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Kinder in Krisenzeiten unterstützen – Wie fördern wir in den nächsten Monaten und Jahren die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen?

Wie fördern wir die psychische Gesundheit von Kindern?

Die psychischen Belastungen und Erkrankungen haben während der Corona-Zeit bei Kindern und Jugendlichen zugenommen. Zwänge, Angststörungen, Depressionen und Suizidalität sind in bisher nicht gekanntem Ausmaß angestiegen. Auch die Magersucht tritt bereits bei 25% mehr Jugendlichen auf als noch vor einem Jahr. In der Schule erleben wir, dass Präsenz, Konzentration und Lernfreude nachlassen, während Schulabsentismus und Schulabbruch zunehmen. Das virtuelle Leben mit den Bildschirmmedien zieht viele Kinder und Jugendliche verstärkt in seinen Bann. Eine weitere Belastung stellen die Nachrichten und die spürbaren Folgen des Krieges in der Ukraine dar.

Welche Kraftquellen haben sich in Krisenzeiten besonders bewährt, um diesen Belastungen besser umgehen zu können?

Selbstachtsamkeit und Fremdfürsorge als Voraussetzung

"Wie geht es Dir?" – Diese oft nur formelhaft benutze Frage wirklich ernst zu nehmen und mit echtem Interesse sich selbst zu stellen oder zu äußern, ist eine wichtige Basis. Ein erster Schritt aus Angst und Erschöpfung hinaus ist das Gespräch. Angesprochen werden, gefragt werden, ist wie eine erste Erlösung aus dem eingeengten Blickfeld und der Sprachlosigkeit.

Da sich viele Erwachsene bis zur Erschöpfung schon in der Corona-Krise engagiert haben, ist zunächst Selbstachtsamkeit, Erholung und Gesundung der eigenen Seele Voraussetzung dafür, anderen helfen zu können: Kinder brauchen gesunde, sichere, orientierte Erwachsene. Wer bemerkt, dass er das nicht mehr geben kann, sollte unbedingt zuerst selbst Hilfe erhalten!
 

Wichtigste Grundlagen einer wertschätzenden Kommunikation:

1. einen angemessenen Rahmen mit abgestimmter Zeit und geschütztem Raum herstellen.
2. dem anderen wohlwollend und interessiert zuhören
3. vorgefasste Meinungen und Vorurteile aufgeben
4. in verfahrenen Situationen eine dritte außenstehende Person hinzu bitten
5. in Gruppen und Kollegien kann eine gemeinsame künstlerische Übung zur sozialen und multiperspektivischen Wahrnehmung als Auftakt hilfreich sein.
 

Kinderbesprechungen:

Ein hilfreiches Mittel ist das pädagogische Entwicklungsdialog (die sog. Kinderbesprechung). Wir wenden uns gemeinsam aus allen möglichen Blickwinkeln einem Kind zu und pflegen dabei unmittelbar auch unser gutes Zusammenwirken, Zuhören, Multiperspektivität, pädagogische Phantasie und Wahrnehmungsvermögen. Wenn dies gelingt, merkt jeder, wie man gemeinsam unendlich viel mehr bewirken kann als alleine, nebeneinanderher oder gar gegeneinander.
Was Kinder und Jugendliche jetzt und in Zukunft mehr denn je brauchen: Die zwischenmenschliche Beziehung ist das wirksamste gesundheitsrelevante Mittel.
 

Leibliches Wohlbefinden:

Ernährung ist die erste Grundlage für Wohlbefinden und Rückkehr ins Leben. Schon in der Gestaltung von Mahlzeiten liegen zahlreiche gesundende Faktoren. So können ein schön gedeckter Tisch oder Essraum Freude wecken. Dann spielt es eine Rolle, mit wem man die Mahlzeit verbringt und ob gute Gespräche das Essen begleiten. Nicht zuletzt sind leckere und gesunde Nahrungsmittel eine Wohltat und Kraftquelle. Mahlzeiten sollten Smartphone-freie Zeiten sein, damit man sich wirklich mit allen Sinnen dem Essen und am besten zugleich der Familie oder Tisch-Gemeinschaft zuwenden kann.
 

Rhythmuspflege und Schlaf:

In vielen Elementen des Unterrichts, der Tages- und Wochenstruktur geben Rhythmuselemente Kraft, Sicherheit und Orientierung. Die aktive Gestaltung des Taglebens fördert zugleich den Schlaf. Anspannung und Lösung bewusst zu nutzen, wirkt wie ein Heilmittel.
 

Bewegung und Sinnespflege:

Weitere Faktoren können das körperliche Wohlgefühl bei der Behandlung psychischer Belastungen positiv beeinflussen und eine unterstützende Rolle spielen, die im Schul- und Familienalltag gut umsetzbar sind:

Ein guter Duft im Raum, ausreichend Pausen, Spiel und Bewegung an der frischen Luft können helfen, die Stimmung zu heben. Jüngere Kinder lieben fühlbare Rituale, beispielsweise wenn sie nach dem morgendlichen Händewaschen ein Rosenöl-Goldtröpfchen in die Hände bekommen – Handmassage und Duft in einem! Rituale und verlässliche Verabredungen geben Vertrauen und ein Grundgefühl von Sicherheit zurück. Morgens den Tag mit einem Kreis zu beginnen, in dem Raum und Zeit ist, etwas zu erzählen, etwas Schönes anzuschauen oder einfach eine Kerze anzuzünden. Der Kreis ist wie eine Grundfigur des heilen, schützenden und sicheren Umschlossenseins.

Tast- und Gleichgewichtsspiele können ohne viel Aufwand realisiert werden: Barfußlaufen, auf einem Balken balancieren und vieles mehr, denn Bewegung ist ein anerkanntes Antidepressivum! Das gilt besonders für das Tanzen, das bei verlorener Beziehungsfähigkeit buchstäblich auf die Füße hilft. Lernen kann auch in Bewegung stattfinden. Manch einer lernt sogar im Gehen besser!
 

Kunst und Kreativität:

Alles künstlerische Tun unterstützt das Gefühl von Selbstwirksamkeit, gibt der Seele die Möglichkeit, sich auszudrücken, unaussprechbare Belastungen zu externalisieren oder einfach die Schönheit eines geschaffenen Werkes zu genießen.

Musik befreit und beschwingt die Seele! Endlich wieder singen nach dieser Zeit der eingeengten Lufträume!

Theaterspiel hat vielfältiges Potential, insbesondere für Jugendliche: Man kann aus seiner Haut in eine andere Rolle schlüpfen, über sich selbst hinauswachsen, sich stärker ausdrücken lernen, Gemeinschaft neu erleben ... Es ist ein großartiges Mittel zur Entwicklung kommunikativer Fähigkeiten und zur Persönlichkeitsentfaltung überhaupt!
 

Beziehung zu Menschen und Erde pflegen:

Es kommt darauf an, Erziehung wieder in unmittelbarer menschlicher Beziehung zu erleben, denn: "Der Mensch wird am Du zum Ich." (Martin Buber)

Es braucht wieder vollständige Auszeiten von der Krise, um sozial-emotional zu gesunden und wieder Optimismus zu entwickeln, d.h. Feste, Spielräume oder andere Gelegenheiten, wo Nähe, Berührung, Geselligkeit und Freude ohne Beschränkung ermöglich sind!

Die soziale Fragen sind in der Corona-Krise scharf ins Bewusstsein getreten und die sozialen Unterschiede werden in Kriegszeiten noch deutlicher hervortreten. Im Sozialpraktikum und Sozialkundeunterricht können Jugendliche lebensnah Erfahrungen gesammelt und diskutiert werden.

Sich den ökologischen Bedürfnissen unseres Planeten und einer gesunden Zukunft zu widmen wird Lebensthema der Heranwachsenden sein. Praktika in Umweltschutz, Land- und Forstwirtschaft machen Jugendliche stark und handlungsfähig. Sie werden sich dadurch den großen Zukunftsaufgaben eher gewachsen fühlen, wenn sie in diesen Bereichen konkrete Erfahrungen sammeln können. Das Zusammenleben in einer stabilen Gruppe bei solchen "Einsätzen in und für die Natur" befriedigt zugleich ihr großes Bedürfnis nach Freundschaft und sozialen Übfeldern.

Wertvolle weitere Ideen zur gesundenden Notfallpädagogik der Freunde der Erziehungskunst findet man auf deren Webseite unter der Rubrik "Methoden".

 

Schule als sicherer Ort

Physisch – bauliche Ebene:

Schon bei der baulichen Planung kann man das Entstehen von Schutzräumen berücksichtigen. Wie kann man Schutz vor Lärm, Verkehr und anderen Reizen reduzieren? Wie gestaltet man einen Lieblings-Spielplatz, einen Ort an dem man seine Kräfte messen und seine Aggressionen konstruktiv verwandeln kann oder einen schönen Ruhe-Ort? Ideal ist es, wenn die Schule in ländlicher Umgebung ist. In der Stadt braucht man mehr Phantasie für ein Ausgleich, Bewegung und Naturraum bietendes Schulgelände. Schönheit und künstlerische Gestaltung im Umfeld heben unser Wohlbefinden auch unbemerkt enorm.
 

Lebensebene – rhythmische Gestaltung:

Rhythmus schenkt Kraft, Vertrauen und Sicherheit. Übung und Wiederholung sind zugleich Grundlage für nachhaltiges Lernen und Gedächtnisbildung. Dazu gehören die Gestaltung der Jahresfeste, Monatsfeiern, Epochen, die Unterrichtsgliederung, Wochen- und Tagesstruktur sowie die Pausengestaltung mit ausreichenden Bewegungsmöglichkeiten und eine gesunde Ernährung.
 

Sozial-emotionale Ebene:

Stabile Beziehungen und menschliche Begegnung sind eine seelische Grundsicherung. Insbesondere regelmäßige Kreise oder Versammlungen zum Beginn und Abschluss stellen wichtige Werkzeuge der Pflege des Zusammenlebens dar. Hier kann man Gemeinschaftsbildung, Sozialkompetenz, Gespräch, Zuhören, sich Mitteilen und Diskussion üben. Individuelle Gesprächsangebote, ggf. durch Schulsozialarbeiter*innen, Schulpsycholog*innen, Schulärzt*innen haben sich bewährt.
 

Zur Autorin:
Dr. med. Karin Michael ist Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin, Kindergarten- und Schulärztin und Co-Autorin der Kindersprechstunde.