schüler:innen finden in respektvoller Begleitung statt und werden von der Klassenlehrerin verantwortlich dokumentiert.

Aber auch die Pädagog:innen sollten sich immer selbst als Lernende begreifen und zur Selbstreflexion und Teamarbeit bereit sein. Die Auseinandersetzung mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen, die regelmäßige Weiterbildung zu waldorfpädagogischen und handlungspädagogischen Themen und regelmäßige Hospitationen und Erfahrungsaustausch sind wichtige Voraussetzungen, um lebenslanges Lernen vorzuleben.

Auch für die Eltern sollen neben den Elternabenden weitere Bildungsangebote zur Waldorfpädagogik realisiert werden.

Die mit diesem Klassenkonzept verbundenen Hypothesen über Lernen und die Realisierung der Vision sollen beständig geprüft und das konkrete Tun weiterentwickelt werden. Die Evaluation soll durch das Verständnis als lernende Organisation, Selbstevaluation, kollegiale Evaluation und externe wissenschaftliche Begleitung ermöglicht werden.

Facts

Ansprechpartner:Miriam
Watson-Kastell
Projektort:Waldorfschule Marburg
Projektzeitraum:ganzes Schuljahr
Aktivität:#Kleinklasse, #Handlungspädagogik, #Waldorfschule
Fotos:privat